Israel und Deutschlands Staatsräson

Staatsräson - was bedeutet das?

Der Begriff der Staatsräson bedeutet das Streben nach Sicherheit und Selbstbehauptung eines Staates mit beliebigen Mitteln.

In diesem Sinn ist die Staatsräson ein vernunftgeleitetes Interessenskalkül einer Regierung, unabhängig von der Regierungsform, und einzig der Aufrechterhaltung des funktionierenden Staatsgebildes verpflichtet. Eine neuere Interpretation ist die Staatsräson als die Forderung, dass der Staat sich gegen Verbrechen erfolgreich durchsetzen muss, um u. a. Erpressung und Nachahmung zu verhindern.[1]

Israels Sicherheit als deutsche Staatsräson

Bei einem Staatsbesuch in Israel sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. März 2008 in ihrer Rede vor der Knesset: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“[20][21] Sie bekräftigte dies am 10. Oktober 2021 bei ihrem Abschiedsbesuch in Israel: „… die Sicherheit Israels ist Teil unserer Staatsräson und demnach müssen wir auch handeln, selbst wenn wir unterschiedlicher Meinung in verschiedenen Einzelfragen sind.“[22]

Bereits für den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer lag das Existenzrecht Israels als eine Folge der deutschen Verantwortung für den Holocaust und Ausdruck der Wiedergutmachung[23] im nationalen Interesse.[24][25][26] Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Israel umfasst deshalb[27][28][29]

Angesichts der fortschreitenden Europäisierung der deutschen Nahostpolitik handelt es sich zunehmend nicht um rein nationale Initiativen, sondern um deutsche Initiativen innerhalb eines europäischen Rahmens.[36][37]

Bundeskanzler Olaf Scholz griff nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 die Aussage seiner Vorgängerin auf, indem er – ohne Merkels Einschränkung auf einen „Teil“ – sagte: „Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson.“[38][39]

Wie weit geht diese Staatsräson, wenn die israelische Regierung ihr eigenes Land selbst gefährdet und vielleicht sogar Deutschland in Mitleidenschaft gezogen wird?

„Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson“, mit allen Konsequenzen?

Auch das Hineinziehen in einen ungewollten Krieg?

Hätte da Deutschland nicht eine eigene Staatsräson gegenüber dem eigenen Land?

Die Sicherheit Israels sei „Staatsräson“, betonen Politiker in Deutschland seit dem brutalen Überraschungsangriff der Hamas auf Israel, doch der Erklärungsdruck scheint zu steigen, wie diese Staatsräson konkret aussehen soll.

Nach der systematischen Ermordung von sechs Millionen Juden im Holocaust sieht der deutsche Staat eine „besondere Verantwortung“ und ist elementarer Bestandteil des Selbstverständnisses deutscher Politik.

Konkret bedeutet dies eigentlich, dass Deutschland, wie andere Verbündete auch, Israels Recht auf Selbstverteidigung und die daraus folgenden Maßnahmen im Gazastreifen unterstützt.

„Staatsräson“ gibt staatlichen Interessen Vorrang vor anderen Werten, aber der Schutz des Staates Israel könnte sich als ein Wert herausstellen, der andere deutsche Interessen entgegenwirken könnte.

Staatsräson bedeute eigentlich, das Überleben des eigenen Staates stehe über allem oder werde über alles gestellt. „Und das Interessante hier ist, dass stellvertretend das Überleben eines anderen Staates zur eigenen Staatsräson gemacht wird.“ Auer betont, dass es sich dabei um einen politischen, keinen rechtlichen Begriff handle.

https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/deutsche-staatsraeson-was-bedeutet-das-eigentlich,TtnrdpA

Kurzinformation des Deutschen Bundestages
Titel: Zum Begriff der Staatsräson im deutschen Recht:

Der Begriff der Staatsräson findet weder im Grundgesetz noch in einfach-gesetzlichen Vorschrif-
ten des deutschen Rechts Verwendung. Er ist daher nicht als rechtlicher Terminus aufzufassen.
In der deutschen Staatspraxis wird er heute vielmehr als politisches Leitprinzip verstanden.

WD-3-134-23-pdf.pdf (86,0 KB)

Ich möchte noch betonen, dass ich nicht das Existenzrecht Israels anzweifle, das israelische Volk jegliche Sicherheit verdient hat und Israel natürlich ein Recht auf Selbstverteidigung hat.

Es wird immer von einer gewissen Staatsräson gesprochen, aber ist man sich auch bewusst, was dies eigentlich bedeutet?

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Die ganze Staatsräsondebatte ist fehlgeleitet und geschichtsfremd.
Deutschlands Lehre aus seiner Geschichte und seine Pflicht muss das unverhandelbare Eintreten für Demokratie und Selbstbestimmung, für Völker- und Menschenrechte und gegen ethnische, religiöse und andere Arten der Diskriminierung sein.
(Das oft zitierte „Nie wieder“ oder „Wehret den Anfängen“ hebt genau auf diese Problematik ab)
Es darf hier keine Ausnahmen geben - auch nicht für Israel .
Freilich, eine andersartige, sehr unmittelbare direkte Verantwortung hat Deutschland gegenüber den Menschen (nicht nur Juden), die selbst - als Erwachsene oder Kinder unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Auch ist Besitz, der den Familien während der Nazidiktatur geraubt wurde, natürlich auch weiterhin - auch den Nachfahren - zurückgegeben.
Aber die zuvor genannte direkte Verantwortung ist keine Erbschuld und kann nicht als Freibrief dienen. Die direkte Verantwortung besteht sicher nicht mehr gegenüber der zweiten 2.Nachfahrengeneration. Hier gilt, dass man auch diesen
Nachfahren in den Arm fallen muss wenn die obigen Prinzipien verletzten.
Das alles heißt übrigens nicht, dass man hinsichtlich der im deutschen Namen begangen monströsen Verbrechen keine Scham empfinden sollte. Scham sollte man aber auch empfinden, wenn man an den Umgang Deutschlands mit der Nazidiktatur in den Jahrezehnten nach dem Ende des 2 Weltkriegs denkt. Es war die Zeit der selbsternannten Widerstandskämpfer und inneren Emigranten, besonders in der Politik, die Zeit, der Verdrängung und des Verschweigens, die Zeit, in der die Täter von einst wieder auf Lehrstühlen saßen, furchtbare Nazirichter wieder Urteile sprachen und Gesetzeskommentare verfassten, Todesmediziner Kliniken leiteten. Man sollte Scham darüber empfinden, dass Deutschland nicht in der Lage war und sich de facto dagegen wehrte, sich vom braunen Schmutz zu befreiten und die Täter - alle Täter - zur Verantwortung zu ziehen.

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m.E. geht das so weit, wie die jeweilige Regierung es für richtig findet.
Nur weil Merkel das mal postuliert hat, hat das mit der Staatsräson keinen Verfassungsrang oder ist aus anderen Gründen nicht zu ändern.
Sie hat das so gesehen und formuliertn(ohne dass klar ist, was es genau bedeutet).
Genau so gut kann der jetzige oder nächste Kanzler das einschränken oder zurücknehmen oder anders interpretieren.

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Es hat im Laufe der Geschichte sehr verschiedene Bedeutungen dieses Begriffs gegeben, wie in Deinem Link nachzulesen ist. Wir sollten die auseinander halten.

Merkel selbst hat erklärt, was sie damit meint:

Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.

Nicht mehr und nicht weniger. Konkrete Handlungen lassen sich daraus nach meinem Verständnis nicht ableiten.

Aber was genau ist dieses Eintreten? Wie können wir z.B. bei der Hamas dafür eintreten, dass sie keine Menschenrechte verletzt?

Hamas ist eine Terrororganisation. Terror und die Einhaltung der von mir genannten Prinzipien sind per se miteinander nicht vereinbar. Ich glaube, dass niemand etwas gegenteiligen behauptet.
Die Tatsache, dass man mit einer Terrororganisation zu tun hat, heißt aber nicht, dass sich in der Bekämpfung des Terror der genannten Prinzipien entledigen kann.
Das gilt hinab bis zum individuellen Täter.
Wer einen Mörder erscheißt, um Rache zu nehmen, ist selbst ein Mörder.
Wer einen Terroristen foltert, wird selbst zu Täter - selbst zum Terrorist

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[Wenn es nicht so ernst wäre, hätte ich hier ein Smiley gesetzt.]

Und wer einen Mörder erschießt, um ihn am weiteren Morden zu hindern, was ist der?

Ich möchte mal daran erinnern, dass die Todesstrafe abgeschafft wurde und Selbstjustiz unter Strafe auch verboten ist.

Das hat immer mit einer Verhältnismäßigkeit und dem bestehenden Umstand der Situation zu tun und Du verwechselst dies mit „Notwehr“.

Um zu verhindern, dass ein*e Mörder*in weitere Morde begeht, muss man ihn/sie nicht gleich erschießen. (Selbstjustiz).

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Es geht hier nicht um die deutsche Justiz.

Wieso verwechsele ich das? Ich meine doch genau die Notwehr.

Manchmal schon. Wie sonst willst die einen Hamas-Terroristen in Gaza daran hindern? Zwei Polizisten schicken, die ihn verhaften und ihm seine Rechte vorlesen?

Und Selbstjustiz ist ein bißchen was anderes. Das verwechselst Du.

Du kannst den zum großen Glück herrschenden, weitgehenden Rechtsfrieden in einem Staat wie der BRD nicht mit der Situation im Nahen Osten und speziell in Gaza vergleichen. Leider.

Naja, es gibt - bei uns - den finalen Rettungsschuss bei akuter Lebensgefahr…
Der ist aber für die Geschehnisse in Gaza uninteressant…
Die Frage, die sich in Gaza jeden Tag dringlicher stellt ist die der Verhältnismäßigkeit …
Ich persönlich finde den Preis zu hoch, der da für die Sicherheit Israels gezahlt wird - aber es dürfte schwierig sein, dies den Angehörigen der Geiseln/Ermordeter so zu erzählen - und auch für die meisten von uns könnte das in vergleichbarer Situation ähnlich sein - einfach deswegen, weil Rechtstaatlichkeit und Täterrechte schnell für die Opfer unwichtig werden…

Nichts desto trotz sollten Staaten (und Israel sollte dazu gehören!), denen diese Werte wichtig sind, das auch entsprechend umsetzen - hier sind wir wieder bei den pseudoreligiösen Fundamentalisten, denen diese Dinge unwichtig sind…

@Kalo ich habe meine Position bezüglich der Ursachen der Nahostkonflikts und der Vorgegenweise der Natanjahu-Regierung im Gaza-Konflikt hier ausführlich dargelegt - letzteres bereits kurze Zeit nach Beginn der Gaza-Offensive des israelischen Militär.

Ich habe meine Meinung inzwischen nicht geändert.

Die Tatsache, dass es sich bei Hamas, Islamischer Dschihad, Hisbollah etc. um Terrororganisationen handelt und das Massaker von 7. Oktober ein verabscheuungswürdiges Verbrechen handelt, habe ich ebenfalls mehrfach unterstrichen

Nur zu erwähnen wäre vielleicht noch, das Benjamin Netanjahu erst kürzlich die wieder von dem früh geäußerten Plan einer Annektion des Gaza-Streifen sprach - ein Plan, der womöglich auch die Absicht der sukzessiven Umsiedlung/Vertreibung der ansässigen Bevölkerung beinhaltet, da die hohe Reproduktionsrate der muslimischen Bevölkerung des Gazastreifens als Bedrohung für die religiöse Homogenität, dem Leitprinzip des israelischen Staats, erachtet wird.
Von Umsiedlung u. Vertreibung hatten israelische Regierungsmitglieder bereits kurz nach den 7. Oktober gesprochen.

Übrigens, aus diesem Blickwinkel betrachtet macht ja auch die Unbewohnbarmachung des Gazastreifens und das pauschale Aushungern der Bevölkerung „als Mittel der Geiselbefreiung“ (auch dies ein frühzeitig in israelischen Regierungskreisen kursierender Vorschlag) durchaus Sinn.

Das ist ein interessanter Aspekt, der hier in Deutschland ja auch z.B. von Pegida diskutiert wird („Islamisierung des Abendlandes“). Wie würdest du damit umgehen?

Gaza stand lange unter israelischer Verwaltung ohne dass Palästinenser vertrieben wurden. Dass es in Israel Fundamentalisten gibt, die davon Träumen, ist leider wahr, aber die sind nicht der Mehrheit und Israel ist (immer noch) eine Demokratie.

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Sie sind aber offensichtlich gerade dabei, sich gegen die Mehrheit durchzusetzen.

Bis zur nächsten Wahl in Israel werden sie mit milärischen Mitteln Tatsachen geschaffen haben, die nicht so einfach wieder rückgängig gemcht werden können. Insbesondere der Hass der Palästinenser auf Israel wird zugenommen haben, so dass ein friedliches Zusammenleben erst mal wieder einige Generationen brauchen wird.

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Was irgendwelche radikalen Hansel in- und außerhalb der israelischen Regierung meinen ist erst mal nicht unbedingt das was eine israelische Regierung macht bzw. machen kann.
Übrigens ganz im Gegenteil zur palästinensischen Seite.

Dann ist es im Moment eine Kriegsregierung auf Abruf, in der auch die Opposition sitzt. Ob die da so ohne weiteres mitzieht ist zweifelhaft.
Nach dem Krieg wird neu gewählt. Dann sind die Karten ggf. neu gemischt.

ich bin da skeptisch

Interessant ist für mich die Parallelität - die Angst vor dem Fremden, vor Überfremdung.
Es handelt sich aber nur um eine Parallelität, da es bei der seinerzeit von Pegida getragenen und jetzt aktuelle von AfD und auch CDU/CSU forcierten Debatte wohl eher um die Angst vor Statusverlust gepaart mit einem Gefühl der Machtlosigkeit und Desorientierung geht, das sich besonders in prekären und bildungsfernen Milieus breitmacht.
In Israel spielt dies alles keine Rolle. Hier geht es um die Furcht vor dem Verlust der kulturellen Identität als Jude in einem dezidiert jüdischen Staat.

Frau Merkel hat nicht nur einmal irgendwelche Sprüche rausgehauen und sich dann weggeduckt.

Seitdem wird der Begriff „Staatsräson“ immer mal wieder von politischen Akteuren nachgeplappert, die sich darüber offensichtlich keine Gedanken machen, was das konkret bedeuten könnte.

Ich gehe davon aus, das keine Regierung der Bundesrepublik irgend einen Maßnahmenplan vorbereitet hat, der greifen würde, wenn die Existenz Israels oder seiner Einwohner ernsthaft gefährdet würde.

Stattdessen hat man die letzten fünfundvierzig Jahre mit der Theokratie in Iran beste Beziehungen gepflegt, deren Staatsräson übrigens die Vernichtung Israels ist.

Es geht sogar um die Furcht vor dem Verlust des ganzen Staates und damit des einzigen Platzes, der von Juden in aller Welt als „safe space“ angesehen wird.

Als Konsequenz, nicht nur deutscher Politik, werden wir erleben, dass der Iran den gleichen Weg geht, den auch Nordkorea gegangen ist. Die Entwicklung ist nicht mehr jetzt nicht mehr aufzuhalten.
Gleichzeitig wäre es wohl an der Zeit, die gesamte westliche Nahostpolitik einmal selbstkritisch zu betrachten. Die Situation, in der sich die Region jetzt befindet, ist ja nicht aus dem Nichts entstanden. Es gibt eine sehr lange Vorgeschichte, die bis in Zeitalter des Hochimperialismus zurückreicht.
Vielleicht sollte man sogar sagen, dass das, was wir jetzt erleben, gar nicht so neu ist. Aber ist es wirklich nur eine weitere Iteration in dem bekannten Poker um Macht und Einfluss, in dem die Gesamtregion immer nur ein Spielball äußerer Nächte war? Vielleicht nicht ganz. Vielleicht beobachten wir in Gestalt des Iran auch den versucht der Emanzipation der einstigen Objekte von der Subjekten, die für die einstigen Subjekte zur Bedrohung wird.
Der Staat Israel und dessen Gebaren wird da als Synonym für alte Dominanz wahrgenommen - wird dadurch zum Feind.

Das Terror-Regime im Iran mit Emanzipation in Zusammenhang zu bringen, ist ein Schlag ins Gesicht aller Iraner, die unter Lebensgefahr gegen dieses Regime und für ihre Emanzipation kämpfen.

Wenn man immer nur alles aus der Brille des alten europäischen Imperialismus und Kolonialismus sieht, wie es ein bestimmten Kreisen üblich ist, verliert man schnell den Blick auf die etwas komplexere Realität.

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