Hast Du einen Vorschlag, wie man die Leute dazu bringen könnte?
ich halte das nicht für möglich, weil die Mehrheit das nicht mitmachen wird, egal, was für Konsequenzen das hat. Die Menschheit geht lieber unter, als sich wirtschaftlich zurück zu entwickeln.
Ich glaube es war der EON-Chef, der vor ein paar Tagen in einem sehr guten Interview sagte, dass wir die Klimawende nur mit neuen Technologien halbwegs rechtzeitig schaffen können. Verzicht funktioniert nicht
Ah ja, hier
E.on-Chef Leonhard Birnbaum: Ist die Menschheit noch zu retten, Herr Birnbaum? „Es ist praktisch unmöglich, ohne neue Technologie die Wende rechtzeitig zu schaffen“
Leonhard Birnbaum führt als Chef von E.on eines der größten Energieunternehmen Europas. Ein Gespräch über die Frage, ob der Umbau Deutschlands gelingen kann, bevor es für das Klima zu spät ist.
Birnbaum: Zum ersten Mal sind wir global bedroht, zum ersten Mal müssen wir global antworten. Dazu bräuchten wir Grenzen überschreitende Kooperation. Aber unsere Strukturen sind noch stark national bestimmt. Wir sehen in Europa, wie schwer wir uns tun, das auch nur ein bisschen aufzulösen, etwa in der Außen- und Sicherheitspolitik. Dann schaue ich mir die Autokraten dieser Welt an, den Krieg in der Ukraine, den Konflikt zwischen China und den USA. Alles das kann einen pessimistisch stimmen. Aber Pessimismus treibt einen nur in die Resignation. Und es gibt ja auch Dinge, die Grund zum Optimismus bieten …
ZEIT: Da bin ich jetzt sehr gespannt!
Birnbaum: Innovation. Wir müssen Dinge ganz anders machen, als wir sie je gemacht haben. In den vergangenen hundert Jahren hatten wir Innovationen wie nie zuvor, gerade in den letzten zehn Jahren. Wir haben es zum Beispiel geschafft, Windenergie und Sonnenenergie wettbewerbsfähig zu machen. Das setzt sich jetzt global durch. Bleibt natürlich die Frage: Sind wir schnell genug? Wir bräuchten ja permanent Paris-artige Zusammenarbeit, und die sehe ich nicht.
ZEIT: Sie meinen wie beim Pariser Klimaabkommen von 2015?
Birnbaum: Das war doch eigentlich ein Wunder: Obama hatte sechs Jahre zuvor den Friedensnobelpreis bekommen, der musste dafür noch etwas machen. Putin hatte die Krim annektiert und sich vielleicht gedacht, jetzt muss ich einen Kontrapunkt setzen. Xi Jinping war gerade mal drei Jahre im Amt. Dann kamen sie alle in Paris zusammen und haben zugestimmt! Könnte ich mir heute gar nicht mehr vorstellen. So eine Konferenz bräuchten wir aber jedes Jahr, um das Ziel von 1,5 Grad auch wirklich zu erreichen.
ZEIT: Die Wissenschaft hat früh genug gewarnt.
Birnbaum: Das ist richtig, spielt aber keine Rolle für die anstehenden Entscheidungen. Also, ganz platt: Ich könnte mich intensiv an der Diskussion beteiligen – ist 1,5 Grad richtig, oder müssten es nicht sogar 1,4 Grad sein, oder was passiert bei einer Zielverfehlung? Und wie viel Reduktion müssen wir dann bis 2030 schaffen oder bis 2040? Es ist aber egal, was bei der Diskussion rauskommt – Tatsache ist doch: Der Klimawandel wird immer spürbarer, und deshalb brauchen wir in jedem Fall viel mehr Energiewende-Infrastruktur! Denn sonst schaffen wir keins der Ziele. Das ist das Hauptproblem, das mich umtreibt: Wie bringe ich genügend Ingenieure und Techniker dazu, das doppelte Investitionsvolumen mit der doppelten Geschwindigkeit zu verbauen? Das sind Aspekte, die die Wissenschaft gar nicht interessieren – aber die darüber entscheiden, ob mein Unternehmen seinen Beitrag leisten kann. Sie würden sagen: zur Rettung der Welt.
ZEIT: Ist denn die Energiewende technisch in kurzer Zeit zu schaffen?
Birnbaum: Technisch ist alles möglich, das ist meine feste Überzeugung. Die Energiewende, die Verkehrswende, die Wärmewende – sie scheitern nicht an der Technik. Wenn, dann scheitern sie an der Gesellschaft, an der Politik, an den Menschen. Die Technik ist das geringere Problem.
ZEIT: Sie sind im Ernst der Meinung, dass man die Industrie in Deutschland kurzfristig so umstellen kann, dass sie CO₂-neutral wird und die Arbeitsplätze trotzdem erhalten bleiben?
Birnbaum: Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, es ist technisch möglich.
ZEIT: Technisch möglich – aber wirtschaftlich nicht rentabel?
Birnbaum: Das ist jetzt eine spannende Diskussion. Das können Sie pauschal nicht beantworten. Wenn die Deutschen die Einzigen wären, die Klimaschutz betreiben, würde ich ganz klar sagen: Das ist nicht möglich. Im OECD-Kontext ist es vielleicht möglich, im weltweiten Verbund mit 38 wirtschaftsstarken Staaten. Aber so, wie wir es im Moment machen, wird die Energiewende mit einem Wohlstandsverlust einhergehen, in ganz Europa. Es ist zurzeit viel die Rede davon, wie wettbewerbsfähig wir sein werden, wenn wir die erneuerbare Energie quasi umsonst kriegen und unsere Prozesse alle umgestellt sind. Die Frage ist, wie überbrücken wir die Zeit dazwischen, die industrielle Umstellung, die ja zehn, fünfzehn Jahre dauert?
ZEIT: Und selbst da würden radikale Klimaschützer sagen: 15 Jahre bis zur Wende, so viel Zeit haben wir gar nicht, das ist zu langsam.
Birnbaum: Richtig. Deswegen hoffe ich ja, dass es genügend Innovation geben wird, die das kompensiert, was wir derzeit nicht hinkriegen. Vielleicht schaffen wir es zum Beispiel tatsächlich, Anlagen zu bauen, mit denen wir das CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Auch wenn das heute ökonomisch nicht vorstellbar ist.
ZEIT: Das Wort von der Innovation ist parteipolitisch besetzt, die FDP setzt darauf, und es ist auch das Mantra von Friedrich Merz. Glauben Sie, dass es nur so hinzukriegen ist?
Birnbaum: Ohne Innovation werden wir scheitern. Es ist praktisch unmöglich, ohne neue Technologie die Wende rechtzeitig zu schaffen.