Wolf Biermann hat in der Zeit einen Grund genannt, auf den ich bisher nicht gekommen bin.
Ich habe immer vermutet, dass die engen Beziehungen der DDR zu Russland der (Hinter)Grund für die geistige Russlandnähe vieler Ostdeutscher ist, kombiniert mit einem anti-westlichen Reflex („wer gegen die verhasste Merkelregierung/ das Kartell der Altparteien ist, ist mein Freund“).
Klar war für mich jedenfalls, dass es insb. der AfD nicht um Friedensliebe oder Pazifismus geht.
Biermann sagt sozusagen das Gegenteil:
es ist die tiefsitzende historische Angst der Ostdeutschen vor russischen Panzern! Die kamen zweimal, erst im 2. WK und dann während der DDR-Zeit.
Klingt für mich plausibel.
" ZEIT: Warum gibt es in Ostdeutschland mehr Bedenken dagegen, die Ukraine stark gegen Putin zu unterstützen?
Biermann: Es ist wohl die zweifache Todesangst vor der Sowjetunion: Erstens die Erinnerung an die Millionen Gefallenen gegen Stalins Sowjetarmee. Und zweitens die Angst vor den russischen Panzern, die aus rebellischen Menschen Menschenfleisch machen."
Diese Angst der Ostdeutschen kann ich angesichts der Historie im Ansatz nachvollziehen.
Bei den Putin-Verstehern im Westen (Mützenich u.ä.) kommt mir das allerdings eher wie ein Mangel an Mut vor (um das Wort Feigheit zu vermeiden).
Ich bin kein großer Biermann-Fan, aber das Interview ist lesenswert.
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wen´s interessiert hier mehr:
" DIE ZEIT: Herr Biermann, sind Sie eigentlich Ossi oder Wessi?
Wolf Biermann: Ich gehöre zu den seltenen Exemplaren, die in beiden Deutschländern wirklich gelebt haben, bin also kein deutscher Dichter, sondern ein deutsch-deutscher.
ZEIT: Sie glaubten am Anfang in der DDR an den Kommunismus, gerieten 1976, als die SED Sie gegen Ihren Willen ausbürgerte, in den Kapitalismus. Sie galten dann im Westen als Antikriegs-Liedermacher, lasen aber den Gegnern des Golfkriegs die Leviten. Wollen Sie vermeiden, dass man sich ausrechnen kann, wo Sie hingehören?
Biermann: Ich gehöre zu meiner Frau Pamela. Nebenbei gehöre ich zu denen, die für den Frieden sind, war aber nie ein Pazifist. Ich habe als Juden- und Kommunistenkind nur überlebt, weil Soldaten mit genügend Waffen Nazideutschland niedergekämpft haben.
ZEIT: Definiert das Zugehörigkeit: wo man herkommt?
Biermann: Kein Ei kann sich das Nest aussuchen, worin es ausgebrütet wird. Das gilt für das Land, die Zeit, in die man hineingeboren wird, und auch für die sozialen und politischen Gruppen, in denen man geprägt oder zer-prägt wird. Wäre mein Vater nicht Jude, sondern SS-Obersturmbannführer gewesen, wäre ich ein anderer Mensch geworden. Dann hätte ich mich radikal trennen müssen.
ZEIT: Ihr Vater war Kommunist, er wurde von den Nazis ermordet.
Biermann: Mein Vater hatte das tragische Privileg, von seinen echten Feinden ermordet zu werden. Er wurde nicht vom KGB in der Sowjetunion liquidiert wie die meisten deutschen Kommunisten, die sich in die Sowjetunion retteten. Josef Stalin, übrigens, beneidete seinen falschen Herzensbruder Adolf um die totale Liebe des Heil-Hitler-Volkes.
ZEIT: Wie würden Sie es für die Ostdeutschen beantworten? Wo gehören die hin?
Biermann: Ins westeuropäische Wohlstandsparadies. Die DDR-Deutschen haben zwei Diktaturen hintereinander durchgemacht und mitgemacht. Die wenigen Rebellen, die gegen eine Diktatur kämpfen, sie stinken immer auch nach ihrem Todfeind. Aber die meisten Deutschen duften mehr nach Anpassung und Untertan. In der DDR-Diktatur hat sich, sogar beim Volksaufstand am 17. Juni 1953, nur eine fatal unorganisierte Minderheit gewehrt. Das hat Langzeitfolgen auch für das Verhalten nach der Wiedervereinigung.
ZEIT: Aber die Demokratie lebt in Westdeutschland nun schon 75 Jahre, in Ostdeutschland seit fast 34 Jahren.
Biermann: Tja, flotter geht’s trotzdem nicht. Straßen, Häuser und Fabriken kann man in wenigen Jahren wieder neu und sogar schöner bauen. Die Schäden aber, die eine Diktatur in den Seelen anrichtet, verschwinden langsamer. Hass und Hässlichkeiten werden noch in die zweite und dritte Generation vererbt. Wir Deutschen haben einen totalitären Familienstammbaum mit einer aufgepfropften Demokratie.
ZEIT: Wollen Sie den Menschen pauschal ihre Demokratiefähigkeit absprechen?
Biermann: Den Vorwurf finde ich richtig und zugleich pauschal. Nicht alle, aber zu viele gelernte Untertanen im Osten erwarten, dass sich der Staat wie in einer strengen Fürsorgeanstalt um alles kümmert.
ZEIT: Ostdeutschland hat doch auch eine starke demokratische Tradition: Es gibt wenige Beispiele, dass eine Gesellschaft eine friedliche Revolution so gut hinbekam wie die von 1989.
Biermann: Für die Freiheit kämpften in der DDR damals leider nur die auf der Straße. Der Historiker Ilko Kowalczuk sagt: „Die Mehrheit stand hinter der Gardine.“ Die wollten nicht mit dem Trabbi aus Pappe nach Ungarn fahren, sondern mit dem Mercedes nach Italien.
ZEIT: Nehmen Sie sich nicht zu viel raus, wenn Sie so ein Bild des Ossis zeichnen: ein notorischer, allenfalls in Jahrzehnten verbesserbarer Obrigkeitshöriger, der die Freiheit eigentlich gar nicht wollte?
Biermann: Ja, Sie haben recht. Den simplen Ossi gibt es eh nicht, das weiß sogar ich. Und darauf hoffe ich jetzt vor den Landtagswahlen: Viele votieren für eine bunte Demokratie. Die wählen ohne Wutbürger-Romantik gutbürgerlich CDU, SPD, Grüne und FDP. Und das freut mein altes Herz.
ZEIT: Welche Ossis sind dann diejenigen, die in Ihren Augen ein Freiheits- und Demokratieproblem haben?
Biermann: Die, die zu feige waren in der Diktatur, rebellieren jetzt ohne Risiko gegen die Demokratie. Den Bequemlichkeiten der Diktatur jammern sie nach, und die Mühen der Demokratie sind ihnen fremd. Und ihre Scham zerfrisst ihr Selbstwertgefühl. Ihr altes Leben verklären sie und wählen AfD oder die neue Firma von Sahra Wagenknecht. Wagenknecht und Höcke sind das politische Brautpaar der Stunde. Da wächst in der Ex-DDR zusammen, was zusammengehört: die Erben des Hitlerschen Nationalsozialismus und des Stalinschen Nationalkommunismus.
ZEIT: Hitler. Stalin. Sind diese Bezüge nicht zu krass?
Biermann: Ja, das sind sie. Noch sind sie es. Die blaue AfD und die falschen Roten von Wagenknecht stehen beide aufseiten von Putin in diesem blutigen Ukrainekrieg. Echte Braune und falsche Rote verachten die Regenbogenfarben der Demokratie.
ZEIT: Wagenknecht hat gesagt, die AfD-Chefin Alice Weidel vertrete keine rechtsextremen Positionen. Eine Zusammenarbeit mit Thüringens AfD-Chef Björn Höcke hingegen hat sie explizit abgelehnt. Er sei ein Rechtsradikaler: „Damit haben wir nichts zu tun.“
Biermann: Auch falsche Liebe macht blind.
ZEIT: Dürfen wir noch einmal Sahra Wagenknecht zitieren? Sie hat gesagt, die Ostdeutschen würden oft als Hinterwäldler dargestellt. Genau das fördere die „Protestidentität“.
Biermann: Ja klar, die ist entzückt darüber, wenn die Ossis ungerecht behandelt und beleidigt werden.
ZEIT: Zum Beispiel wie von Ihnen vorhin in diesem Gespräch. Ist so eine Kritik nicht tatsächlich kontraproduktiv?
Biermann: Hoffentlich haben Sie Unrecht. Es wimmelt in der Weltgeschichte von Allesmitmachern, die zugleich auch Opfer sind. Die Ostdeutschen mussten allein nach dem Zweiten Weltkrieg die großdeutsche Rechnung bezahlen, indem sie sofort in eine zweite Diktatur hineingezwungen wurden. Auch deshalb bin ich emotional auf ihrer Seite. Die Ossis sind eben meine Leute – egal ob ich sie zum Küssen oder zum Kotzen finde.
ZEIT: Wenn man sich die Entwicklung der Umfragen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ansieht, könnte am Ende Sahra Wagenknecht die Demokratie vor Höcke retten. Irren Sie sich nicht im Feind?
Biermann: Sahra Wagenknecht ist der anachronistische Kopf einer Personenkult-Partei. Das ist die typische Bauweise totalitärer Parteiapparate."