Ich bin immer wieder fasziniert davon, mit welcher Pfiffigkeit die Ukraine das Beste aus ihren begrenzten Möglichkeiten macht. Aktuelles Beispiel:
Ihr habt vermutlich davon gehört, dass der Iran Russland mit Shahed Drohnen beliefert. Die Dinger sind low tech, propellergetrieben, langsam, ein Viertel so groß wie eine Cessna und kosten nur 20.000$. Sie greifen in Schwärmen von ca. 20 Exemplaren an. Die Ukrainer nennen sie ‚Mopeds‘ wegen des ähnlichen sounds.
Die Ukraine besitzt durchaus gute Luftabwehrraketen, aber die sind dafür gemacht, zig Mio teure Kampfjets abzuschiessen und kosten ganz schnell mal 250.000$ pro Exemplar. Wenn man damit Shaheds abschiesst, ist man schnell pleite, Was also tun?
Sie nehmen zivile PickUps, pinseln sie olivgrün an und schrauben so ein gutes altes Zwillings-MG aus dem Archiv auf die Ladefläche (sah aus wie Browning .50cal, war aber vermutlich ein sowjetisches Fabrikat). Damit kann man heutzutage keine Kampfjets oder Kampfhubschrauber mehr abschiessen, aber für diese simplen Drohnen reicht es völlig. Und die Munition ist billig.
So schaffen sie es angeblich, 80% der Drohnen abzuschiessen (für mich glaubhaft). Wenn so eine Drohne in bewohntem Gebiet abstürzt, richtet sie zwar dort auch ordentlich Schaden an, aber immer noch besser, als wenn sie wie geplant das Elektrizitätswerk oder so getroffen hätte.
btw das linke Ufer des Dnjepr mit der Stadt Kherson ist jetzt offenbar vollständig befreit. Die videos über den Einmarsch der Ukrainer in die Stadt waren herzergreifend.
Jup, ich habe auch gelesen dass die mit Elektrorollern die leise sind sich mit Panzerabwehrraketen an Panzer rangeschlichen haben, diese zerstört und dann fast lautlos und schnell wieder weg sind.
Cool finde ich auch diese ungepanzerten Buggies (wie aus Mad Max, extremely low cost), mit denen sie mit einem Affenzahn durch fast jedes Gelände zu den russischen Stellungen vorpreschen und sie überwältigen, bevor die überhaupt aufwachen.
Es ist interessant, wie sich wandelnde Kriegsführung und Materialeinsatz auf die militärischen Erfordernisse auswirken - und auf einmal „veraltete“ Systeme wieder interessant werden. So ist der FlakPanzer Gepard, ausgemustert und eingemottet, plötzlich ein gefragtes Gerät, weil der vermeintliche Nachteil, nämlich nur Objekte in relativer Nähe bekämpfen zu können, bei Drohnen keine Rolle spielt. Und 35 mm-Munition eben wesentlich billiger ist, als eine Lenkrakete. Die durchschnittlichen „Abschusskosten“ einer Drohne oder eines vergleichbaren Fluggeräts sollen bei nur ca. 4.000 EUR liegen (nur Munitions- oder Vollkosten?), also deutlich unter den Kosten von ca. 20.000$ für ein iranisches „Moped“.
Vergleichsweise billigen Drohnen gehört die Zukunft, also braucht man eine entsprechend preiswerte Gegenwehr.
Aus diesem Grund sehe ich die Anschaffung extrem teurer Kampfflugzeuge sehr kritisch [aber die meisten Luftwaffe-Offiziere haben vermutlich zu viele „geile“ TopGun- oder heroische WK-II-Luftkrieg-„Heldengeschichten“ konsumiert]. Sie werden in Zukunft vermutlich nur noch für wenige, ausgewählte Spezialanwendungen benötigt und erfordern eine absolute Lufthoheit, damit der Gegner sie nicht mit einer „preiswerten“ 250.000$-Rakete vom Himmel holt. Eine ähnlich schockierende Erfahrung machten die SU in ihrem Afghanistan-Einsatz mit Verlusten an Kampfhubschraubern durch Stinger-Raketen oder die Briten beim Verlust ihres Zerstörers HMS Sheffield während des Falkland-Krieges durch eine einzige Exocet-Rakete.
Vielleicht lassen sich Verteidigungsministerium und Bundeswehr von einigen unkonventionellen Kriegsführungspraktiken der UkrainerInnen inspirieren, könnte helfen, die 100 Mrd. Sondervermögen sinnvoll auszugeben. So bin ich fest davon überzeugt, dass robuste Pedelecs ein super Gerät für Infanteristen wären, sind halt nicht so „sexy“ und martialisch wie ein Panzer. Im wikipedia-Artikel "Radfahrtruppen" heißt es: „Derzeit werden wieder Luftlandetruppen der US-Armee auch für den Kampfeinsatz mit Fahrrädern ausgestattet.“ Neuer Wahlkampfslogan: „Trust Pedelec, not Puma!“