Angeblich dreht sich der Zeitgeist, weg vom „Woken“.
Das würde mit dem enormen Ansehensverlust der Grünen zusammenpassen.
Ich persönlich würde es gut finden, wenn man seine Meinung wieder argumentativ begründen muss, statt Glaubenssätze vorzutragen.
Zitate daraus:
"Im Sommer 2021 trennte sich die amerikanische Unterwäschefirma Victoria’s Secret von ihren berühmten superschlanken Models, den sogenannten Angels, die mit nur einem Hauch von Spitzenwäsche über den Laufsteg zu stöckeln pflegten. Sie wurden durch Aktivistinnen ersetzt, die für bestimmte Identitätsgruppen stehen: für schwarze und lesbische Frauen, für Transgender-Personen und generell für sogenannte Body-Positivity. Die Markenbotschafter des Unternehmens sollten nicht mehr dem männlichen Blick gefallen, sondern weibliches Empowerment verkörpern und für Inklusion und Diversität stehen. Anders gesagt: Victoria’s Secret wurde unter dem Applaus der Öffentlichkeit woke. Die Firma und der Zeitgeist lagen sich in den Armen.
Zwei Jahre später, im September 2023, kam die Rolle rückwärts. Die Umsätze seien zurückgegangen, hieß es aus dem Unternehmen, deswegen werde man die klassischen Angels wieder auf den Laufsteg holen. Body-Positivity hatte sich nicht verkauft.
War das ein Einzelfall? Oder schon ein symptomatischer Hinweis auf den Beginn einer Art Gegenreformation? War die Inklusionskampagne der Unterwäschefirma nicht ohnehin nur heuchlerisches Woke-Washing und die Abkehr davon mithin kein Verlust? Oder hat der woke Zeitgeist tatsächlich seine besten Tage hinter sich?
BlackRock ist der größte Vermögensverwalter der Welt und war lange ein Vorreiter von ESG-Investments. ESG steht für Environment, Social und Governance. Meistens ist CO₂-Nachhaltigkeit gemeint, wenn von ESG die Rede ist; es wird das E thematisiert, während in der öffentlichen Wahrnehmung das S und das G unter den Tisch fallen. Dabei ist ESG ein Rundum-Verwöhn-Paket: Es geht ebenso um Diversität, Inklusion und nachhaltige Unternehmensführung, also um einen direkten Eingriff in die Unternehmenskultur. BlackRock nutzte seine gebündelte Stimmmacht bei Aktienunternehmen, um bestimmte Diversitätsstandards bei Vorstandsposten einzufordern. ESG war eben nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Programm. Wie Victoria’s Secret wurde auch die Wall Street woke.
Schon im letzten Jahr war indes zu beobachten, dass BlackRocks ESG-Bekenntnisse kleinlauter ausfielen. CEO Larry Fink erklärte gar, er wolle den Begriff ESG nicht mehr verwenden, weil er zu kontrovers sei. Jetzt hat BlackRock angekündigt, 600 Mitarbeiter zu entlassen. Der Stellenabbau, so ist zu hören, soll in den ESG-Abteilungen erfolgen. Dazu passt eine Studie der Stanford University, die im Dezember 2023 zu dem Schluss kam, dass das Gewicht, das viele jüngere Privatanleger, die sogenannten Millennials, den Fragen der Vielfalt am Arbeitsplatz zumessen, im Vergleich zum Vorjahr markant zurückgegangen sei. „Go woke, go broke“, hatten Lästermäuler früher gespottet. Jetzt sieht es tatsächlich so aus, als sei der woke Kapitalismus auf dem Rückzug.
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San Francisco verkörpert den Niedergang der woken Leitkultur beispielhaft: Nirgends war man progressiver und zugleich plutokratischer. Die Mieten explodierten, die Obdachlosigkeit schoss in die Höhe, gleichzeitig herrschte in der Innenstadt Gesetzlosigkeit, weil Ladendiebstähle unter 950 Dollar strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden, während die Schulbehörde der Stadt damit beschäftigt war, Schulen, die die Namen von Thomas Jefferson oder Abraham Lincoln trugen, im Sinne des fortschrittlichen Zeitgeists umzubenennen. Längst ziehen Teile der Tech-Elite aus der maroden Stadt in Richtung Austin, Texas, oder Saint Petersburg, Florida, ab.
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Das Trübsinnige an dieser bleiernen Zeit war, dass die bürgerliche Mitte den Katechismus schluckte, um sich Ärger zu ersparen. So fehlte es an produktiven Debatten. Wer widersprach, fand sich gleich auf der anderen Seite des Frontverlaufs im Kulturkrieg. Jetzt hingegen ist der Bann gebrochen. Um es mit einem Begriff aus der marxistischen Ideologiekritik auszudrücken: Die Phase der Naturalisierung ist vorbei. Bis vor Kurzem herrschte ein Diskursklima, wonach es sich bei woken Haltungen keineswegs um ein bestimmtes ideologisches Set handelte, sondern um die ganz normale, naturwüchsige Moral, der sich jeder Mensch guten Willens notwendig anschließen müsse. Jetzt müssen woke Haltungen erstmals begründet und plausibilisiert werden, und man kann ihnen widersprechen, ohne als finsterer Reaktionär zu gelten.
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Die wichtigste Zäsur war der 7. Oktober. Das Massaker der Hamas an Israelis hat das Lager der Moralisten, für die sich die Welt in the West and the rest aufteilte, tief gespalten. Mehr noch, es hat die woke-postkoloniale Community vollkommen zerbröselt. Denn zu den zentralen Glaubenslehren zählte die Überzeugung, dass der Westen zutiefst rassistisch sei und immer schon ein kolonialistisches Projekt gewesen sei. Entsprechende Sätze gingen auch den einflussreichsten Stützen der westlichen Gesellschaften überraschend leicht von den Lippen. Nicht nur Churchill-Denkmäler sollten entfernt werden, sondern die von Immanuel Kant gleich mit. Dass in diesem Geschichtsbild der Staat Israel als Kolonialmacht betrachtet wurde, die es im Grunde auf einen Genozid an den „indigenen“ Palästinensern abgesehen habe, war zwar bekannt, wurde aber nicht als weiter problematisch empfunden.
Das hat sich mit dem 7. Oktober schlagartig geändert. Plötzlich wurde unübersehbar, wie ernst es dem postkolonialen Lager mit seiner Israel-Gegnerschaft war. Die woke-linke Bewegung zerbrach in den radikal postkolonialen Flügel, der sich im Sinne Judith Butlers jedes Mitempfinden für die israelischen Opfer verbat, und in ein universalistisches Lager, dem Terror Terror war. Der jüdische Pianist Igor Levit, bis dahin vielleicht der vollkommenste Posterboy woker Gesinnung, war plötzlich politisch heimatlos – und fühlte sich zu Recht verraten und verkauft."