Die Idee des Longtermism - ein Glaube für und an die Zukunft?

Seit ich auf dieser Webseite https://longtermism.com/ über Longtermism gelesen habe und diese Bild gesehen habe:

bin ich ein Anhänger dieses Gedankens. Die Briefmarke und die Münze symbolisieren die bisherige Lebensdauer unserer Spezies. Der Obelisk (20 Meter hoch) symbolisiert die bisherige Geschichte des Planten Erde. Wenn man jetzt einen 5 Meter hohen Baum auf den Obelisk stellen würde, wäre das die Zeit in der die Erde für Menschen bewohnbar bleibt (Bitte die Briefmarke nicht vergessen). Und der Berg im Hintergrund ist das Matterhorn und symbolsiert die verbeibende Zeit in der das Universum bewohnbar bleibt.

Man sagt ja „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen“. Aber Longtermism sagt aus: Es gibt noch fast unendlich viele Menschen die nach uns geboren werden könnten, wenn wir richtig handeln. Und wir leben aktuell in einer Zeit in der die wesentlich Entscheidungen für diese zukünftigen Generationen getroffen werden.

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In „The Ministry for the Future“ gibt es ein sehr gute Erklärung über wie man die Menschen die noch leben werden mitwiegen und wirtschaftlich bewerten kann, die sogenannte Discount Rate.

“No one denies future people are going to be just as real as us. So there isn’t any moral justification for the discounting, it’s just for our own convenience. Plenty of economists acknowledged this. Robert Solow said we ought to act as if the discount rate were zero. Roy Harrod said the discount rate was a polite expression for rapacity. Frank Ramsey called it ethically indefensible. He said it came about because of a weakness of the imagination.”

Wirtschaftlich kann man nicht alle zukünftige Menschen gleich mitwiegen aber mehr als jetzt wäre schon gut. Wie man das tut ist eine zweite Frage wenn man jetzt sogar nicht Kinder das Wahlrecht geben kann, ist es für Menschen die es noch nicht gibt noch viel schwieriger.

Für mich ist das weniger ein Gedanke, den ich in Gesetze gießen möchte als eine Art Glauben:
So wie ich an ein „besseres Leben nach dem Tod bzw. die Hölle glauben kann“ (irgendwas mit Harfen oder Jungfrauen/Weintrauben). Ein gemeinsamer Glaube an die Millionen von Generationen die nach uns kommen werden, würde die Menschen ganz anders handeln lassen (glaube ich :slight_smile: ).

Bloß nicht als Jungfrau sterben…

Ja, z.B. die Hindus tun das schon:

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Im gleichen Buch schlagen die Inder vor um bis sieben Generationen mitzuzählen als Menschen womit gerechnet werden muss.

But Badim tells me that in India it was traditional to talk about the seven generations before and after you as being your equals. You work for the seven generations. Now they’re using that idea to alter their economics. Their idea is to shape the discount rate like a bell curve, with the present always at the top of the bell. So from that position, the discount rate is nearly nothing for the next seven generations, then it shifts higher at a steepening rate.

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Dann bringt es natürlich nicht viel im Sinne von Verhaltensänderung.
Das wusste ich noch gar nicht.

Aber allein die Vorstellung, reinkarniert zu werden, müsste aus purem Egoismus dafür sorgen, dass dann noch ein lebenswertes Umfeld da sein soll und man dafür etwas tut.

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Noam Harary hat mich persönlich mit seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit überzeugt, dass es einen entscheidenden Faktor für den Erfolg der Menschheit auf diesem Planeten gibt. Und das ist nicht die Intelligenz an sich oder die Sprache, sondern die Fähigkeiten der Menschen sich gegenseitig Geschichten zu erzählen und gemeinsam an diese Geschichten zu Glauben. Diese Fähigkeit ist mehr als nur Sprache und oder Intelligenz.

Denn um größere Gruppen von Menschen (größer als sagen wir 50) zusammen zu führen und gemeinsam handeln zu lassen, sind solche gemeinsamen Ideen essentiell. Deshalb sind überhaupt Religionen entstanden! Weil das starke Ideen waren an die viele Menschen geglaubt haben, was wiederum dieser Gemeinschaft von Menschen Vorteile verschaffte. Haray macht dabei keine Unterschied zw. Religion, Nationalstaaten, Geld oder Konzernen. All diese Konzepte sind für Ihn Geschichten an die wir gemeinsam glauben.

Wenn ich also in diesem Sinne den Longtermism als Idee verstehe, dann könnte diese Idee sehr viel für unsere Zukunft bewirken.

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Das finde ich beängstigend, aber es könnte tatsächlich so sein.

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„Beängstigend“ verstehe ich nicht. Der Gedanke ist für mich faszinierend. Nun, ich habe das sicherlich nicht besonders gut zusammengefasst. Das Buch kann ich jedenfalls uneingeschränkt empfehlen. Es liest sich auch sehr gut.

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Wenn es jemand schafft, uns glaubhaft eine Geschichte vom „Bösen Feind“ zu erzählen, bekämpfen wir ihn und fühlen uns als „Die Guten“.
Vielleicht gab es früher mal mehr Intellektuelle, die auf diese Art und Weise ausgestorben sind?

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Was macht diese Fähigkeit Geschichten zu erzählen aus?
Der Erzähler braucht zunächst den Zuhörer. Wem hören wir zu und warum? Wem wollen wir folgen und warum?
Keine einfachen Fragen.

Vielleicht sind die Menschen heute nur mehr ans selber Denken gewöhnt, haben mehr Zeit und Möglichkeiten sich zu informieren.
Vielleicht haben wir deshalb viel mehr Intellektuelle als damals?

Ich befürchte ja, dass wir jetzt weniger haben, weil sie sich gegen die Geschichten/Narrative nicht durchsetzen konnten.

Hier eine Abhandlung zum Sozialismus, aber viele Könige und Kirchen hatten auch wenig Freude an den Intellektuellen bei den Untertanen.

Die Summe der Intelligenz ist proportional der Fläche des Landes.
Sie verteilt sich auf alle Bewohner, zum Glück nicht gleichmäßig.

Das ist es ja: Die These von Harary ist das „Erzählen von Geschichten“ eben einen evolutionären Vorteile erzeugt: Es ist der entscheidende Faktor zu Organisation von großen Gruppen von Menschen.

Beispiel: Homo Homo Lupus
In der Form in der Thomas Hobbes diese Geschichte verwendet hat, diente Sie als Begründung des Absolutismus: So in der Art: Wenn es den König nicht gäbe wurden einfach alle übereinander herfallen.
Diese Geschichte diente also dem Zweck, eine bestimmte Ordnung zu begründen und aufrecht zu erhalten. Faktisch gesehen, stimmt diese Geschichte nicht: Alutrismus ist auch im Tierreich nachgewiesen und der Mensch ist ein soziales Wesen (ganz zu schweigen davon das Wolfsrudel sehr gut organisiert sind).

Ich möchte jetzt hier keine Diskussion über Hobbes ( die Menschen führen – in Hobbes negativem Weltbild – einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), in dem „der Mensch […] dem Menschen ein Wolf [ist]“ (homo homini lupus, ursprünglich von Plautus).) sondern nur darauf Hinweisen das solche Ideen mehr dazu beitragen eine Ordnung aufrecht zu erhalten, als alle Polizisten und Soldaten zusammen.

Womit ich wieder bei der Idee des Longtermism angekommen wäre :slight_smile:

Machen wir mal die Gegenprobe: angenommen, eine Gruppe von Fundamentalisten irgendeiner Religion gehen davon aus, dass das Ende sowieso nah ist und dass die baldige Apokalypse begrüssenswert ist.
Also muss man alles tun, damit dies noch in dieser Generation passieren soll. Technisch sind wir ja leider so weit… und an religiösen Fanatikern mangelt es auch nicht…

Wenn du für diese Idee ein paar Millionen Anhänger findest, habe wir alle ein Problem. Ich würde so etwas eine Religion nennen. Zum Glück würde so eine Idee von beiden Seiten bekämpft: Von den anderen Religionen und von den Atheisten.

Wollen wir es hoffen! Die Frage ist: wie viele überzeugte und charismatische Apokalyptiker in Schlüsselpositionen braucht es, um wirklich eine Apokalypse auszulösen?
Und wie baut man rechtzeitig eine stabile Zivilgesellschaft auf, die jedes verhindert? Wie schafft man es, so eine Art „Longtermism“ in ein allgemeines politisches Leitbild (es gibt ja auch den Begriff „Zivilreligion“) zu gießen?
Ich sehe da eine Parallele zur Entwicklung der allgemeinen Anerkennung der Menschenrechte

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Ich kenne das aus Fortbildungen zur BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung). Wenn sich eine Gruppe interessieren soll für das Zeug, das ich ihnen beibringen will, muss ich ihnen erst mal eine emotionale Geschichte erzählen, zum Beipspiel die Geschichte von der Stadt Nova, die irgendwann im Müll versunken ist, weil die Bewohner*innen immer alles neu haben wollten.

Das ist ja auch gut und schön es so zu machen, bei einem bestimmten Lernziel, aber wenn das Geschichtenerzählen zur Staatsdoktrin wird, dann wird es gefährlich.

Das war ja auch schon ein Alarmsignal im Discourse-Forum, dort gab es schon den Ansatz, einen einen Strang zu erstellen mit Narrativen, die man als Grüne*r verwenden darf und denen, die man lieber der AFD überlässt, wenn man keine Beschimpfungen ernten möchte.

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Dazu auch unbedingt lesenswert: Am Anfang war das Bier von Reichholf