Bürokratie kostet Menschenleben

Nach dem heutigen Tage merke ich, was Ehrenamtliche alles ausbaden müssen, wenn es beim Staat schief läuft.
Wie schon mehrfach erwähnt, helfe ich etwa 160 ukrainischen Flüchtlingsfamilien bei uns im Nordosten mit der Bürokratie.
Anfang Januar meldete sich eine ukrainische Dame bei mir, weil ihre Mutter (64) aus der Ukraine angereist war und bat mich, diese zu registrieren. Ich habe also zuerst eine Wohnungsgeberbescheinigung besorgt, denn ohne diese konnte ich sie nicht bei der Ausländerbehörde registrieren lassen. Dazu war wieder ein Termin notwendig, den ich am 29.01.2024 erhielt. Mit der ausgestellten Fiktionsbescheinigung wäre eine Anmeldung beim Sozialamt für Asylbewerberleistung möglich gewesen, diese wurde jedoch verweigert, da sie ja bei ihrer Tochter untergekommen sei und das Jobcenter zuständig sei.
Also habe ich sie per email am 29.01.2024 beim Jobcenter und bei einer Krankenkasse angemeldet, mit dem Hinweis, dass die Mutter dringend eine ärztliche Behandlung benötigt. Sie litt an starkem Bluthochdruck.
Weiterhin verwies ich in meiner Email darauf, dass die Frage der Zuständigkeit dringend zu klären ist, auf Grund des Alters der Mutter. Denn bei Rentnern wäre das Sozialamt zuständig gewesen.
Am 03.02.2024 erhielt die Mutter einen Brief des Jobcenters mit der Aufforderung zur Mitwirkungspflicht. Sie solle persönlich zur Identitätsprüfung vorsprechen.
Sonst keine Reaktion.
Am 07.11.2024 rief mich die Tochter an, weil sie nicht wusste was zu tun sei. Sie fand ihre Mutter bewusstlos in ihren Exkrementen im Schlafzimmer vor. Zum Glück hatten Nachbarn den Rettungsdienst alarmiert.
Ich schrieb daraufhin eine dringende Email an das Jobcenter bezüglich Anmeldung für die Krankenversicherung. Mir wurde daraufhin eröffnet, dass das Jobcenter auf Grund des Alters nicht zuständig sei, ich solle einen Antrag beim Sozialamt stellen. Ich fragte nur, wie ich eine Unterschrift bekommen soll, von einer Frau, die im Koma liegt. Daraufhin hat dann die Abteilungsleiterin mit dem Sozialamt telefoniert, die den Jobcenter Antrag „ausnahmsweise“ als Sozialhilfeantrag entgegen nehmen würden und dass auf eine persönliche Identitätsprüfung verzichtet werden könnte. Das war am Freitag.
Seither liegt sie in Greifswald in der Intensivstation im Koma mit einem Gehirnschlag. Heute begleitete ich die Tochter zum Arztgespräch zum Dolmetschen. Dort wurden Fragen gestellt, warum die Mutter keine Medikamente eingenommen hätte, um den Blutdruck zu senken. Antwort der Tochter: die ukrainischen Medikamente waren aufgebraucht, eine Behandlung ohne Behandlungsschein des Sozialamtes war nicht möglich und eine Anmeldung beim Jobcenter wurde erst nach 10 Tagen wegen Nichtzuständigkeit verweigert.

Heute wurde der Tochter das Ausmaß der Hirnschädigung vorgetragen mit der Bitte, sich bis Montag zu entscheiden, ob die Maschinen abgestellt werden können.

Sozialarbeiter arbeiten nicht am Wochenende. Ich stand nun da und musste mehr oder weniger Sterbevorbereitung in einer für die Tochter fremden Sprache machen. Auch musste ich der 10 jährigen Enkelin erklären, was mit ihrer Oma geschieht.
Zum Glück bin ich psychologisch ausgebildet und kann diese Situation halbwegs abarbeiten. Aber ich bin platt…
Noch platter werde ich sein, bis ich nun die Zuständigkeit für die Beerdigung, eine eventuelle Überführung in die Ukraine und das Gedöns um Kostenübernahme abgearbeitet habe…

Wo sind nun die staatlichen Stellen, um solche Situationen professionell zu bearbeiten? Es gibt sie nicht. Kaputtgespart, damit wir noch mehr Bürokratie in den Ämtern aufbauen können. Zum Verdeutlichen: ich hatte mit Jobcenter, Asylbewerbersozialamt und Sozialamt zu verhandeln.
Alles mit dem Hinweis: es ist dringend.
Aber wir Ehrenamtlichen werden nicht für voll genommen, bekommen noch nicht einmal eine Art Aufwandsentschädigung, geschweige von professionellem Coaching oder ähnlichem.
An anderer Stelle werden für einen Mobi-Coach für eine andere Ukrainerin 4500 € vom Jobcenter verpulvert, der gerade mal 3 Mal einen aufsuchenden Besuch gemacht hatte.
Ob Frau Nahles weiss, was sie da für einen Bürokratiedrachen unter sich hat?
Ob sie weiss, dass Bürokratie Menschenleben kosten?

Das ist Frau Nahles, reich und behütet wie die lebt, ziemlich egal.. Hauptsache ihr Karrierreziel ist erreicht..
Aber da ist Frau Nahles keine Ausnahme, viele Politiker sind so, versprechen viel.. nix dahinter, Hauptsache Wahlstimmen und Lobbys sind zufrieden, alles andere juckt nicht..

Wie gesagt, auch unsere eigenen Behinderte in Deutschland bekommen nur schwer Hilfe und müssen ewig warten.. viel selber bezahlen usw..
Der beste Rat wäre es gewesen, falls Möglich, dass die Kranke Frau ihre Medizin zunächst selbst bezahlt anstatt bis zur Lebensgefahr zu warten dass das Amt irgendwas macht.. vergiss es..

Aber wehe versehentlich ein Cent Steuern zu wenig bezahlt, dann ist der Staat plötzlich sehr schnell.. das möchte der dann am besten noch vor dem nächten Tag bezahlt haben.. (Millardäre ausgenommen..)

Und außerdem : Ich sag doch, wir können keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, der Wohnraum reicht nicht und wie du siehst ist niemand da der die Menschen versorgt bis die hier selber zurechtkommen..

Und ich verweise darauf, dass andere EU Länder ihre Pflicht Flüchtligne aufzunehmen kaum erfüllen. Von einigen wenigen EU Grenzstaaten abesehen die total überrannt sind…

Leider ist das die traurige Realität, aber Deutschen in Not geht es kaum besser..

was hat das jetzt mit Zuständigkeitsgerangel bei den Ämtern zu tun?

Wohnung ist ein ganz anderes Thema… die Frau kam bei ihrer Tochter unter.

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Das mag sein, das Problem ist dass die Politik nicht dafür gesorgt hat dass Personal zur Versorgung der Flüchtlinge da ist. Nur Wohnungen alleine reicht nicht. Es muss sich auch jemand drum kümmern.

Das Land ist vom nötigen Persona her mit der Versorgung der vielen Flüchtlinge überfordert , aber es ist auch kein Wille da, weil andre Länder kaum Flüchtlinge aufnehmen.

Deutschland will die kosten dafür, dass nicht alle EU Staaten aufnehmen wollen nicht tragen, es ist daher auch gar nicht vorgesehen , dass für Flüchtlinge genug Personal da ist..

Das lässt sich wegen der kosten Politisch nicht vermitteln.

Ist bei der Förderung Behinderter in Arbeit genau so. Hat keiner Bock drauf.. die will niemand haben.. außer maximal als Billige Arbeiter in fragwürdigen Einrichtugnen, wenn es irgendwie die Möglichkeit gibt Geld mit Fragwürdigen Subventionen zu verdienen.

Es interessiert niemand, deswgen wird kein Geld dafür ausgegeben.

Der Staat gibt lieber für laut schreiene Lobbys wie die für Bauern Geld aus.

Wenn Flüchtlinge schreien werden die aber von der AFD mundtot gemacht.. aus Hass..

Wer am erfolgreich am lautesten Brüllen kann , bekommt was.. aber nur wer einen Lobbyverein hat.. Flüchtlinge und Behidnerte haben keine wirkliche Lobby

Außer als Dumpinglohn Arbeiter vielleicht.. dafür weden die vielleicht gefragt.. sons will diese Gruppen niemand haben.. vergiss es..

Ich sag nur wie es ist.. leider ist das oft der Grund..

Und man kann eher die paar wenigen Behinderten die es gibt inArbeit bringen als mehrere Millonen Flüchtligne, da die Behörden mit der Fallzahl der Migranten überfordert sind und sehr viele Förderkapazitäten für enorm viele Menschen gebraucht werden..

Das fängt an bei Unterstützung in der Bildung, Gesundheitsprogrammen, Arbeitsvermittlung, der Hilfsmittel Bürokratie für Behidnerte.. Medikamente, Prothesen, Psychotherapie usw..

Das fängt bei Flüchtlingen an bei Bildung, Psychotherapie bei Fluchttrauma, Kriegstrauma, Sprachkurse, Ausbildung, Anerkennung für Abschlüsse usw..

Das alles ist hier sehr Bürokratie Lastig.. Und viel aufgeblähter Verwaltugnskram..

Das kostet deshalb tierisch viel Geld das keiner Bezahlen will..

Unsr Staat sit halt nur für Lobbys und für Wahlkampfgetöse da.. nicht für Sinnvolle Dinge.. leider..

Wer in Not ist, ist deswegen oft verlassen.. Dazu kommt das sowohl Migranten als auch Behinderte einfach unerwünscht sind . Auch dann, wenn ein Deutscher eine Behidnerung hat der keine Ausländische Herkunft hat..

Wie schaffst du das nur? Wir hatten 2022 für 6 Monate eine Ukrainerin mit 14-jährigem Sohn bei uns wohnen. Der Ämtermarathon und begleitende Papierkrieg für nur diese beiden Leute hat mich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Keiner wusste Bescheid, keiner war zuständig bzw. die Zuständigkeiten wechselten ständig. Das Geld gab es anfangs in bar und musste einmal im Monat persönlich abgeholt werden. Fahrzeit 20 min., Wartezeit (da alle Ukrainer an dem Tag kommen mussten) 1-2 Stunden. Da die Öffis hier auf dem Dorf saumäßig sind, haben wir ständig Fahrdienst gemacht, was viel Zeit und Sprit kostete. Die Frau sprach kein Deutsch und nur schlecht Englisch, sodass die Verständigung hauptsächlich über den Sohn lief, der super Englisch sprach. Für den Sohn brauchten wir eine Schule. Die Mutter wollte unbedingt einen Deutschkurs machen. Für alles mussten Berge an Papier ausgefüllt und Termine hier und da und dort wahrgenommen werden. Es war wirklich zermürbend.
Und die beiden waren gesund, sehr gewissenhaft und hatten alle möglichen wichtigen Papiere ordentlich abgeheftet dabei. Wie viel mühseliger muss das dann bei schwierigen Fällen sein?
Immerhin hatten wir vom Jobcenter eine Unterbringungspauschale bekommen, sodass ein Teil der Kosten gedeckt war.

Für mich alles Beweise dafür dass in Deutschland keine Flüchtlinge erwünscht sind und auch, dass wir in Bürokratie ersticken…

Ich hoffe schwer, dass unsere Verantwortlichen sich des Dilemmas wohl bewusst sind…

Politik hat die Aufgabe, Regeln aufzustellen (Gesetze zu erlassen), um Dinge effektiv handhabbar zu machen (wobei sie in der Demokratie noch darauf achten muss, dass die Art besagter Handhabung zu etwas führt, dass die Mehrheit das Resultat auch befürwortet…

Bürokratie entsteht dort, wo diese Regeln einem reinen Formalismus folgen - das hat den unschätzbaren Vorteil, dass das sehr effektiv ist - der Mensch droht dabei allerdings schnell zu einem Sachgegenstand herabgewürdigt zu werden …

Das ist einerseits skandalös, wenn man sich die davon Betroffenen ansieht (und ich kann dazu aus dem Stegreif noch viele verschiedene Beispiele aus sehr unterschiedlichen beisteuern) - ich frage mich allerdings, ob Politik das überhaupt leisten kann …
Wenn ich mir unser Grundgesetz und auch viele höchstrichterliche Urteile ansehe, so würde ich diese Frage durchaus hoffnungsfroh mit „ja“ beantworten…
Im GG ist eindeutig festgehalten, dass ein Mensch niemals „versachlicht“ werden darf (Art.1)
Und bei den höchstrichterlichen Entscheidungen (wahrscheinlich auch auf niederen Ebenen, mit denen ich persönlich bislang nichts zu tun hatte) geht es immer auch um die „Angemessenheit“ sowohl einer Handlung als auch eines Gesetzes, und nicht nur um das sture Umsetzen einer Regel …

In der „Verwaltung“ wird es dann schon deutlich problematischer …
Zum einen, weil die Zeit für die Betrachtung des Individuellen Falls nicht da ist, zum zweiten, da die Entscheidungsträger sich - durchaus auch zu Recht, vor den Konsequenzen einer als Willkürakt empfundenen Abweichung fürchten, drittens, weil der Sinn einer Regel auch genau darin besteht, dass man die „wenigen“ Fälle als „Kolateralschaden“ Inkauf nimmt - und schließlich, weil bei vielen Entscheidungsträgern die Kompetenz fehlt, zu wissen, wann der Ausnahmefall vorliegt…

eigentlich relativ einfach…
Den ersten Fragebogen bei der Ausländerbehörde online ausfüllen, Kopie vom Pass mit Einreisedatum beifügen, dann per email um Termin bitten.
Dieser erfolgt relativ zeitnah innerhalb einer Woche, dann gibt es erst einmal die Fiktionsbescheinigung. Der Termin ist immer außerhalb der regulären Sprechzeiten.
Mit der Fiktionsbescheinigung Jobcenter Antrag mit allen Anlagen stellen, ausdrucken, unterschreiben lassen, wieder einscannen und an das Jobcenter per email senden. Spart eine Woche Bearbeitungszeit, weil Papier nicht gescannt werden muss.
Anmeldung bei der Krankenkasse und Kindergeldkasse (hier muss Steuer ID abgewartet werden) wird ebenso durchgeführt.
In der Zwischenzeit Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, sofern die Wohnungsgeberbescheinigung des Vermieters oder des Hauptmieters vorliegt.
Mit dieser Anmeldebescheinigung und der Fiktionsbescheinigung zur örtlichen Sparkasse und Konto eröffnen.
Dann kommt die erste Einladung zur ID Kontrolle beim Jobcenter.

Ich richte den Ukrainern immer eine kostenfreie deutsche Email-Adresse ein. Dort teile ich verschiedene Ordner wie Strom, Schule, Miete, Jobcenter, Kindergeld, GEZ, Internet uvm. ein. Genauso bereite ich auch einen Aktenordner vor und besorge den Leuten einen Locher. Wenn ich bei einem Besuch einen Brief finde, der nicht gelocht und richtig abgelegt ist, gibt es einen Anschiss.

Mit der Zeit lernen sie, die Email intensiv zu nutzen. Zu dieser Adresse habe ich auch Zugang, sodass ich in deren Namen schreiben kann. Ich schreibe alle Briefe und emails in deutsch und ukrainisch, so dass keiner sagen kann, er wisse nicht, worum es geht.
Natürlich habe ich auch eine Vollmacht, dass ich in deren Namen schreiben darf.
Auf einem Stick habe ich alle Daten und Dokumente eingescannt.

Wenn also ein Brief kommt, bei dem irgendein Dokument verlangt wird, schicken mir die Leute eine Whatsapp. Ich mache aus dem Foto eine PDF Datei und führe die Akte sozusagen elektronisch. So kann ich das meiste von meinem Laptop machen, ohne viele Kilometer zu fahren.

Ich besorge auch immer den günstigsten Tarif bei Strom und Internet, da die Erfahrung zeigt, die großen Player am Markt wie Vodafone und Teledoof ziehen die Leute über den Tisch, besonders wenn es T-Punkt oder Mediamarkt Angebote sind. Monatliche Internetgebühren von 90 € sind da keine Seltenheit, obwohl die Leute weder TV noch Computer haben. Meistens gehe ich zu 1&1, da zahlen sie in der Regel um die 20 €. Gleiches gilt für Strom. Die Grundversorger sind arschteuer, dann kommen oft Drückerkolonnen mit Haustürgeschäften. Da habe ich schon für eine dreiköpfige Familie Abschlagsforderungen von 189 € gesehen.
Ganz abgesehen von den Internetgeschenken nach Abschluss eines Internetkaufs, wo kostenfrei Abos angeboten werden, die am Ende richtig Geld kosten, obwohl die Leute keine lateinischen Buchstaben lesen können. Was also wollen sie dann mit Zeitschriften?

Mittlerweile haben wir uns bei den Behörden einen gewissen Ruf erarbeitet, sodass wir meist mit den Bereichsleitern zu tun haben und nicht mehr mit den einzelnen Sachbearbeitern.

Meine Vermieterin ist ehemalige Lehrerin und kümmert sich sowohl um Schule und Kinder generell, als auch um Integrationskurse, die sie selbst auch Teilzeit unterrichtet.

Gibt es psychische Probleme, übernehme ich wieder, neben den anderen Katastrophen wie Betrug, Trennung, Arztbesuche, Ärger mit Vermieter oder Nachbarn.

Andere Nachbarn helfen dann, wenn es darum geht, Möbel für eine Wohnung zu besorgen oder ein bezahlbares Auto mit TÜV zu finden, wenn ÖFFIS oder Job es erforderlich machen.

Wenn ich jetzt hochrechne, dass jede ukrainische Familie aus 3 Personen besteht, dann betreuen wir fast 500 Personen im Ehrenamt. Vom Jobcenter haben wir für die 21 Ukrainer, die wir bei uns aufgenommen haben, nie einen Cent gesehen.

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hier argumentierst du auf der META Ebene…
ich berichte aus der Realität.

Würde man Praktiker fragen, wie das geleistet werden kann (siehe meinen oben stehenden Bericht, wie ich das schaffe), dann könnte man ein sehr effektives Paket schnüren, ohne dass der Bürger von Pontius zu Pilatus geschickt werden muss.

Meine Vermieterin zum Beispiel bringt mit einem Singspiel den Leuten die Körperteile bei. So können sie, weil sie es im Gesang tiefer lernen, bei Arzt die schmerzenden Körperteile benennen. Eigentlich Banalitäten… das BAMF hingegen fragt bei Integrationskursen ab, wer den Bundespräsidenten wählt usw… Also auch hier META Ebene statt Praxis…

Frag mal die Behördenmitarbeiter, ob sie englisch können (damit handele ich 80% der Ukrainer ab, ansonsten nutze ich Google Translator am Laptop). Sie dürfen nicht mal Internetfähige Übersetzer nutzen… Dann erkläre den Behörden mal, dass man den Antragsteller nicht versachlichen darf. Lese ich mir die Rechtsbehelfsbelehrungen der Jobcenter durch, so könnte diese aus der Feder eines Stasi-Mitarbeiters stammen. Jeder zweite Satz eine Drohung…

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Ich weiss genau, was Du meinst, und sehe das durchaus genauso kritisch wie Du - aber wie sieht aus Deiner Sicht die Alternative aus?

Das Sachbearbeitungspersonal in den Ämtern einem Sozialpädagogikstudium unterziehen, um die Sozialkompetenz zu erhöhen - natürlich mit dem Nebeneffekt, dass diese Leute deutlich mehr Geld bekommen müssten?
Den Personalschlüssel so verändern, dass tatsächlich eine echte Beratung stattfindet, und nicht nur Giesskannenprinzip aus Drohung und abgehagter Leistung eines Katalogs?

Als Idee der „Vermenschlichung des Systems“ nicht schlecht - um das zu finanzieren, bleibt da aber nur, die Steuern so zu erhöhen, dass sich ein „Mittelständler“ weder ein eigenes Auto noch einen Auslandsurlaub mehr leisten kann, sondern bestenfalls mit viel Sparen alle 10 Jahre eine neue Waschmaschine (Verhältnisse aus den 50ern also) - definitiv nicht mehrheitsfähig…

Wir wollen das also im Grunde mehrheitlich so, da die Alternative zu sehr an unserem Status Quo rüttelt…

in jedem deiner Antworten bringst du zu Ausdruck, dass keine Flüchtlinge erwünscht sind… zu viel Bürokratie.

Wenn die Menschen in direkte Berührung mit den Flüchtlingen kommen, ist diese Unerwünschtheit sehr schnell verflogen.
Unsere zweiten Flüchtlinge, die wir bei uns aufgenommen hatten, war eine Frau mit einem zweijährigen Sohn. Beim Osterfeuer der Feuerwehr haben wir die Kita-Leiterin gefragt wegen Kita-Platz. 3 Tage später war er in der Kita aufgenommen. Sofort wurde gefragt, braucht ihr Kleidung für den Jungen? Habt ihr einen Kindersitz, usw… und das bei unserer sehr AfD lastigen Bevölkerung.

Man sollte das private Engagement nicht unterschätzen, so wie die Politik es tut. Denn die Ehrenamtlichen werden oft im Regen stehen gelassen und brennen aus, weil es zu viel ist.
Wir sind vielleicht die Ausnahme, da wir Zeit hatten (ich war bis vor kurzem arbeits- aber nicht beschäftigungslos, meine Vermieterin Pensionärin). Auch nutzen wir elektronische Hilfsmittel und verstecken uns nicht hinter Datenschutzrichtlinien (für mich nur eine Ausrede für Faulheit und Täterschutz).

Die Bürokratie an und für sich ist für mich nachvollziehbar. Aber wir vernetzen die verschiedenen Stellen nicht miteinander. Wieder mit dem Argument Datenschutz. Warum kann das Jobcenter nicht auf Daten der Kindergeldkasse und umgekehrt zugreifen? Warum soviel Papier, das doch nicht gelesen wird? Stattdessen wird einfach der Bürger unter Androhung bei fehlender Mitwirkungspflicht dazu genötigt, ein Dokument erneut zu senden, anstatt in der Akte nachzusehen.

Die Ukrainer lachen uns aus. Die können mit ihrem persönlichen QR Code Dokumente aus der Ukraine online anfordern. Das ist Selenskys Maßnahme gegen Korruption. Denn dann kann wie in der alten Sowjetunion kein Beamter mehr für einen Stempel die Hand aufhalten.

Die Bürokratie ist notwendig, jedoch bei uns ineffektiv, weil Datensicherheit nicht gewährleistet ist, viele (ältere) Behördenmitarbeiter mit der digitalen Arbeitsweise überfordert sind und die Politik unfähig ist, parallel arbeitende System (Sozialamt, Asylbewerber-Sozialamt, Grundsicherung und Jobcenter) zu einer Behörde zusammen zu fassen. Hier bedarf es richtig gehender Reformen und nicht Reförmchen, die am Ende noch mehr Chaos bereiten.

Ich habe mal ausgerechnet, dass etwa 40% des Sozialbudgets nicht beim Hilfeempfänger ankommen, sondern durch interne Strukturen der Behörden aufgefressen werden. Sehe ich mir Litauen an, die bereits komplett digitalisiert haben, liegt der Aufwand bei etwa 5%.

Also bitte die Probleme beim Namen nennen und nicht durch plumpe Parolen vereinfachen.

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Die offensichtliche Mängelverwaltung, die Du damit ansprichst, (und deren Lückenbüßer u.a. die Ehrenamtlichen sind), ist ebenfalls gewollt - die Hoffnung der überwiegenden Mehrheit ist immer noch, dass sie selbst nicht in diese Mängelverwaltungsmaschinerie hinein gerät, und somit die Fälle, die es betrifft, abstrakt genug bleiben, um sie zu „Kolateralschäden“ zu versachlichen…

Ganz dramatisch deutlich wird das erst, wenn man den Blick mal von den - statistisch tatsächlich bei uns in der Minderheit seienden - hin zu den Menschen lenkt, die das global betrifft - von den 7,2 Milliarden Menschen lebt inzwischen schon deutlich mehr als die Hälfte auf einem Niveau, das mindestens genauso skandalös (und Leben gefährdend) ist.
Die zugrunde liegenden Mängelverwaltung ist fast ausschließlich von den paar 100Mio verursacht, die in den Industriestaaten wie Deutschland leben - so dramatisch das von Dir geschilderte Schicksal auch ist - wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass - selbst wenn es uns gelänge, die verhältnismäßig dünn gestreuten Fälle, die sich in unserer Bürokratie verfangen, zu beseitigen - das eigentliche Problem nicht löst - sondern nur auf eine (räumlich/zeitliche) Distanz verschiebt, die ein Abgrenzen viel zu leicht macht - daher ist die „Metaebene“ so wichtig, da es davor bewahrt, einen bedauerlichen Einzelfall zum Maßstab zu erklären …

nun, da jammern wir auf sehr hohem Nivea…
wenn ich mir so meinen Lebensstil ansehe, wie ich in den letzten Jahren im ALG II leben musste als Alleinerziehender… Urlaub war zwar nicht drin, aber ich konnte meinen Kindern sehr gute Bildungsmöglichkeiten verschaffen und im Kühlschrank war immer mehr als nur Licht.
Gestern habe ich eine Asylbewerberfamilie besucht, die seit 8 Jahren in einer Massenunterkunft leben. Der 12 jährige Sohn war gerade in einem ukrainischen Online-Unterricht und programmierte gerade einen Roboter. Diese Leute haben im Vergleich zu den vom Jobcenter abhängigen Ukrainern noch weniger Geld. Aber sie stecken das wenige Geld in die Bildung der Kinder. Wir haben es endlich erreicht, dass die Familie in eine eigene Wohnung ziehen können und die Kinder bald nicht mehr in der Schule gehänselt werden, weil sie im „Ausländerhaus“ wohnen werden.
Es gibt durchaus viele kompetente und engagierte Ehrenamtliche, die die Arbeit eines Jobcenters unterstützen könnten, Doch für einen feuchtwarmen Händedruck allein, ist das keine Anerkennung auf Augenhöhe. Warum sagt das Jobcenter nicht zu mir, du machst gute Arbeit, wir stellen dich für die Betreuung der Ukrainer ein?
In ihrer eigenen Kundschaft gibt es genug Fachkräfte. Doch wann fand in den letzten Jahren mal ein Gespräch statt, wo es um berufliche Perspektiven ging? Gar keins… das Jobcenter darf mich nicht einstellen, weil die Mobi-Coaches „zertifiziert“ sein müssen. Ich hatte mich bei solch einem zertifizierten Anbieter beworben und wurde auch angenommen. Als die Arbeit losgehen sollte, hieß es, mit diesem Anbieter arbeitet das Jobcenter nicht zusammen. So wurde ich am zweiten Tag bereits gekündigt.
Es sind zuviele interne Fallstricke im Jobcenter, die ich Betreuungsindustrie nenne, die wahnsinnige Ressourcen auffrisst, ohne dabei effektiv zu sein.

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@Dorfprojekt-Sarnow

Auch hier bin ich persönlich bei Dir - das ist nur leider nicht politisch als Standard durchsetzbar - daher war meine Frage weiter oben: „kann Politik in einer Demokratie das leisten“?

Wenn man sich die von der CDU angestoßene Diskussion um die Erhöhung des Sozialhilfe- und Bürgergeld-satzes ansieht, so stellen wir fest, dass in diesem Fall wahrscheinlich - sollte es zu einer Nachfolgeregierung unter Merz kommen, die unsere Erhöhungen wieder rückgängig zu machen versucht, die einzige Instanz, die das verhindern wird, das Verfassungsgericht sein wird - und nicht die Mehrheit bzw. deren legitimierten Vertreter.

Das Problem sind also wieder mal die Wähler - und nicht die Strukturen oder „die Politik“, die hier nur repräsentativ das umsetzt, was die Mehrheit will …

Schimpfen wir also nicht auf die Politik - sondern auf die Wählerschaft …

Es sind nur 99,x%. Hochzeit und Scheidung sind davon ausgenommen. Aber das ist Absicht :wink:

Das ist imho einer der zentralen Punkte. Löst zwar nicht alle Probleme, verschafft aber schon viel Erleichterung. Ich habe drei Jahrzehnte meine Brötchen damit verdient, Geschäftsprozesse zu digitalisieren.

  • der Flüchtling geht zu einer zentralen Anlaufstelle, wo er am Bildschirm alle erforderlichen Anträge für seine Lebenssituation in einem Rutsch stellt, und zwar ohne jedesmal Name und Adresse neu einzugeben. Auch wenn im Hintergrund 27 verschiedene Behörden zuständig sind.
  • der Vorgang muss in weniger als einem halben Tag zu erledigen sein. Wie lange Prüfung, Genehmigung und Durchführung dauern, kann ich allerdings nicht sagen. Aber da ist mit Sicherheit auch Luft drin.
  • das ist technisch durchaus machbar. Angesichts des HW- und SW-Zoos bei deutschen Behörden würde die Umsetzung vermutlich 5-10 Jahre dauern. Mit genügend Budget und richtig guten Leuten vielleicht nur 3-4.
  • wir würden entweder reichlich Kohle sparen oder einen Haufen Sachbearbeiter für sinnvollere Aufgaben freischaufeln.
  • was fehlt, ist der politische Wille und die Durchsetzungskraft, die Widerstände in den beteiligten Behörden zu überwinden. Und das ist dramatisch viel schwieriger, als sich der Laie das vorstellt. Glaubt bloß nicht, dass da ein paar gute Argumente ausreichen …
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Das sind auch aus meiner Sicht die entscheidenden Punkte.
Aber die Ursache sehe ich nicht in erster Linie in dummen Beamten und unfähigen Politikern.
Die gesamte Gesellschaft, wir alle, haben dazu entscheidend beigetragen, im Dienste des Fortschritts, wir haben es nur übertrieben.
Stichworte: Einzelfallgerechtigkeit. Schutz vor Willkür. Haftung bei Fehlern. Datenschutz.

Unser Regelsystem ist bis zum Wahnsinn verfeinert, weil man jedem Einzelfall gerecht werden will. Es soll jeder Fall „gerecht“ behandelt werden, jede Regel enthält -zig Ausnahmen und Gegenausnahmen. Dadurch werden die Gesetze so kompliziert, dass sie keiner mehr versteht (auch die Behörden zT nicht mehr).
Das führt zu Bürokratie und Ineffizienz, weil jeder Vorgang unendlich kompliziert ist.

Es soll verhindert werden, dass ein Beamter willkürlich nach eigener Einschätzung entscheidet.
Also müssen alle Einzelfälle geregelt werden, damit für Willkür kein Platz bleibt.
Folge siehe oben: Bürokratie und Ineffizienz, weil jeder Vorgang unendlich kompliziert ist.

Macht ein Amt einen Fehler, droht die Presse und ein Haftungsprozess, auch dem Beamten persönlich.
Folge: keiner will entscheiden, lieber für unzuständig erklären und verzögern.

Und alle wollen (wollten?) Datenschutz, je mehr desto besser.
Das ist mittlerweile eines der größten Hindernisse für effizientes Arbeiten, wie @Duke und @Dorfprojekt-Sarnow es beschrieben haben.

Weniger Bürokratie und weniger Regeln würden u.a. voraussetzen:
Mehr Entscheidungsspielraum für die Ämter.
Mehr Verantwortung, aber weniger Haftung der Beamten.
Regelungslücken, die zu einfachen, aber im Einzelfall uU ungerechten Entscheidungen führen.
Weniger Datenschutz, ggf. Risiko des Missbrauchs.

Wollen wir das mehrheitlich? Ich wäre dabei, aber keine Ahnung, wie die Mehrheit das sieht.
M.E. haben wir aber eigentlich keine Alternative, wegen fehlender Kapazitäten müssen wir die Bürokratie vereinfachen.
Die Denke der Beamten ändert sich aber nicht per ANweisung von oben.
Das wird 10-20 Jahre dauern, bis da ein neuer Geist weht.
Und dann kommen unsere föderalen Strukturen, der dreistufige Verwaltungsaufbau, die ANgst um Kompetenz-, Status- und Jobverlust, wenn Ämter zusammengelegt werden usw usw.
Alles Bremsen.

Das ist das eigentlich schlimme, dass unsere Strukturen kaum in der Lage sind, an ihrer eigenen Verbesserung mitzuarbeiten. Es wird daher lange dauern.

:smile: :smile:

einfach? Das ist übelstes Tiefstapeln, mein Lieber :smile:
Dein Bericht hört sich ganz anders an.
Ich bin schwer beeindruckt von dem, was Ihr da macht (das gilt auch für @dittgesa ) und kann mich eigentlich nur stellvertretend für den Rest der Gesellschaft bei Euch bedanken.

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Da sind Grüns nicht unbeteiligt. Es gibt eine Strömung bei Grüns (die keine Ahnung von IT hat) und jeglichen Zugriff auf Daten einer anderen Behörde ablehnt, weil der ja missbraucht werden könnte. Wozu auch immer …

Dabei ist Datenschutz primär eine Frage der Gestaltung der Schnittstelle. Man muss einem Anfrager ja nicht den gesamten Datensatz übermitteln, sondern nur das, was wir ihm erlaubt haben zu fragen.

Beispiel: Wenn ein Verkäufer wissen möchte, ob sein Kunde die 723 € für die Espressomaschine bezahlen kann, muss ich ihm nicht den Kontosaldo mitteilen. Nur ja oder nein. Egal, ob der Saldo +500.000 ist oder -1.000, aber der Kunde einen Dispo von 7.000 hat.

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eigentlich nicht…
wir haben das Prinzip der zeitnahen aufsuchenden Hilfe durch die Opferschutzorganisation gelernt und praktiziert. Bei den Ukrainern hilft das sehr.
Das Sortieren und Sichten der Briefe (die meist im Schuhkarton oder in der Aldi-Tüte präsentiert werden), das fotografieren und das Einrichten der Email-Adresse, sowie erste emails schreiben benötigt etwa 3 Stunden zuzüglich An- und Abfahrt. Rechne ich das jetzt in zwei Jahren auf 160 Familien hoch und verdopple die Stundenzahl für nachfolgende Anfragen der Ämter, dann komme ich auf etwa 1200 h, verteilt auf zwei Jahre und zwei Leute. Also in etwa die Zeit, die andere in der Feuerwehr oder im Sportverein ableisten.
Es ist reine Routine… Erstanmeldung dauert etwa 3 h komplett.

In unserem Netzwerk agieren auch Ukrainer, die schon länger hier leben. Wenn die schwierige Fälle haben, reichen die an uns durch, falls ihr euch fragt, wie uns die Fälle zufliegen. Jetzt habe ich mit dem Fall zu tun, dass die Maschinen bei der Frau mit dem Schlaganfall abgestellt werden sollen. Danach bringe ich die ukrainische Familie, die seit 8 Jahren in der Sammelunterkunft wohnt, unter.
Dann ist da noch der Fall eines fast blinden ukrainischen Rechtsanwaltes, dem ich auch noch eine Wohnung organisiert habe. Diesen will ich in das Netzwerk einbinden, indem ich ihm das SGB II nahe bringe, so dass er dann die Ukrainer beraten kann. Mal sehen, was die Krankenkasse hergibt für Hilfsmittel bei fast blinden Menschen. Ihm werde ich vermutlich noch einen fahrbaren Untersatz organisieren, damit er meine aufsuchende Hilfe weiterführen kann. Vielleicht lässt sich die Behörde darauf ein, ihn als Mobi-Coach einzubinden.
Am Ende des Horizonts ist dann noch ein Fall offen mit einer krebskranken Frau und ihrem autistischen Sohn, die aber noch in der Ukraine ist. Hier weiss ich noch nicht, wie das weiter geht.
Andere haben eben andere Hobbies… :grinning:

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Es gibt doch zu viel Bürokratie.. Und die Haftung der beamten für Fehler herabsetzen als Lösung für das Problem der Bürokratie ist nicht gut wie eingie hier fordern..

Das Problem sind nicht die Haftungsregeln sondern die Absurden Gesetze die die Politik macht, das Hauptproblem sind eher Handwerklich schlecht gemachte Gesetze und zu viele verschiedene Zuständigkeiten.