Der FAZ-Artikel hat mich mehr angesprochen, obwohl ich auch ihm nicht ganz zustimme. Dein n-tv link hat mich nicht überzeugt. Wohl aber die Fragestellung, wie Gewalt erkannt und eingeschätzt werden kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.
Selbst die Faust im Gesicht spüren: Das sollte niemand erleben müssen. Wir haben durch das Gewaltmonopol des Staates eine friedliche Gesellschaft, in der Gewalt nicht mehr zum Alltag gehört. Das ist ein Segen. Die meisten haben dadurch keine Einschätzung in (potentiell) gewaltsamen Situationen, das bleibt meist auf Ausnahmen und besondere Berufe beschränkt. In diesen Berufen wird gelernt, in Gewaltsituationen die Kontrolle zu behalten und nicht zum Opfer zu werden. Man lernt viele Facetten wie den Verlauf, Eskalation, Deeskalation, die Täter, die Opfer und andere Situationsvariablen einzuschätzen. Das ist auch Aufgabe des Militärs und der Informationsdienste. Gewaltmonopol des Staates bedeutet, dass der Umgang damit professionalisiert ist. Die Bürger müssen darauf vertrauen und vertrauen können, dass das System funktioniert.
Dem gegenüber ist der Konsum von Gewaltdarstellungen in Filmen/TV riesig. Menschen scheinen sich dafür zu interessieren. Vielleicht ist es Teil der Intention, auf diese Weise auch den Umgang mit Gewalt zu lernen, also lernen am Modell. Ein Nebeneffekt: Die Welt bzw Deutschland wird als gewaltsamer eingeschätzt, als sie sind.
Allerdings scheint es eine Zunahme von Gewalt in manchen Milieus, in Schulen und gegenüber bestimmten Gruppen zu geben, auch manche Berufsgruppen wie Ärzte, Sanitäter, Bürgermeister ua berichten das. Auch in manchen dieser Bereiche wird, als Reaktion auf die Zunahme, der Umgang mit Gewalt professionalisiert
Dass Menschen trotzdem Kampfsportarten lernen, widerspricht dem nicht: Man lernt, Eskalation zu vermeiden und die Grenzen der Notwehr. Man lernt zum Glück nicht, wie es ist, eine Faust ins Gesicht zu bekommen.
Die Professionalisierung von Gewaltgegenwehr finde ich richtig.
Auch Außenpolitik und Militärpolitik sollten professionell laufen. Auch darauf müssen wir Bürger vertrauen, denn wir haben in der Regel nicht die gesamte Hintergrundinformation.
Gleichzeitig bildet sich eine öffentliche Meinung über diese Fragen, gerade in krisenhaften Zeiten. Diese öffentliche Meinung bildet das ganze Spektrum ab zwischen wohl informiert, Humbug und gezielter Fehlinformation.
Spitzenpolitiker befinden sich in einer besonderen Situation: Sie müssen lebenswichtige Entscheidungen für alle treffen. Die Bedrohungslage hat sich so zugespitzt, dass sie sich in einer unbekannten Situation wiederfinden. Die letzten Jahre des Kalten Krieges war die Führung der UDSSR berechenbar, es konnten verlässliche Vereinbarungen getroffen werden. Auch in den Jahren danach waren wir, trotz Terrorismusgefahr, nie in einer so brisanten Situation. Ich kann mir vorstellen, dass die führenden Politiker auch persönlich unter Druck sind.
Natürliche Reaktionen auf eine akute Gefahr sind Kampf, Flucht oder Erstarren. Bei einer länger dauernden Gefahr versucht man sich anzupassen. Das braucht aber Zeit. Je größer und überraschender der Stress ist, desto mehr fällt man in sehr früh gelernte Anpassungsmuster zurück, die automatisiert wurden. Das bedeutet, die Entscheidungen werden u.U. schneller, automatischer aber oft auch schlechter. Mir scheint, dass gegenwärtig Robert Habeck die bessere Sammlung von Anpassungsmustern hat als etwa Olaf Scholz.
Die Persönlichkeit Putins bedeutet für Menschen, die mit ihm zu tun haben, einen besonderen Stress. Sein ganzes Verhalten ist darauf ausgerichtet, die Kontrolle zu behalten und den anderen durch Angst und Verwirrung klein zu halten. Das tut er nicht nur militärisch, sondern auch und besonders im direkten Kontakt. Die Telefongespräche, die Scholz mit ihm geführt hat, dürften eine Fundgrube für forensische Psychologen sein.
Dazu kommt, dass Putin aufgrund seiner Sozialisation (?) bestimmte soziale Signale offenbar nicht oder falsch versteht. Menschen, die diese Signale verstehen und als normal empfinden, werden durch seine dann rigide Reaktion verunsichert.
Diese Verhaltensweisen Putins werden in der offenen westlichen Gesellschaft wahrgenommen und lösen, je nach Vorerfahrung und Neigung, die verschiedensten Reaktionen aus.
Das Tohuwabohu um die beste Reaktion auf Putins Drohungen ist nicht überraschend. Es ist genau Ziel seiner Aktionen.
Es ist eine besondere Herausforderung, sich so einem Menschen entgegenzustellen und das richtige Maß in seiner Antwort zu finden. Dass Leute darauf nicht vorbereitet sind, ist normal. Aber sie sollten verd.mmt schnell lernen. Schneller auf jeden Fall.
Das ist dann wirklich ein Fall für Diplomatie: Nämlich gute Bündnisse zu schmieden, außerhalb der NATO und erst recht innerhalb.