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„Fakten bringen niemanden dazu, sein Verhalten zu ändern“
Wir tun so, als sei Politik eine rationale Angelegenheit. Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner sagt: Das ist Quatsch. Es gehe immer um Gefühle.
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Sondern es geht um die versteckten emotionalen Grundlagen unserer Entscheidungen. Darum, da genauer hinzuschauen. Warum habe ich eine gewisse Überzeugung? Warum will ich ein Tempolimit oder ein Frauenwahlrecht? Ich kann nur faktenbasiert darüber reden, wenn ich mir vorher klarmache, ich habe diese und jene Überzeugung und dieses oder jenes Gefühl zu einem Thema. Sich das klarzumachen, zeugt von emotionaler Reife. Der zweite Schritt ist die kommunikative Reife, also über diese Einstellungen und Gefühle auch zu sprechen. Und zwar ehrlich.
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ZEIT ONLINE: Woher kommt der Hass im öffentlichen Diskurs?
Urner: Beim Hass geht es oft um Angst. Angst ist häufig getrieben durch Unsicherheit. Wenn jemand anders spricht, anders aussieht, andere Musik lieber mag, schafft das Unsicherheit. Die sorgt im Gehirn für Unruhe, weil alles Unbekannte eine potenzielle Gefahr bedeuten kann. Wird Angst nicht adressiert, kann sie wachsen und in Hass münden. Ein emotional reifer Umgang wäre, zu fragen: Ich spüre Angst, warum eigentlich? Aber das fragen sich die wenigsten. Hass ist also die eskalierte Form von Angst.
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ZEIT ONLINE: Im März war Annalena Baerbock bei Caren Miosga in der Sendung, und Frau Miosga sagte zu ihr, für eine Außenministerin reagiere sie ganz schön emotional. Sollte eine Außenministerin Emotionen zeigen?
Urner: Ja, wenn die Emotionen ehrlich sind. Aber ohne zu übertreiben oder gar mit der Absicht, zu manipulieren. Olaf Scholz schafft es mit seiner vermeintlichen Emotionslosigkeit weder Menschen mitzureißen noch zu kommunizieren, dass auch seine Entscheidungen wertegebunden sind. Wenn wir nicht wissen, welche Überzeugungen, Werte und Emotionen eine andere Person vertritt, ist das verunsichernd. Deshalb nehmen viele Olaf Scholz als unnahbar wahr.
Welche Menschen haben in der Vergangenheit andere Menschen wirklich bewegt? Das waren emotional überzeugende Persönlichkeiten, die klar gesagt haben, was ihre Werte sind und wofür sie auf die Straße gehen. Menschen wie Martin Luther King oder Rosa Parks. Menschen handeln, wenn sie emotional berührt sind, weil Emotionen die Währung für Bedeutung sind. Fakten allein bringen niemanden dazu, das eigene Verhalten zu ändern. Wut, Trauer, Angst und Mitleid schaffen das.
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ZEIT ONLINE: Wie bei der Klimakrise? Die Fakten sprechen für sich, aber viele Menschen reagieren trotzdem nicht. Liegt das daran, dass die Krise sie emotional nicht erreicht?
Urner: Ja. Wie sehr uns etwas betrifft, wird dadurch bestimmt, wie nah es uns ist. Die Emotionsforschung lehrt uns: Je emotionaler eine Information für uns ist, desto stärker speichern wir sie ab, desto länger denken wir darüber nach. Warum haben wir überhaupt den Klimanotfall? Weil wir alle, auch Entscheidungsträgerinnen und Medien, diese emotionale Nähe nicht gespürt haben. Eisbären auf schmelzenden Schollen? Weit weg, räumlich und zeitlich. Unser Gehirn lebt vor allem im Hier und Jetzt. Bereits die nächsten Monate sind weit weg, das gilt erst recht für Jahre und Jahrzehnte. Inzwischen sprechen wir zwar über Kipppunkte im Klimasystem, aber das ist immer noch abstrakt. Solche Informationen können wir weder gut verarbeiten, noch lassen sie uns unser Verhalten ändern. Dazu kamen die Ablenkungsmanöver mächtiger Menschen und Konzerne, die noch immer große finanzielle Gewinne aus dem fossilen Zeitalter ziehen – auch das ist übrigens ein Beispiel für kurzfristiges Denken.