Es gab im ‚alten‘ Forum ja bereits mal eine Debatte zwischen Juni '20 und Juni '21 und auch in diesem Forum hatten wir das Thema schon.
Nachzulesen hier:
Haltung zur Gentechnik: Grüne fordern Umdenken - Archiv / Partei - discourse.netzbegruenung.de
Auslöser war damals ein Papier einiger Grüner, die in dieser Frage ein ‚Umdenken‘ forderten:
Gentechnik: Grüne fordern Umdenken - Wissen - SZ.de (sueddeutsche.de)
Ich hatte dann im April '22 versucht, das Thema nochmal zu reaktivieren - was dann aber nicht funktionierte.
EtCeterumCenseo4 (netzbegruenung.de)
Es gibt außerdem das ‚Grüne Netzwerk evidenzbasierte Politik‘, bei dem dieses Thema gut angesiedelt wäre. Auf deren Seiten ist allerdings wenig los…ich hatte mich da auf die MailingListe setzen lassen … Resonanz

Grünes Netzwerk Evidenzbasierte Politik – Wissenschaft und Politik im Dialog (evidenzbasierte-politik.de)
Meine Position zum Thema hatte ich in diesem Forum schon letztes Jahr umrissen:
Gentechnik Ja - Aber - Parteiinternes - Archiv / Biologie und Ernährung - PI - Forum für Grüne Politik (bundesforum-gruene.discourse.group)
Insofern habe ich mich ja ziemlich ‚geoutet‘ - möchte aber nochmal ein Blick auf die Partei-offizielle Haltung lenken, wie ich sie im Koalitionsvertrag finde:
Hier ein paar ‚buzz words‘ aus dem Koa-Vertrag:
Das Wort wissenschaftlich/Wissenschaft/ler taucht im KoaV über 60 mal auf,
Forschung mehr als 90 mal…
Forschungsfreiheit dabei nur 1mal
Im Abschnitt ‚Landbau (s. 45f):
Viele freundliche Allgemeinplätze…. Spannender ist eher, was nicht gesagt wird.
„Wir wollen 30 Prozent Ökolandbau bis zum Jahr 2030 erreichen“
Na dann viel Glück….ohne moderne Züchtungsforschung für Nutzpflanzen?
„Die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln muss transparent und rechtssicher nach wissenschaftlichen Kriterien erfolgen“
Das unterstellt, das dem bisher nicht so war….
Ach ja: „Wir nehmen Glyphosat bis Ende 2023 vom Markt.“
Mir welcher wissenschaftlichen – nicht ideologischen – Begründung ?
Entgegen aller Desinformation, verzerrter Darstellungen und wissenschaftswidriger medialer Darstellungen ist Glyphosat eines der am wenigsten toxischen Herbizide auf dem Markt.
Alle relevanten nationalen und internationalen Zulassungs- und Aufsichtsbehörden haben kein Problem mit der Substanz, solange sie sachgerecht verwendet wird.
Wenn man dem folgen würde, gäbe es keinen Grund für ein Glyphosat-Verbot. Diese Substanz erfordert vor allem richtige Einsatz-/Anwendungsregeln.
Der Abschnitt
„Wir stärken Alternativen zu chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln (Biologicals, low risks, Pflanzenstärkungsmittel, physikalisch, biologisch, Anbaumethoden, Robotik, Drohnen, Digitalisierung, Prognosemodelle etc.) und verbessern die zugehörigen Verfahren“ trieft nur so vor „Chemophobie“.
Hat jemand mal bedacht, dass ein Total-Verbot von Glyphosat das das Ende von zahlreichen Lebensmittelimporten aus aller Welt wäre?
Gentechnisch gezüchtete Soja oder Baumwolle enthalten daher immer Spuren von Glyphosat (die Analytik ist heute so empfindlich, dass sie auch weniger als das berühmte Stück Würfelzucker im Bodensee finden kann. Würde Glyphosat in der EU verboten, dürfte auch keine Gentechnik-Baumwolle und kein Viehfutter aus Gentechnik-Sojabohnen mehr importiert werden. Von anderen pflanzlichen Produkten für den direkten menschlichen Verzehr ganz zu schweigen.
Wie würde sich das dann wohl auf die hiesigen Lebensmittelpreise auswirken?
Dass wir unseren Eigenbedarf jemals mit Bio-Landbau decken können, ist ja eher ein ‚feuchter Traum‘ von ‚Landlust‘-Lesern.
Zusammen mit den Energiepreis-Explosionen im Rahmen der „Energiewende“ wäre eine ähnliche Entwicklung im Rahmen der „Agrarwende“ ein weitere ‚glimmende Lunte‘ für eine anti-ökologische Konterrevolution. Gelbwesten lassen grüßen.
Wir ach so aufgeklärten Grünen mit Durchschnittseinkommen deutlich über der Grundsicherung neigen zur sozialen Blindheit – oder mindesten Einäugigkeit was die materiellen Folgen für Millionen Geringverdiener sein werden.
„Die Züchtung von klimarobusten Pflanzensorten wollen wir unterstützen. Dazu verbessern wir die Rahmenbedingungen auch für Populationssorten, fördern Modellprojekte wie Crowd-Breeding, Digitalisierung, stellen Transparenz über Züchtungsmethoden her und stärken die Risiko- und Nachweisforschung.“
(auch hier: da steht doch zwischen den Zeilen schon wieder der Verhinderungsgedanke weit vor allem anderen).
Der einzige Satz, der etwas Hoffnung aufkeimen lässt (s. 20):
„Wir wollen in allen Anwendungsgebieten biotechnologischer Verfahren forschen und die Ergebnisse nutzen.“ steht nur im sehr allgemeinen Teil zu Zukunftsstrategien.
Das sind hohle Versprechungen, solange man in Deutschland (und Europa) die vielversprechendsten Forschungskonzepte in diesem Bereich (Stichwort: Gen-Editierung) durch die überholte restriktive GMO-Gesetzgebung abwürgt.
Zu dem Thema herrscht im Koalitionsvertrag nur ‚brüllendes Schweigen’
Solange die EU-Regularien zur Anwendung von Gentechnik nicht geändert werden, wird in bei uns (D & EU) der ganze Bereich der Pflanzenschutz- und Züchtungsforschung endgültig ‚den Bach runtergehen‘.
Angesichts der weltweit fast einhellig positiven wissenschaftlichen Bewertung der neuen Möglichkeiten ist das Fehlen eines klaren Bekenntnisses zu freier Forschung und Anwendung dieser Verfahren im Koalitionsvertrag ein schwerer Fehler. Wenn die GMO-Gesetzgebung bleibt wie sie ist, kann man allen Pflanzenforschern und Saatzuchtfirmen doch ehrlicherweise sagen: geht wo anders hin, in D seit ihr nicht erwünscht.
Und solange in Deutschland keinerlei Freiland-Pflanzenforschung möglich ist, ist der Spruch ‚follow the science‘ aus Grünem Mund blanker Hohn.
In ein paar Jahren dürfen wir dann unser bitter nötiges Klima-resistente Saatgut in China oder den USA kaufen…
Im Abschnitt ‚Chemikalienpolitik‘ (S.41/42) steht bzgl. Der EU-Chemikalienstrategie:
„In diesem Sinne wollen wir REACH (EU-Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe) weiterentwickeln; wobei Stoffe und Stoffgruppen auf ihre Risiken hin bewertet werden. Nach einer Risikobewertung im Kontext der Anwendung kann eine Zulassung erfolgen.“
Wenn man einen solchen ‚risk-based-Ansatz‘ auch auf Agrarprodukte aus gentechnisch-modifizierten Pflanzen übertragen würde, wären wir sehr viel besser dran, als mit dem unsäglichen ‚Vorsorgeprinzip‘, das ja auf einem Konzept von theoretischen/abstrakten Gefahren (‚hazard‘ und ‚eben nicht ‚risk‘) basiert und ggf. in die Falle führt, die Nicht-Existenz eine Gefahr beweisen zu müssen (was logisch nicht möglich ist)
Noch eine ketzerische Frage:
Was soll man von einer staatlich finanzierten „Fachstelle Gentechnik und Umwelt“ (FGU) halten, die praktisch ausschließlich von bekennenden Gegnern jeglicher Gentechnik kontrolliert wird?
Diese ‚Fachstelle‘ wird vom Bundesamt für Naturschutz aus Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt finanziert. Im Wesentlichen wird die FGU getragen von dem Verein eines Herrn Then (seines Zeichens Tierarzt), der sich ‚Testbiotech‘ nennt. Dazu kommen im Beirat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Bund für Umwelt und Naturschutz Bayern (BN), die Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut), das Gen-ethische Netzwerk (GeN) und die Zukunftsstiftung Landwirtschaft / Save our Seeds (SOS).
Alle diese Gruppierungen – von denen keinerlei originäre Forschungen zu Pflanzenschutz und -zucht bekannt ist - stehen seit Jahren für Totalverbote von Gentechnik im Agrarbereich.
Im Beirat findet sich keine Spur von genuinen Pflanzenforschern oder Saatgutherstellern mit eigener Expertise. Von dieser als ‚Fachgruppe‘ getarnten und steuerfinanzierten Anti-Gentechnik-Lobby kann man keinerlei neutrale, objektive Bewertung für Regierung und Öffentlichkeit erwarten.
Das Ganze ist auch ein dreister politischer Affront gegen über der geballten Kompetenz der Nationalen Wissenschaftsakademien (Leopoldina, Akatech) oder führenden Forschungseinrichtungen (z.B. Max-Planck-Gesellschaft), von der internationalen Wissenschafts-Community ganz zu schweigen.
Und wir regen uns auf über das jahrelange Lobby-Gekungel zu Feinstaub und Dieselabgasen zwischen Automobilindustrie und Regierung?
Dieser Anti-Gentechnik-Filz ist kein Deut besser, bloß weil es im Weltbild mancher Grüner eben für ‚Das Gute‘ steht…