sehr lesenwert, für viele Gelegenheiten, von Wahlkampf über Weihnachtsfeier bis Forumsdiskussionen.
Die Vorstellung, man müsse die AfD inhaltlich stellen, ist bestensfalls die halbe Wahrheit. Wir werden es im Wahlkampf erleben, dass das nur funktioniert, wenn man an der entscheidenden Stelle auch zu einer gewissen rhetorischen Brutalität bereit und in der Lage ist. Eine Diskussion mit Höcke kann man nicht argumentativ-intellektuell gewinnen.
Auch bei einigen Diskutanten hier im Forum ist mit Argumenten nichts zu machen (wenn auch aus anderen Gründen als bei populistischen AfD-Politikern).
Die ganzen Forums-Netiquetten beruhen insoweit auf der Fiktion eines streng sachlichen Diskurses, den es in der Realität mit manchen Menschen (aus verschiedenen Gründen) nicht gibt. Aus diesem Grund (weil die Regeln auf einem Irrtum beruhen) ist die Moderation eines solchen Forums anhand solcher Regeln eigentlich eine unlösbare Aufgabe.
"Trump beherrscht die Kunst des sogenannten „Basic Talks“ wie kein Zweiter. Er spricht in kurzen Sätzen (unter zehn Wörtern), einfach (keine Relativsätze), unoriginell, langsam und laut. Und er sagt dieselben Sätze. Immer und immer und immer wieder. Inhaltliche Qualität? Sekundär.
„Das bessere Argument wird am Ende gewinnen! Das lernen Akademiker erst in der Schule, später in der Uni. In Wahrheit aber ist das ein bitterer Irrtum. Populisten aller Couleur haben das gut verstanden. Allein auf der argumentativen Ebene lassen sie sich deshalb leider nicht schlagen. Wer es trotzdem versucht, scheitert unweigerlich – hierzulande ebenso wie in den USA.“
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Geradezu lehrbuchhaft ließ sich das am Wahlkampfduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verfolgen. Für ein Buch habe ich diesen stilprägenden Wahlkampf eingehend analysiert. Wie Trump es in den drei großen TV-Konfrontationen mit Clinton geschafft hat, eine ihm intellektuell weit überlegene Gegnerin zu demontieren, war handwerklich-kommunikativ meisterhaft. Inhaltlich zwar katastrophal, aber methodisch First Class. Seither haben unzählige Populisten auf der ganzen Welt ihn und seine Kommunikationsmethoden kopiert.
Bevor wir uns den Populisten hierzulande zuwenden, deshalb ein Blick zurück ins Jahr 2016: Bei der ersten Debatte am 26. September in Long Island tritt Hillary Clinton in der Sache brillant auf. Nicht zufällig hat sie in ihrem Wahlkampfteam den Spitznamen „file cruncher“, Aktenfresserin. Sie kann alle relevanten Details abrufen, jederzeit. Trump hingegen hat zwar eine hohe Bühnenpräsenz – er verfügt bereits über eine enorme TV-Erfahrung –, erreicht aber Clintons Argumentationslevel so gut wie nie.
Trotzdem ist es am Ende der Mann mit der zu langen Krawatte, der punkten kann. Exemplarisch lässt sich das am Thema Finanzkrise demonstrieren: Clinton formuliert den Vorwurf, er habe von der Krise persönlich profitiert. Statt diese Behauptung zu widerlegen oder sich zu rechtfertigen, greift Trump zu etwas viel Einfacherem, ungleich Wirkungsvollerem. Er raunzt vier Worte ins Mikro: „Das nennt man Business.“ Bei Clinton hat das denselben Effekt wie oft bei intellektuellen Argumentationskünstlern: Es haut sie aus der Bahn. Clinton hat in Yale gelernt, wie man große Wortmengen erzeugt, aber nicht, wie man das eigene Wissen auf kurze Statements herunterbricht. Ihr Lächeln, das sie in die Kamera schickt, changiert zwischen der Irritation der Intelligenteren (Unfassbar, dass ich mich mit so einem Typen herumschlagen muss.) und der Bitte um Unterstützung (Ihr seht doch, was er alles nicht kann, findet ihr das nicht auch lächerlich?). Tatsächlich ist ihr Lächeln in dieser Lage aber auch Ausdruck von Ratlosigkeit. Wenn es gar nicht um Argumente geht – ja, worum denn dann?
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Bekanntlich war der Geschäftsmann Trump objektiv alles andere als unentwegt erfolgreich, auch wenn seine PR das immer anders darstellte. Als er gegenüber Clinton äußerte, dass die USA von jemandem geführt werden sollten, der sich auskenne mit Geld, war das für Clinton zunächst eine großartige Vorlage. Sie musste nur laut in die Kamera sagen: „Sie sind schon sechs Mal bankrottgegangen.“ Das saß. Eines der wenigen Male, wo Clinton selbst Basic Talk einfiel – sechs Worte.
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Sicher, Trumps Kommunikationsstrategie ist keine schöne Kunst. Aber wirksam ist sie allemal. Sie wird deshalb oft kopiert – vor allem von Populisten. Eine bekannte deutsche Repräsentantin des Basic Talk à la Trump ist Alice Weidel. Als die AfD-Politikerin in der Talkshow „Maischberger“ Ende 2022 verlangt, dass die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden sollen, trifft sie jedoch auf Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Weidel haut ein hübsches Basic-Talk-Statement heraus: „Deutschland wird hier vor die Kanone gebunden!“ (sieben Worte, beeindruckend), allerdings wiederholt sie es dann nicht. Die FDP-Politikerin Strack-Zimmermann kommentiert kurz darauf lakonisch: „Ich weiß nicht, wann Sie in Ihrem Leben falsch abgebogen sind.“
Zwar vier Wörter länger, aber durchaus ein Treffer. Weidel schiebt immer wieder wirksamen, aber inhaltsleeren Basic Talk nach: „Das muss man einfach sagen“ (fünf Wörter) oder „Das ist doch so“ (sogar nur vier). Aber als sie sofortige Friedensverhandlungen mit Putin verlangt, wird sie von Strack-Zimmermann mit einem Drei-Wort-Satz in die Knie gezwungen. Als Weidel etwas Ausweichendes zu Putin schwadroniert, fällt Strack-Zimmermann ihr ins Wort: „Machen Sie’s konkret.“ Viermal. Immer mit demselben Wortlaut. Chapeau, Strack-Zimmermann! Worauf Weigel dazu tatsächlich erst einmal nichts mehr einfällt und sie lieber von etwas anderem anfängt."