Der 8. Mai bleibt ein historisch bedeutender Tag — besonders für Deutschland. Nicht nur als Datum der militärischen Niederlage, sondern als Ende eines verbrecherischen Regimes, das Europa verwüstet und Millionen Menschen ermordet hat.
Das sollte man wissen.
Es gehört eigentlich zur Allgemeinbildung — sofern es so etwas überhaupt noch gibt.
Aber man sollte sich keiner Illusion hingeben: Geschichte verliert mit wachsendem zeitlichem Abstand zwangsläufig ihre emotionale Kraft. Das ist keine moralische Verfehlung, sondern anthropologische Normalität.
Junge Menschen heute haben keinen direkten ‚biographischen Schatten‘ des Krieges mehr über ihrem Alltag. Für sie ist der 8. Mai ein Datum unter vielen historischen Daten, die in Schule, Medien und politischen Reden als „wichtig“ markiert werden.
Kein Mensch empfindet heute noch echte Trauer über die Toten der Napoleonischen Kriege. Kaum jemand beschäftigt sich emotional mit dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs. Und genauso wird auch der Zweite Weltkrieg historisiert werden — nicht weil die Verbrechen kleiner würden, sondern weil die Erinnerung zwangsläufig abstrakt wird.
Deshalb besteht die Gefahr, dass das Gedenken ritualisiert. Dass jedes Jahr dieselben Phrasen gesprochen werden, dieselben Kränze niedergelegt werden und dieselben moralischen Formeln zirkulieren — während der tatsächliche innere Bezug schwindet.
Das gilt leider auch für das Holocaust-Gedenken.
Spätestens wenn die Nachkriegsgeneration verschwunden ist, droht aus lebendiger Erinnerung ein offizielles Staatsritual der politischen Klasse und ihrer moralischen Funktionäre zu werden.
Ich bedaure das. Aber ich halte es für unvermeidlich.
Man kann von jungen Menschen auch nicht erwarten, dass sie sich mit derselben existentiellen Intensität mit Ereignissen von vor achtzig Jahren beschäftigen wie jene, deren Familien davon gezeichnet wurden. Das moderne Leben ist überfüllt mit Gegenwart: Krisen, Medienrauschen, ökonomischem Druck, technologischer Beschleunigung und permanenter politischer Überforderung.
Geschichtsbewusstsein konkurriert heute mit tausend anderen Ansprüchen an Aufmerksamkeit.
Umso wichtiger wäre wenigstens ein nüchterner historischer Kernbestand: zu wissen, was am 8. Mai endete, warum es endete und weshalb Deutschland allen Grund hat, diesen Tag ernst zu nehmen. Mehr wird man realistisch gesehen von der Mehrheit kaum erwarten können.
Die Vorstellung allerdings, große Teile der Bevölkerung würden dauerhaft eine tiefe moralische oder emotionale Beziehung zu diesem Datum bewahren, dürfte eine Illusion sein.