Der gesunde Menschenverstand

Der gesunde Menschenverstand scheint für viele verschiedene Menschen nicht deckungsgleich zu sein.

Hier die Originalstudie dazu:
https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.2309535121

1 „Gefällt mir“

Natürlich gibt es ihn aber hauptsächlich findet man ihn bei Menschen, die wie man so sagt, der Gesellschaft vorausgehen, wir nennen es heutzutage auch gerne Progressiv.

Die ewig Gestrigen hingegen bemühen ihn als Schein, betreiben aber eine ganz andere Politik zu ihrem eigenen Gunsten.

Der gesunde Menschenverstand endet bei Unsachlichkeit, man kann hart in der Sache kämpfen aber nicht unsachlich werden.

Dabei braucht es unbedingt eine menschliche Ebene, eine menschenwürdige Ebene, auf der man kommuniziert und handelt.

Der gesunde Menschenverstand in 100 Worten erklärt;

Der gesunde Menschenverstand ist die Fähigkeit, einfache und vernünftige Entscheidungen im Alltag zu treffen. Er basiert auf praktischer Erfahrung, Intuition und einem grundlegenden Verständnis für das, was sinnvoll und angemessen ist. Er hilft uns, Situationen richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren, ohne dass wir lange nachdenken müssen. Der gesunde Menschenverstand ist oft intuitiv und basiert auf unserem natürlichen Urteilsvermögen. Er ist eine wertvolle Orientierungshilfe im täglichen Leben, da er uns vor Fehlern bewahren kann und uns ermöglicht, vernünftig und verantwortungsvoll zu handeln. Insgesamt ist er eine wichtige Grundlage für unser Zusammenleben und unsere Entscheidungen.

1 „Gefällt mir“

Ist die Basis des Populismus.

Wenn das nicht off topic ist und oder geflaggt wird, kann ich das gerne elaborieren.

Das finde ich mal eine gute Erklärung. Nur warum findet das keinen Einfluss auf die Politik? Warum werden so oft Dinge gemacht die den gesunden Menschenverstand nicht widerspiegeln?

1 „Gefällt mir“

steile These.
Hast Du mal ein Beispiel?

Hast Du auch dazu mal einige Beispiele?

Das hat nichts mit dem gesunden Menschenverstand zu tun.
der gesMV betrifft den Inhalt, die Sachlichkeit und die Art der Kommunikation betrifft die Form.
Man kann auch freundlich Unsinn reden und man kann einen sinnvollen Vorschlag mit groben Worten machen.
Angesichts dieser Vermischung der beiden Ebenen (Inhalt/ Form) könnte man fragen, ob Dein Beitrag auf dem gesMV beruht.

Weil jeder was anderes darunter versteht.
Die Tatsache, dass sich jemand auf den gesMV beruft, bedeutet noch nicht, dass er ihn selber auch hat oder anwendet :slight_smile:

Weil die Realität sich meistens nicht an euren gesunden Menschenverstand hält.

1 „Gefällt mir“

Weil die Leute sich eben an den „gesunden“ Menschenverstand halten und nicht an die Realität bzw. die Daten.
Im Moment stellt der gM die größte Oppositionspartei.

Fakten haben es immer schwerer als Meinung und Empfinden.

Die theoretische Definition gefällt mir - allein, sie scheitert in der Praxis an der menschlichen Realität.
Einfaches Beispiel:
Es ist vom „gesunden Menschenverstand“ jedem klar, dass ein Kühlschrank, aus dem man mehr herausholt, als man reinstellt, irgendwann leer ist - und wenn nichts mehr drin ist, und von außen keine Hilfe kommt (man also auf den Kühlschrank angewiesen ist) - man eben verhungert (Dies ist das Beispiel des Artikels von @Biologin
„Als „common sense“ oder gesunder Menschenverstand in dem Sinne, dass eine große Mehrheit eine Überzeugung teilt, dürften demnach fast nur Aussagen über objektiv wahre Dinge gelten, wie zum Beispiel die Sache mit dem Dreieck und den drei Seiten.“) (Zit)

Schon, wenn es darum geht, dass man aus einem Wald nicht mehr Holz entnehmen darf, als nachwächst, (das ein Analogon zum Kühlschrank darstellt, aber zeitlich deutlich gestreckt zum Problem wird) ist bei vielen schon Schluss.
Noch schwieriger wird es beim Klimawandel und Artensterben, wo wir keine linearen, sondern exponentielle Verläufe über zudem verheerend lange Zeiträume (gemessen an einem Menschenleben) haben.
Auch hier gilt immer noch das Kühlschrankprinzip - aber der Mensch ist von seiner strukturellen Ausstattung weder in der Lage, exponentielle noch langfristige Verläufe

Und das betrifft nicht nur

Wenn es darum geht, daraus eine konsequente politische Forderung zu formulieren (und in der Regierung auch umzusetzen), scheitert der Progessive mit seinem „gesunden Menschenverstand“ daran, dass er bereit ist, mit Menschen „ohne Gesunden Menschenverstand“ Kompromiss"lösungen" umzusetzen - die keine Lösungen sind, und vor ihrem „gesunden Menschenverstand“ gar nicht bestehen können.
Selbst wenn man den sozialen Aspekt berücksichtigt, dass die Mehrheit ein restriktives Reduzieren der Entnahme aus unserem globalen Kühlschrank nicht verträgt und daher weiterhin dauerhaft mehr verbraucht als sich regeneriert - löst zwar das „kurzfristige“ soziale Problem - aber nicht das „langfristige“ und viel gravierendere existenzielle objektive Verhunger-Problem.
Man „löst“ also ein „nicht so gravierendes“ kurzfristiges Problem zu Lasten des wirklich existenziellen, „langfristigen“ (irgendwann ist einfach nichts mehr da). Das kann nicht im Sinne eines „gesunden Menschenverstandes“ sein.

Rein intellektuell (dank der Wissenschaft!), gibt es ihn also irgendwie - praktisch aber nicht.

Vor diesem Hintergrund ist es fast tragisch, dass sich der globale Kühlschrank nicht ebenso schnell lehrt wieder häusliche - es wäre so viel einfacher, es zumindest in den Bereich der haptischen Erfahrung und damit auch dem „gesunden Menschenverstand“ in der Praxis zugänglich zu machen.
Anderseits - wenn wir weltweit bereits jetzt schon - wie das andernorts bereits der Fall ist, schon seit 20 Jahren ebenfalls existenziell gefährdet sein würden (man stelle sich eine bereits abgeschlossene Ausweitung der Sahara über ganz Europa und Nordamerika vor), weil sich besagter globaler Kühlschrank bereits weitestgehenst geleert hätte - würden wir tatsächlich zur Einsicht gelangen, uns endlich dramatisch einschränkend anzupassen, wie es der gesunde Menschenverstand gebieten würde - und auch jetzt schon längst gebietet, auch wenn die Entwicklung noch nicht so dramatisch ist? Oder hätte uns der eigene Wohlstandsverlust nicht längs schon zur Ressourcensicherung kriegerisch aktiv werden lassen (in Konkurrenz zu den letzten Ressourcenoasen)?
Zugegeben - etwas spekulativ. Die Rüstung und die Kriege (die bereits heute schon auch z.T. Versorgungskriege sind) sprechen eher für letzteres - Krieg/gewalttätige Machtausübung an sich sind übrigens auch so Szenarien, die belegen, dass der gesunde Menschenverstand, der diese Formen des „Miteinanders“ natürlich verwirft, nicht in der Lage ist, sich gegen archaische Komponenten unseres Daseins durchzusetzen (der noch zurecht darauf bauen konnte, dass der Kühlschrank durch die natürliche Regeneration immer prallvoll war.

Es gibt sicher einige wenige Beispiele von Menschen, die die von Dir beschriebene Ebene ereich(t)en - sie sind aber so homöopathisch auf der Welt verteilt, dass man nicht von - immer noch vielen - „Progessiven“ sprechen sollte.

Alle anderen lassen sich jenseits des „gesunden Menschenverstandes“ permanent korrumpieren, und in Dubio mehr aus dem Kühlschrank entnehmen, als sie nachzufüllen auch nur selbst bereit sind - und politische Parteien wählen, die die dauerhafte, langfristige Überlastung des Kühlschranks auch noch befürworten - auch wenn es längst Alternativen (und sei es durch Verzicht (ich weiß schon, wird immer wieder nicht gerne gelesen :frowning: gibt.

Vom gesunden Menschenverstand wäre der [Verzicht] in unserer Situation längst selbstverständlich. Leider (fast) komplette Fehlanzeige.

1 „Gefällt mir“

Ich habe den Eindruck, dass es dem Fadenersteller nicht um sein Thema geht. Jedenfalls ist er nicht auf das Angebot eingegangen.

Ist dir schon mal die Idee gekommen, dass ich einfach was anderes zu tun hatte?

Ich freue mich sehr auf deine Elaboration.

Mea culpa. Ich dachte, dass sei Matthias`Faden. Umso erstaunlicher, dass er meinen Beitrag für dich geflaggt hat.

Dann bitte ich dich, diesen Irrtum zu entschuldigen.

Elaboration folgt. Es ist Bestandteil einer Unterrichtseinheit zum Thema Populismus.

Der gesunde Menschenverstand ist nämlich das, was alle haben. Der verläßliche Anker im Wirbel der Informationen.
Das macht ihn so gefährlich. Denn das eigene Empfinden trügt ja nicht. Im Gegenteil.

Und da holen Populisten die Leute ab.

Ist es nicht so, dass die Sommer früher auch schon warm waren? Dieser eine Sommer, als wir die ganzen Sommerferien drinnen waren und nur abends baden?

Ja, ja, ja!

Waren früher nicht weniger Ausländer und wir konnten unsere Kinder ungestört sicher zur Schule schicken?

Ja, ja, ja!

Und dann eine einfache Lösung und fertig ist der Lack.

2 „Gefällt mir“

In der Praxis beruft man sich m.E. meistens dann auf den gesMV, wenn jemand eine einfache Sache unnötig verkompliziert oder eine offensichtliche Tatsache übersieht.
In solchen Fällen ist das Berufen auf den gesMV auch OK, weil man einfach nur keine unnötigen Umwege machen will. Nehme ich bei einer Bergwanderung trotz Sonnenschein eine Jacke und eine Wasserflasche mit? Na klar, dazu brauche ich keine Statistik des Alpenvereins.

Schwierig wird es, wenn man den gesMV überhöht und meint, man könne intuitiv alles ganz schnell und einfach lösen oder beantworten, ohne groß nachzudenken, auch wenn die Sache wirklich kompliziert ist. Als Beispiel könnte man vielleicht den Brexit nehmen.
Selbstbestimmung schien dem gesMV der Briten plötzlich die beste und einfachste Lösung aller Probleme. Das war aber nicht der gesMV, sondern ungesunder Populismus.
Die Trennlinie zu verorten, ist ziemlich schwer.

3 „Gefällt mir“

Der gesMV beruht auf den Lebenserfahrungen und der direkt erfahrbaren Realität eines Individuums und ist damit notwendigerweise sehr beschränkt. D.h. er ist nur in bestimmten Situationen hilfreich. Oft ist er aber schon damit überfordert, zu erkennen, in welchen Situationen er nicht hilfreich ist.

1 „Gefällt mir“

Und das weißt du. Die Stupidis wissen es nicht. Das ist das Problem.

Ich bin immer noch dabei, mich durch Kahnemanns Werk ‚Schnelles Denken, Langsames Denken‘ zu arbeiten. Soweit ich bisher gekommen bin, ist für mich klar, dass ‚Common sense‘ gemäß Kahnemann ein Fall von Denken gemäß ‚System 1‘ ist.
Was Populisten gerne als „gesunden Menschenverstand“ anpreisen ist ja typischerweise schnell, mühelos, emotional gefärbt, stark von Stereotypen und mentalen Heuristiken geprägt.
Da ist dann auch die kognitive Verzerrung nicht weit.
„Bauchgefühl“ und vermeintlicher Common Sense sind ja eng verschwistert und oft nur ein unreflektierter Reflex – basierend auf Verfügbarkeitsheuristik, ‚confirmation biases‘ oder einfachen Assoziationen: bequem, vertraut, fühlt sich gut an und wird für wahr gehalten - unabhängig vom Wahrheitsgehalt.
Deshalb ist es ja auch nicht verwunderlich, dass jede populistische Rhetorik es systematisch vermeidet, das Kahnemann’sche ‚System 2‘ (also analytisches, kritisches Denken) zu aktivieren.
Konsequenterweise wird daher das schnelle, gefühlsgetriebene Denken gezielt angesprochen - mit plakativen Slogans, vereinfachenden Feindbildern, emotionalen Triggern (Angst, Wut, Nostalgie) und mit Narrativen, die sich intuitiv richtig anfühlen, aber empirisch falsch sind.
Dummerweise sind gesellschaftliche, politische und ökonomische Zusammenhänge nun aber gerade sehr komplex, volatil, und vielschichtig - also genau nicht geeignet für „Common Sense“.
In einem anderen Text (habe vergessen wo und von wem) habe ich den schönen Satz gelesen,
dass man den sogenannten gesunden Menschenverstand getrost auch als eine Art kognitives Placebo bezeichnen könne: Er beruhigt – heilt aber nichts.

Da man 'System-1-Denken nicht abschaffen kann (jedenfalls nicht in den bis heute bei H. sapiens evolvierten Gehirnen) bleibt nur der Versuch, die Dominanz des S-1-Denkens zu reduzieren. Bei Kahnemann find ich dazu keine politischen Rezepte, aber etliche kognitive Werkzeuge. Soweit ich bisher gekommen bin, würde er wohl plädieren für:

  • ‚System 2‘ institutionell zu stärken (strukturierte Entscheidungsproesse in Organisationen,
    Bekämpfung von ‚group think‘)
  • Biases bewusst machen
  • Hygiene gegen Overconfidence,
  • bewusste Irritation von Gewissheiten
  • komplexitätsadäquate Kommunikation
  • Vermeidung von simplen Narrativen
  • Komplexität zu akzeptieren, statt sie populistisch zu glätten

Noch ein Satz, ich irgendwo mal in diesem Kontext mal aufgeschnappt habe:
‚System 1 ist nicht das Problem – es ist die naive Selbstsicherheit, mit der man es für politisches Denken hält‘. (sorry, keine Quelle - aber ich finde es passt)

4 „Gefällt mir“

Das ist seit Monaten hier meine Rede.

Komplexität akzeptieren.

Dieser vehemente Wunsch nach Glättung? Wie begründet er sich?

Mir kam laienpsychologisch die Idee, dass der Wunsch nach Ordnung auch der Wunsch nach Beruhigung in einer eskalierenden Welt ist. Wenigstens im Kleinen soll Ordnung herrschen, wenn man schon Putin und Netanjahu nur hilflos zuschauen kann.
Da Emotionen starke Antreiber sind (für die man nota bene keine Quellen und kaum Begründungen braucht), üben sie starken Druck aus.

1 „Gefällt mir“

Das System 1-Denken ist evolutionär gesehen der normale Modus biologischer Gehirne. Sein großer Vorteil ist die Schnelligkeit. Es kommt zum Beispiel zum Einsatz, wenn wir einem geworfenen Gegenstand ausweichen. Dazu ist es nötig die Flugbahn zu antizipieren. Das kann nicht durch eine mathematische Berechnung geschehen, sondern nur durch ein trainiertes neuronales Netz in unserem Gehirn, dass die Ergebnisse der „Berechnung“ direkt ohne Beteiligung bewusster Denprozesse an die motorischen Zentren weiter gibt, um die Muskelbewegungen zum Ausweichen zu aktivieren. Das ist ein Beispiel auf einer sehr niedrigen Ebene.

Ähnliche Mechanismen finden auch auf einer anderen Ebene bei komplexeren Situationen statt, um z.B. zu bewerten ob ein anderes Lebewesen eine Gefahr darstellt. Ein eingehende Analyse der Absichten des Gegenübers ist nicht möglich und wäre im evolutionären Umfeld viel zu langsam gewesen. Auch hier kommen dann antrainierte Bewertungen durch ein neuronales Netz zum Tragen, die man auch als Vorurteile bezeichnet.

Dieses System 1-Denken findet als auf verschiedenen Ebenen statt, von der und ist auch beim heutigen Menschen überlebenswichtig. Es ist das, was wir dann oft als Intuition, Bauchgefühl, Überzeugungen oder hier als gesunder Menschenverstand bezeichnen wird, also eine Einschätzung die weitgehend ohne Beteiligung bewusstere, reflektierter, analytischer Denkprozesse auskommt.

Das ist seine große Stärke (Geschwindigkeit, Eindeutigkeit), versagt aber sehr häufig in dem komplexen Umfeld des heutigen Menschen.

Wer mehr darüber erfahren will, sollte vielleicht dieses Buch lesen, in dem die Vorgänge, die ich oben grob skizziert habe, wissenschaftlich aber doch allgemeinverständlich ausgeführt werden.

5 „Gefällt mir“

Das ist in einem bekannten Umfeld eine sinnvolle Anpassung.
In einem fremden Umfeld muss man immer erst mal Einheimische fragen, Bücher lesen oder wenigstens z.B. google lens benutzen, wenn man einschätzen möchte, ob ein Tier giftig ist oder nicht.
Der gesunde Menschenverstand scheint also viel mit gemachten Erfahrungen und Überlieferungen in der eigenen „Blase“ zu tun zu haben.

2 „Gefällt mir“

Hier ein Beispiel, das ich im Unterricht gerne zeige.