Vielleicht gibt es einen weiteren, sehr fundamentalen Grund für die derzeitige Unbeliebtheit der Grünen (um nicht von „Hass auf die Grünen“ zu sprechen).
Die Mehrzahl der „klassischen“ Grünenmitglieder haben nach meinem Eindruck eine grundsätzliche Oppositionshaltung. Sie kritisieren die Regierung, setzen sich dafür ein, dass die Mehrheit auch Randgruppen und Minderheiten berücksichtigt, suchen und finden die Lücken und Widersprüche im Staatsbetrieb und der Gesellschaft.
Was eine Opposition eben so macht.
Und das im Prinzip seit 40 Jahren (mit wenigen Ausnahmen).
Historisch ist diese Denkweise verständlich.
Die Grünen habe nie (oder noch nicht) gelernt, dass die Regierung zuallererst die Interessen der Mehrheit vertreten sollte, sie wird schließlich auch von der Mehrheit gewählt.
Es ist keine gute Idee (und auch keine gute Politik), sich als Regierung auf die Belange von Minderheiten zu konzentrieren oder diese den Mehrheitsinteressen vorzuziehen.
Und weil die Grünen es nicht gewohnt sind, die Welt mit den Augen der Mehrheit zu sehen, machen sie Sachen wie das GEG (Heizungsgesetz) oder das Selbstbestimmungsgesetz (und halten beide für ähnlich wichtig).
Beide Gesetze gehen an den Wünschen und Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit vorbei.
Das GEG ist für viele zu teuer und unkalkulierbar.
Das SelbstBestG ist den meisten wahrscheinlich suspekt oder bestenfalls egal. Es löst mehr schlecht als recht ein Problem, dass 99% der Leute nicht haben.
Die Bevölkerungs- und Wählermehrheit spürt, dass die Grünen sich nicht für sie (also die Mehrheit) interessieren, und das erweckt diesen Widerwillen oder sogar Hass, der zu schlechten Wahlergebnissen führt.
Die Migration ist ein Beispiel dafür.
Die Grünen machen sich Sorgen um die Rechte und das Wohlergehen der Migranten, was löblich ist. Sie machen sich aber keine Sorgen darüber, ob die Migration die Rechte und das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung beeinträchtigt. Dementsprechend ist ein Großteil der eigenen Bevölkerung unzufrieden mit der grünen Migrationspolitik und reagiert mit Ablehnung.
Die Missachtung der Mehrheitsinteressen rächt sich bei der Regierung, anders als bei der Opposition.
Die Opposition kämpft gegen die Regierung.
Die Regierung muss für die Mehrheit der Bevölkerung kämpfen.
Baerbock und Habeck haben das verstanden, sie denken und handeln wie eine Regierung, und genau deswegen sind sie bei etlichen „klassischen“ Grünen unbeliebt, die in der geliebten Oppositionsrolle feststecken.
Diese Oppositionssozialisierung führt auch zu dem bekannten Effekt, dass es vielen Grünen reicht, eine untadelige Haltung zu haben, auch wenn sie damit nichts erreichen.
Als Opposition reicht es häufig, den Fehler zu benennen und die Regierung dafür verantwortlich zu machen. Man muss es nicht besser machen.
Als Regierung ist das zu wenig.
Auch hier wieder die Migration als Beispiel:
Die Grünen wissen, was man alles nicht machen darf (wegen der Grundrechte, der Menschenrechte, der Humanität, der Vermeidung von Diskriminierung und Rassismus, der Wiedergutmachung des Kolonialismus usw usw). Aber sie wissen nicht, wie das Problem der Überforderung unserer Gesellschaft durch die Migration gelöst werden soll.
Sie flüchten dann in Schlagworte wie „Fluchtursachenbekämpfung“, von der alle wissen, dass sie nicht stattfindet und nicht hilft, und erklären jeden Flüchtling zur „Bereicherung“.
Das ist zu wenig für eine Regierung.
Wenn es ein Problem gibt, muss die Regierung bereit sein, es anzuerkennen und einen Weg zur Lösung vorzuschlagen, ob es ihr gefällt oder nicht.
Dann muss man zB auch Menschen nach Afghanistan zurückbringen, die hier andere Menschen mit dem Messer angreifen. Ob das machbar ist, werden wir sehen. Aber wenn schon der Wille fehlt, wird es sicher nicht funktionieren.
Auch hier spürt die Mehrheit den fehlenden Willen („wir wissen ja gar nicht, mit wem wir in Afghanistan reden sollen“) und kommt sich nicht gut vertreten vor (oder einfach verarscht).
These also: die Grünen sind mental noch nicht fähig zu regieren, weil sie sich noch nicht von ihrer historischen Oppositionsdenke befreit haben.