Danke erstmal für den Krautreporter-Artikel, sehr erhellend.
Es bleibt die Frage aller Fragen… an denen die Linke immer schon verzweifelt ist.
Ich habe mir den Spaß erlaubt, ChatGPT zu befragen

Das Phänomen, dass Menschen in Krisensituationen dazu neigen, sich politisch „nach rechts“ zu orientieren, obwohl dies möglicherweise gegen ihre objektiven ökonomischen Interessen und langfristig Freiheitsrechte gefährden könnte, ist ein komplexes und vielschichtiges Thema. Es gibt mehrere Erklärungsansätze für dieses Verhalten:
1. Angst und Unsicherheit: In Krisenzeiten steigt oft das Gefühl von Unsicherheit und Angst. Menschen suchen in solchen Situationen nach stabilen Strukturen und Lösungen, die ihnen Sicherheit vermitteln. Rechte politische Ansichten werden manchmal als Mittel angesehen, um diese Unsicherheit zu mildern, da sie vermeintlich einfache Lösungen und klare Antworten auf komplexe Probleme bieten.
2. Verlust aversives Verhalten: Menschen sind oft stärker motiviert, Verluste zu vermeiden als Gewinne zu erzielen. In Krisenzeiten kann das Verlangen nach Vermeidung von Verlusten dazu führen, dass Menschen politische Ansichten unterstützen, die auf Konservatismus und Absicherung abzielen, auch wenn dies langfristig gesehen nicht ihren wirtschaftlichen Interessen entsprechen mag.
3. Gruppenzugehörigkeit und Identität: In Zeiten der Krise suchen Menschen oft nach sozialer Zugehörigkeit und Identität. Rechte politische Bewegungen können eine starke Gruppenzugehörigkeit und ein Gefühl der Gemeinschaft bieten. Dies kann dazu führen, dass Menschen ihre politische Orientierung ändern, um sich einer Gruppe anzuschließen, die ihnen einen Sinn von Zusammengehörigkeit vermittelt.
4. Sündenbock-Mechanismus: In Krisenzeiten können bestimmte Gruppen oder Minderheiten als Sündenböcke für die Probleme der Gesellschaft dienen. Rechte politische Ansichten, die auf Nationalismus oder Xenophobie abzielen, können in solchen Situationen an Attraktivität gewinnen, da sie einfache Erklärungen bieten und Schuldzuweisungen auf bestimmte Gruppen lenken können.
5. Medieneinfluss: Die Art und Weise, wie Medien Krisensituationen darstellen, kann die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen. Medienberichterstattung über Kriminalität, Migration oder wirtschaftliche Unsicherheit kann Ängste schüren und rechte politische Ansichten verstärken.
6. Führung und Rhetorik: Charismatische politische Führer können in Krisenzeiten besonders einflussreich sein. Ihre Rhetorik und Versprechen können die Menschen dazu verleiten, politische Ansichten zu unterstützen, die in anderen Zeiten weniger attraktiv wären.
Es ist wichtig zu betonen, dass diese Erklärungsansätze nicht universell gelten und von Situation zu Situation variieren können. Das menschliche Verhalten in politischen Angelegenheiten ist komplex und wird von einer Vielzahl von psychologischen, sozialen und kulturellen Faktoren beeinflusst.
Also so sehr viel Intelligenz hat diese AI nicht zu bieten. Wenn ich das in einem Schulaufsatz eines Politik-/Geschichte-LK gelesen hätte würde ich sagen: brav geschrieben, plausible Argumente, eine 2+. (Bin kein Lehrer, nie gewesen!!!). Bekannten Tatsachen und Phänomene, nichts wirklich Neues.
Kann man daraus ennoch Erkenntnisse für politisches Handeln ziehen?
Sind unsere Basisannahmen - ‚Homo oeconomicus‘, oder ‚It’s the economy, stupid‘ oder ‚Das Sein bestimmt das Bewusstsein‘ (‚Sein‘ als ökonom. Klassenlage gelesen) - von denen die ‚Linke‘ (was immer man auch darunter subsummieren will) seit über 150 Jahren quasi axiomatisch ausgeht - überhaupt tragfähig?
Offensichtlich sind es allenfalls notwendige, nicht hinreichende Bedingungen.
Das Mantra der Aufklärung von Rationalität und Vernunftbegabung des Menschen wurde seit seiner Etablierung ja schon oft genug vom ‚wahren Leben‘ rücksichtlos beiseite geschoben.
Müssen wir uns nicht eher mit scheinbar stabilen ‚anthropologischen‘ Konstanten bzw. evolvierten und damit fundamentalen Denk- und Verhaltensmustern befassen? Also Punkte 1 - 3.
Wenn Angstreaktionen (schönen Gruß von/zur Amygdala) fast alles dominieren, Verlustaversion und Tribalismus bzw. Identitätsbewahrung offensichtlich sehr tief in den verhaltenssteuernden neuronalen Strukturen unseres Gehirns verankert sind - müssen wir dann unsere Vorstellung davon, wie man potentiell mehrheitsfähige Politik gestaltet nicht ändern?
Das ‚gegnerische‘ Lager nutzt ja schamlos alle schmutzigen Tricks aus dem Manipulations-Werkzeugkasten (sei es geplant oder intuitiv) und spielt geschickt auf der Klaviatur der ‚Massenpsychologie‘.
Das Linke Lager ist sich dafür eigentlich ‚zu fein‘ bzw. es würde auch dem eigenen Politikverständnis und Menschenbild zuwiderlaufen.
Es ist aber notwendig, Programme, Strategien, Handlungsvorschläge, Wahlkämpfe - you name it - ‚psychologisch informiert‘ zu unterfüttern … also z.B. sich vorher klar zu machen, wie man gegen unvermeidliche Angst- und Verlustaversions-Stimmungen angeht (inhaltlich, nicht nur ‚Kommunikationstricks‘ zum besseren ‚Verkauf‘).
Zu den ‚identitären‘ Problemen habe ich keine Idee: leider wurde in den letzten 2 Jahrzehnten die sog. Identitätspolitik von vermeintlich progressiver/linker Seite erst hoffähig gemacht.
(Eigentor, die ‚Rechte‘ kann das mind. genauso gut.)
Bei den Punkten 4, 5 und 6 kann ich mir durchaus vorstellen, dass man mit vorhandenen ‚Werkzeugen‘ dazu funktionierende Handlungs- bzw. Bekämpfungskonzepte entwickeln kann, die auch in praktisches politisches Handeln münden.
Ich bitte um Nachsicht für diese Ab- bzw. Ausschweifungen…