Achtung, viel Text … Aber kürzer gings nicht.
Die inhaltlichen Gegensätze bei politischen Themen, die hier immer wieder auftauchen, lassen sich m.E. auf einen zentralen Punkt zurückführen, an dem sich die Wahrnehmung der Wirklichkeit unterscheidet:
Die eine Auffassung geht davon aus, dass der Mensch im Kern ist, wie er ist, und sich nicht so leicht ändern lässt, und dass daher auch politisch nicht alles machbar ist, was wünschenswert wäre. Ich möchte diese Haltung in der Folge der Einfacheit halber als Realismus bezeichnen.
Die andere Auffassung geht davon aus, dass der Mensch nahezu beliebig form- und änderbar ist, und dass sich daher alles „machen“ lässt, was wünschenswert ist. Das würde ich Utopismus nennen.
Ich vertrete die erste Auffassung, gehöre also zu den Realisten, wie unschwer erkennbar sein dürfte. Dieser Realismus sieht aus wie Konservatismus, da er viele wünschenswerte Änderungen für unmöglich hält und daher keine Maßnahmen ergreift oder befürwortet, die diese Änderungen ermöglichen sollen.
Das wirkt häufig auch wie ein Mangel an Moral oder Gerechtigkeitsempfinden: wenn jemand zB nicht glaubt, dass durch diese oder jene Maßnahme die Armut in Deutschland beseitigt werden kann, wird das schnell missverstanden als Desinteresse und mangelndes Mitgefühl mit den Armen. Dann stehst Du im Verdacht, ein herzloser Kapitalist zu sein, während Du in Wahrheit nur nicht glaubst, dass eine bestimmte Vorgehensweise das Problem löst.
Der Utopismus wirkt hingegen fortschrittlich, moralisch, gerecht, sozial, ökologisch.
Denn er benennt nicht nur die Probleme, sondern bietet auch immer eine „Lösung“ an, selbst wenn er nicht weiß, wie sie aussieht und wie sie erreicht werden kann.
Beispiel:
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Problem: Das Vermögen auf der Welt ist ungleich und ungerecht verteilt, viele Menschen leben in Armut, andere sind sehr reich.
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Lösung: Das kapitalistische System und die Vermögensverteilung müssen global grundlegend geändert werden.
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wie geht das? entweder es gibt ein ausgeklügeltes politisch-philosophisches Konzept (Kommunismus, Sozialismus); oder es gibt nur einige Grundgedanken und ein paar eher kindische Schlagwörter (zB „Um-fair-teilung“
), der Rest ist unklar, „tbd“.
Jedenfalls wird ein anzustrebender Endzustand beschrieben, eine bessere Welt. -
wie kommen wir dahin?
Das ist der kritische Punkt. Da die Menschheit diese bessere Welt bislang nicht aus eigenem Antrieb erschaffen hat, obwohl sie wünschenswert wäre, war sie offenbar zu dumm oder zu unfähig dazu. Also müssen die Menschen von den Utopisten belehrt und motiviert (notfalls gezwungen) werden, damit sie ihr Verhalten ändern (das ist in etwa der klassische kommunistische Ansatz).
Oder es wird unterstellt, dass die Menschheit von irgendeiner Art von Elite oder geheimen Mächten unterdrückt und manipuliert wird (früher gerne das "internationale Finanzjudentum, heute heißt das „Soros“, „die Kapitalisten“ oder notfalls die „MIKs“).
Dann muss man diese Manipulation offenlegen/beseitigen, damit die Menschheit ihren „wahren Willen“ formulieren und umsetzten kann. Bei @drakon soll das z.B. durch eine noch unbekannte globale Bürgerrechtsbewegung passieren, wenn ich es recht verstehe.
Den verschiedenen utopistischen Spielarten ist gemein, dass sie davon ausgehen, dass der Mensch „eigentlich“ anders ist, als er sich historisch gesehen verhalten hat und immer noch verhält. Wenn man ihm nur gut zuredet und ihn belehrt, tut er das Richtige, das Gute, das Moralische. Er rettet das Klima, beseitigt Armut und Hunger und beendet ein für alle Mal Krieg, Gewalt und Unrecht.
Demgegenüber stehen aus Sicht der Realisten die gesammelten Erfahrungen aller politischen und sozialen Systeme: Armut, Hunger, Krieg, Gewalt und Unrecht gab es immer und die Entwicklung der Menschheit lässt nicht erkennen, dass sich daran grundsätzlich etwas ändert (wenngleich immerhin die Armut zurückgegangen ist).
Diese Lücke in der Argumentation wird von den Utopisten mit den o.g. Annahmen/Fiktionen überbrückt:
Die Menschen müssen belehrt werden oder es müssen entspr. Gesetze geschaffen werden, oder die geheimen Mächte müssen entmachtet werden. Dann ist alles möglich und alles wird gut. Alles ist „machbar“, auch das Verhalten des Menschen und damit die ganze Welt (daher der thread-Titel).
Die Realisten halten diese Ansätze für Fiktionen, mit denen entgegen aller Vernunft irgendwie begründet werden soll, dass der gewünschte Zustand, die bessere Welt, erreicht werden kann. Sie halten die Utopisten für etwas dumm und sehr realitätsfremd, weil sie die fehlende faktische Grundlage für ihre Utopien nicht erkennen oder nicht zugeben.
Die Utopisten halten die Realisten entweder auch für dumm, weil sie das große Potential einer „besseren Welt“ nicht erkennen, oder für amoralisch und herzlos, weil sie das Elend der Welt scheinbar nicht beseitigen wollen.
Ein Beispiel im Kleinen ist auch der Streit um die Moderationsregeln:
die Utopisten glauben, dass man einen Diskurs von hoher Qualität durch entspr. Regeln und entspr. Moderation „machen“, herstellen kann, dass man die Teilnehmer dazu erziehen kann.
Die Realisten glauben, dass die Leute sind, wie sie sind und reden, wie sie reden, und dass man daran durch noch soviel Moderation nichts ändern kann (außer vielleicht, dass die Leute heucheln und sich verstellen, weil sonst Strafen drohen).
Kernfrage ist also:
Ist der Mensch, wie er ist, und ändert er sich nur über Jahrhunderte und Jahrtausende (oder gar nicht, aufgrund evolutionsbiologischer Festlegungen)?
Oder ist er „machbar“, erziehbar, und lässt er sich kurzfristig ändern?
Man sieht, dass das keine Frage der Moral oder des Gerechtigkeitsempfindens ist, sondern eine biologische, genetische, psychologische, soziale oder historische Frage.
Die Frage bzw. die Antwort darauf scheint auch empirisch überprüfbar zu sein.
Man müsste doch feststellen können, ob der Mensch sich z.B. in den letzten 50 Jahren grundlegend geändert hat.
Die Antwort wäre wohl Nein.
Das möchten die Utopisten aber nicht gelten lassen und argumentieren, dass man die Veränderung nur richtig anpacken müsse, dann würde es auch klappen, oder dass es einfach beim nächsten mal besser funktioniert als bisher, warum auch immer (eine weitere aus der Not geborene Fiktion, wie die Realisten sagen).
Dass Verhaltensänderungen möglich sind, werden auch die Realisten nicht bestreiten. Aber sie glauben, dass der Kern des Menschen unverändert bleibt. Die Änderung ist nur oberflächlich, tief drinnen existieren dieselben Triebe und Ängste weiter wie seit tausenden von Jahren:
der Überlebenstrieb, der Wunsch nach Arterhaltung und Fortpflanzung, die Angst vor dem Tod.
Deswegen halten sie es nicht nur für sinnlos, sondern sogar für schädlich, von den Menschen in zu großem Maße Verhaltensweisen zu verlangen, die gegen diese „Urinstinkte“ und Gewohnheiten gehen. Denn das erzeugt nur Widerwille und Widerstand.
Das erklärt auch den verbreiteten Hass auf die Grünen:
Wenn man zu viele irrationale oder ungewohnte Forderungen an die Menschen stellt (und dazu neigen die Grünen) erzeugt das Abwehr und Aggressionen.
Da hilft es auch nicht, wenn die Forderungen moralisch berechtigt und gut gemeint sind. Die moralische Unterfütterung wird dann eher noch als anmaßend empfunden (siehe die Klebe-Aktionen der Letzten Generation).
These, Antithese, Synthese:
Gut wäre ein Mittelweg.
So viel fordern, wie die große Mehrheit der Leute leisten und verkraften kann.
Nicht übertreiben, aber auch nicht den problematischen Ist-Zustand tatenlos hinnehmen.
Ich hoffe, dass sich die Grünen unter Habeck gerade auf diesen Mittelweg begeben.