Hab ein bisschen gestöbert:
Der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung hat ein breit angelegtes Gutachten zur digitalen Zukunft herausgebracht (Publikation).
Dieser ist auch eine Expertise zum Stand von BCIs hauptsächlich in der klinischen Neurobiologie angehängt: https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/hauptgutachten/hg2019/pdf/Expertise_Birbaumer.pdf. (Der Verfasser ist eine Koryphäe der Neurobiologie, ihm wurde allerdings wissenschaftliches Fehlverhalten ausgerechnet bei einer Studie zu BCIs vorgeworfen. Allerdings geht der wissenschaftliche Dienst davon aus, dass die Expertise inhaltlich im Wesentlichen noch stimmt, da sie den allgemeinen Forschungsstand wiedergibt.
Hier auch ein science-Artikel zum Thema: https://www.researchgate.net/publication/318043350_Help_hope_and_hype_Ethical_dimensions_of_neuroprosthetics
Eine Suche bei europepmc (bci and ethics) Europe PMC wirft haufenweise Reviews aus (zB Europe PMC oder Europe PMC). Bislang wurde die Forschung offenbar primär von Anwendungen in der Medizin getrieben.
Aber auch im Militär, Industrieproduktion und andere privaten Anwendungsfeldern, meist cognitive enhancement, aber auch emotionale Zustände, haben BCIs offenbar eine rasante Entwicklung, und für diese kommerziellen Anwendungen steht Elon Musk. Dieser mag von Ethik reden, aber sein Handeln spricht eine andere Sprache, und eine öffentliche Kontrolle lehnt er ab.
Diese rasante Entwicklung und auch ihre Breite haben mich etwas überrascht. Das wirft Fragen auf: Emotionentracking oder sogar Stimulierung zusammen mit Kaufentscheidungen oder sozialen Medien? Angestellte, von denen ein BCI verlangt wird, weil die Maschinen darauf ausgelegt sind? Angestellte, deren Aufmerksamkeitsleistung oder Gefühle gegenüber Kollegen und Vorgesetzten überwacht/beeinflusst werden? VR in Kombination mit BCI? BCI bei Kindern? Körperveränderungen, damit eine BCI-Maschine (BMI) passt? Alltagselektronik, die eine BCI-Steuerung voraussetzt? Das sind Fragen auf individueller Ebene, aber die soziale und gesellschaftliche Dimension ist ebenso betroffen.
Aber ist das realistisch?
Die meisten Vorgänge im Gehirn sind nicht lokalisiert sondern beruhen auf einem weitverzweigten Netzwerk. Invasive Verfahren gibt es eher bei speziellen neurologischen Erkrankungen, wo eine eng umrissene Gehirnstruktur betroffen ist. Allgemeinere Erregungsmuster kann man zwar immer besser von der Oberfläche, meist EEG, lesen und auch mit AI in typische Muster unterteilen, aber um diese Muster zu interpretieren braucht man meist etliche individuelle Lernsitzungen zu sehr eingegrenzten Fragestellungen. Ein EEG kann damit bislang eher allgemeine Zustandsänderungen, wie Aufmerksamkeit, mental load, Stimmung uä anzeigen. Die zeitliche Auflösung ist sehr gut, das ist hilfreich etwa bei Epilepsie. Die räumliche Auflösung liegt aber im Zentimeterbereich, ist also grob. „Inhaltliches“ kann höchstens grob in den Cortexarealen, die einen sensorisch äquivalenten Aufbau haben, abgelesen werden, wie zB bei Vorrichtungen, die Gelähmte mit dem Gehirn „buchstabieren“ lassen. Auch tiefe Gehirnstimulation wirkt mit geringer räumlicher Auflösung, es sein denn, sie ist invasiv. Ein Chip zum Gedankenlesen oder zur Gedankenmanipulation ist daher eher unrealistisch.
Vielleicht sind aktuell eher generelle Funktionen wie Aufmerksamkeit oder Stimmung im Zusammenhang mir BCI bedenkenswert, zusammen mit Unfug, der sich aus unrealistischen Erwartungen ergibt, aber weitreichende Folgen haben kann.
Nerds sind oft enthusiastisch. Ich sehe mich als phantasiebegabtes Tier und mehr will ich auch nicht sein. Ich hatte mit bildgebenden Verfahren in der Gehirnforschung zu tun. Im Gehirn unkontrolliert herumzuspielen halte ich für sehr bedenklich.