Mehr Propaganda wagen

Dieser Tage war ein bedrückendes Schauspiel zu erleben. Während die Spitzen der kommenden Koalitionäre über nebensächliche Details erbittert stritten, zog die AfD, zumindest in einigen Umfrage, zum ersten Mal an der Union vorbei. Wie kann das sein? Wo führt das hin?.

Die Demokraten wiederholen ihre mantra-hafte Beschwörungsformel, eine gute Politik mit den richtigen Inhalten werde es schon richte. In meinen Augen ein fataler Irrtum. Wenn es nach Inhalten ginge, müsste die AfD bei 1% Zustimmung liegen, maximal. Dürfte Trump nie mit dem Popular Vote gewählt worden sein.

Nein, es geht nicht um Inhalte, es geht darum, wie man sie verkauft, es geht einzig und alleine um die Außendarstellung: Perception is Reality. Und hier haben die Demokraten ein intrinsisches Problem. Zu ihrem Wesen gehören Streit und Transparenz, Politik ist wie Fleichwurst, man möchte nicht sehen, wie sie hergestellt wird. Aber genau die Offenheit der Herstellung von Politik gehört zur Demokratie. Brauchen wir vielleicht an dieser Stelle etwas weniger Demokratie?

Statt darauf zu achten, dass aus den Verhandlungen nichts nach draußen dringt, was natürlich nur unzulänglich funktioniert hat, hätten sich die Koalitionäre in spe nicht viel mehr darum kümmern müssen, verhandlungsbegleitend zu kommunizieren, wie einig man sich in den großen Linien sei? Und wie sehr man Damit Deutschland wieder groß, sicher und schön mache?

Und hier käme ein zweites Prinzip ins Spiel: Emotio schlägt Ratio. Fast niemand trifft seine Wahlentscheidung anhand der Positionen der Parteien zu Mütterrente, Agrardiesel, Pendlerpauschale und ein paar Prozentpunkte Spitzensteuersatz. Es geht um Ängste vor Überfremdung, Kontrollverlust, Wohlstandsverlust, Identitätsverlust, Sicherheitsverlust. Das sind die Themen der AfD: vorwiegend Verlustängste, also in die Zukunft gerichtete Ängste. Denen kann man nicht mit Verweis auf die jetzige Realiät begegnen, denen kann man nur begegnen mit eindeutigen, klaren Botschaften: Wir kümmern uns darum.

Dabei reicht es eben nicht, das auf Wahlplakate zu schreiben, die tägliche Außendarstellung der Politik müsste diese Botschaften ausstrahlen. Das geht nur, wenn die Politik dem Kommunikationsdesign, der gezielten, fortdauernden Ausstrahlung von Botschaften, Vorrang vor allem anderen gibt.

Man nennt das Propaganda und Demagogie. Die Autokraten und Diktatoren haben das schon vor 100 Jahren verstanden. Auch daran ist Weimar zerbrochen. Goebbels und Hitler waren begnadete Demagogen, auch Trump ist so einer. So gewinnt man Wahlen.

Es scheint mir, dass gerade der Einsatz neuer (Kommunikations-)Technologie dabei enorm hilft. Damals der Rundfunk, heute die Social Media. Damals ließ sich Hitler im Mercedes-Kabrio zu seinen Wahlkampfauftritten kutschieren, heute kreist Trump mit seiner Boeing über den Massen. Das beeindruckt.

Fazit:

Die Ampel kann in diesen unsicheren Zeiten nur dann emotionale Sicherheit vermitteln und wird die AfD nur dann wieder zurückdrängen, wenn sie gezieltes, konsistentes und konsequentes Design ihrer Außendarstellung betreibt. Es hilft dabei nicht, wenn das nur aus den Parteizentralen kommt, das wären zwangsweise inkonsistente Botschaften und würde wieder nur als Streit wahrgenommen. Es müsste aus dem Innersten der Regierung kommen und alle Regierungsparteien müssten unisono darin einstimmen. Geht solche Propaganda in einer Parteien-Demokratie?

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wahrscheinlich nicht. der vorwurf der AfD wäre dann , dass sich die kartellparteien gegen sie verschworen haben.
streit = versagen.
einigkeit = kartell.
es gibt immer einen grund, die „altparteien“ schlecht zu machen.
solange es genug dumme wähler gibt, ist die AfD nicht zu stoppen, befürchte ich.
aber trotzdem sollte die regierung es versuchen, gerne auch mit der von dir vorgeschlagenen propaganda

Es gibt ein ganz normales legales Verfahren, wie man sich gegen Parteien, die unsere Demokratie zerstören wollen, wehr: Die Partei verbieten.

„Propaganda wagen“ funktioniert meiner Ansicht nach nicht, denn die Antwort der AfD ist einfach: „Seht her, die Lügen euch alle an!“

Bin ich bei Dir.

Das sagen sie sowieso.

Zunächst ist das mit der Propaganda eine reine Wirkungsüberlegung und keine Wahrheitsüberlegung - die Propaganda hat zum Zweck, eine beliebige These leicht adaptierbar zu machen - selbst dann, wenn es sich um Face News handelt.

Wie ist das nun mit einer Propaganda, die man mit - in diesem Falle grünen - Wahrheiten versucht zu verheiraten?

Theoretisch ist das wahrscheinlich kein Problem - en detail stößt das wahrscheinlich schnell an enge Grenzen - denn wenn man sich konzeptionell an dieser Stelle ansieht, was die Ziele grüner Politik sind, so gibt es doch eine ganze Reihe von Dingen, die auf Langfristigkeit, Nachhaltigkeit im naturwissenschaftlich fundierten Sinne basieren. Die ist aber - ebenfalls naturwissenschaftlichen Prognosen - mit Einschnitten verbunden, die viele definitiv nicht haben wollen- Propaganda hieße in diesem Fall dann aber, den Leute eine Mogelpackung mit einer begleitenden Rhetorik zu „verkaufen“, die sie nicht eigentlich nicht haben wollen. Da gehören dann so Stilmittel dazu, in dem man die Vorzüge überhöht positiv darstellt, und die negativen „Begleiterscheinungen“ runterspielt oder gar nicht erwähnt (was im Prinzip ein Lügen mit der halben Wahrheit bedeutet).
Selbst wenn es gelänge auf diese Weise die Menschen erst einmal dazu zu bewegen, Grün zu wählen - entweder, wir könnten das nicht in der gewollten Konsequenz durchziehen - oder die Menschen würden dann, wenn wir es konsequent durchziehen, schnell merken, dass sie über den Tisch gezogen wurden, weil die Nachteile eben doch nicht vernachlässigbar sind - das ist dann genau das, was zur Politikverdrossenheit führt.

Daher sehe ich die mögliche Verheiratung dieser beiden Elemente Propaganda und Grüne Politik eher kritisch - es wäre für mich hilfreich, das mal an Hand von praktischen Beispielen zu erörtern.

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Das Parteien-Verbot zieht nicht mehr bei der AfD.
Propaganda meines Erachtens auch nicht.

Hier ein praktisches Beispiel, wie Umgang mit der AfD, Umweltschutz und Politik im Allgemeinen funktionieren kann. „Klima-Labor“ mit Luca Piwodda: Gartz wählt AfD - und einen jungen Windkraft-Bürgermeister - n-tv.de
Der Bürgermeister ist Gründer der Kleinstpartei Freiparlamentarische Allianz / Partei des Fortschritts, der ich auch angehöre…

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IUnd wie das ziehen würde, wenn das BVerfG mitzieht.

Funktioniert ja prima:

Dsa ist sehr schön für euch, Glückwunsch. Hilft aber offensichtlich im Bund nicht.

ich habe die Berichte gelesen, er ist ja jetzt fast schon eine Berühmtheit, Euer BM.
Respekt.
Aber wie kann man seinen Umgang mit der AfD und den Problemen auf Landes- und Bundesebene kopieren? Als BM einer kleinen Stadt funktioniert diese unideologische hands-on-Methode offenbar, aber als Bundesminister …?
der braucht dann den Bundestag, die Länder und die EU, wenn er was verändern will (und den Koalitionspartner!).
Der kann nicht bei Bier und Bratwurst sagen „jo, gute Idee, machen wir.“

Wie sieht das Pendant zu Piwodda (oder zur „Methode Piwodda“) auf Bundesebene aus?
Da fehlt mir die Phantasie.

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indem etablierte Parteien sich nicht vom ländlichen Raum absondern. Ich habe hier außer einem AfDler noch keinen Kreis, Landes oder Bundespolitikern hier gesehen. In Zossen zum Beispiel ist der gesamte Ortsverein der SPD zu unserer Partei gewechselt, weil sie die Abgehobenheit der Bundespolitiker nicht mehr aushalten wollten. Die Lücke zwischen Basis und Parteispitze ist immens.

Sollte das BVG mitspielen und die AfD verbieten, könnte man theoretisch die Berliner Mauer gleich wieder hoch ziehen. BRD und AfD-Land…

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Ich lebe auch im ländlichen Raum (Kreis Traunstein) und hier waren schon jede Menge Bundespolitiker. Vielleicht ist deswegen bei uns die AfD noch nicht so stark? Würde deine These stützen.

viele Bundespolitiker befürchten, geteert und gefedert zu werden im Osten

hier ein interessanter Artikel zur Motivation
Lebensgefühl auf dem Land: Das einsamste Dorf Deutschlands

zu Recht

wie würde es Frau Brantner ergehen, wenn sie bei Euch auftaucht? Oder Robert Habeck? oder Olaf Scholz?
Könnten die was erreichen ?

Ich würde nicht mal so hoch greifen. Ein Landrat oder ein Staatssekretär für Vorpommern würde schon mal reichen.
Grüne Lokal-Politiker wagen sich kaum über die Stadtgrenze von Greifswald

Nicht Propaganda sondern Aufklärung.

Sie werden gute Gründe haben.

Sehe ich genauso.
Wenn wir Grünen eine faktenbasierte (an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte) Politik machen wollen - und zumindest im Politikfeld „Klima“ ist das ja wohl parteiintern lagerübergreifend Konsens - dann können wir Lücken zwischen dem, was „objektiv“ (= nach dem heutigen Erkenntnisstand) geboten und dem, was größeren Wählergruppen (vielleicht sogar einer Mehrheit) „noch eben so zuzumuten ist“, nicht durch propagandistische Mogelpackungen überbrücken.
Wir können nur beharrlich immer wieder auf die objektiven Gegebenheiten und Notwendigkeiten hinweisen. Diese beharrliche Wiederholung ist übrigens auch ein Bestandteil und wirkungsvolles Stilmittel aller Propaganda.
Und wir müssen konsequent bleiben und dürfen uns nicht - wie leider schon zu oft - bei eigenen Widersprüchlichkeiten und Halbherzigkeiten erwischen lassen (am Besten, in dem man sich solche gar nicht erst leistet).
Und müssen - und können - dann nur darauf hoffen, dass sich unsere Positionen im Laufe der Jahre in immer breiteren Wählerschichten durchsetzt. Längerfristig betrachtet spricht der Aufstieg der Grünen (und der grünen Themen) ja auch für diese Hoffnung. Ungeachtet phasenweiser Rückschläge (wie aktuell bei der letzten BT-Wahl, aber dafür war m.E. auch der Faktor Widersprüchlichkeiten mit verantwortlich).
Und in unserem Kernthema „Klimaschutz“ wird uns die reale Entwicklung immer erneut recht geben - wartet mal nur wieder diesen Sommer ab.
Schwieriger ist das sicherlich bei anderen Themen, wo sich unsere, auf bestimmte Werte gegründeten Positionen nicht einfach auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse stützen lassen. Wie z,B. in der Ukraine-Unterstützung oder in der Flüchtlings- und Migrationspolitik.
Bei letzterer bin ich jetzt mal wieder voll „auf Linie“ mit grüner Regierungspolitik. Dass wir jetzt noch mal ein paar Flieger aus Zentralasien kommen lassen, mit afghanischen Ortskräften oder Angehörigen der Zivilgesellschaft, Frauenrechtlerinnen etc., finde ich geradezu „herzerwärmend“. Hier geht es um Menschen, die uns bei unserem Engagement in Afghanistan unterstützt haben und / oder dort für unsere Werte eingetreten sind. Und denen wir nach dem schmählichen Hals-über-Kopf-Abzug sichere Aufnahme in Deutschland zugesichert hatten.
Und wenn nennenswerte Teile der angeblich doch so christlichen Union sich von diesen Zusagen an ein paar zehntausend Menschen in Not jetzt wieder lossagen und die Betroffenen im Stich lassen wollen, dann kann ich nur sagen „pfui Teufel“.
Annalenas „feministische“ Außenpolitik habe ich immer etwas kritisch beäugt. Würde lieber von „wertegeleiteter“ Politik sprechen (das kann ja dann gerne auch feministische Werte umfassen).
Aber egal, wie Du das nennst, liebe Annalena: Von dieser Art Politik gerne noch mehr - auch auf den letzten Metern Deiner Amtsführung.
Und lass’ die Unions-Hunde ruhig kläffen - die Karawane zieht weiter.

Ich habe mir den verlinkten Bericht von n-tv mal eben „reingezogen“.
Alles Positionen, die wenn schon nicht originär „grün“, so doch mit den Vorstellungen der Grünen ohne weiteres kompatibel sind.
Warum also eine örtlich begrenzte „Kleinstpartei“ gründen, an statt bei, in und für die Grünen aktiv werden?
Aber Euer Luca scheint ja ohnehin außer der SPD keine andere Partei zu kennen. Etwas sehr schmale Auswahlmöglichkeit.

Und manches an Eurer Kleinstpartei scheint mir auch etwas suspekt.
Zum Beispiel: „Wir haben keinen Mitgliedsbeitrag.“
Da fragt man sich dann, wie finanziert sich die Partei?
Allein durch Spenden? Macht abhängig von den Spendern und deren Wohlwollen.
Zahlen alle Aufwendungen die Aktiven aus eigener Tasche? Wie lange soll das gut gehen? Oder führt zu Verhältnissen, wie in den USA. Nur Reiche können dort politisch erfolgreich sein.

Oder bedient man sich (noch) für die Parteiarbeit vor Ort ungeniert an den Ressourcen (Kopierer, E.Mail-Account, Porto-Kasse) der Gemeinde? Will ich jetzt nicht unterstellen.
Aber selbst in kleinsten Zusammenhängen (800 Mitglieder) ist Parteiarbeit auf materielle Mittel angewiesen.
Und dann ist mir doch eine nachvollziehbare Finanzierung durch ehrliche Mitgliedsbeiträge allemal lieber. Und wem die Partei noch nicht mal diese Beiträge Wert ist, dem weine ich dann auch keine Träne hinterher.

Ich habe diese Hoffnung nicht und die Zukunft unseres Landes ist zu wichtig, um sich alleine auf Hoffnung zu verlassen.

Es muss ja nicht gleich eine Mogelpackkung wie bei Merz sein. Aber immer nur die reine Lehre zu verkünden, heißt in Schönheit sterben.

Super Trost: Wir haben recht gehabt.

Ja, das finde ich auch menschlich und moralisch geboten. Das ist aber nicht das Thema.

Es geht darum, wie wir uns verkaufen. Nicht nur die Grünen, auch SPD und CDU. Kein Mensch, na gut, viel zu wenig Menschen wählen uns wegen

Das geht den Meisten am A… vorbei. Die Menschen haben Zukunftsängste, sind von unserer - in ihren Augen maßlos übertriebenen - Wokeness genervt und abgestoßen. Solange wir das nicht ändern, bleiben wir in unserer Nische bei maximal 12 Prozent. Wir sind viel zu zahm und zu brav.

Wir sollten mal in aller Ruhe analysieren, warum die AfD so erfolgreich ist und was wir von ihr lernen können.

Die Partei hat er als Schüler aus einer Polit AG heraus gegründet. Die meisten Arbeiten werden digital durchgeführt. Es gab eine Spende von German Politics, die wir für die Landtagswahl in MV ausgegeben haben. Fazit: nie wieder Plakate aufhängen. Mit Tiktok und Instagram erreichen wir mehr Leute.
Er wäre vermutlich zu den Grünen gewechselt, wenn es denn vor Ort eine Präsenz gegeben hätte… aber ländlicher Raum ist Absenz der etablierten Parteien normal

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