Rhetorik gegen Populisten

sehr lesenwert, für viele Gelegenheiten, von Wahlkampf über Weihnachtsfeier bis Forumsdiskussionen.

Die Vorstellung, man müsse die AfD inhaltlich stellen, ist bestensfalls die halbe Wahrheit. Wir werden es im Wahlkampf erleben, dass das nur funktioniert, wenn man an der entscheidenden Stelle auch zu einer gewissen rhetorischen Brutalität bereit und in der Lage ist. Eine Diskussion mit Höcke kann man nicht argumentativ-intellektuell gewinnen.

Auch bei einigen Diskutanten hier im Forum ist mit Argumenten nichts zu machen (wenn auch aus anderen Gründen als bei populistischen AfD-Politikern).
Die ganzen Forums-Netiquetten beruhen insoweit auf der Fiktion eines streng sachlichen Diskurses, den es in der Realität mit manchen Menschen (aus verschiedenen Gründen) nicht gibt. Aus diesem Grund (weil die Regeln auf einem Irrtum beruhen) ist die Moderation eines solchen Forums anhand solcher Regeln eigentlich eine unlösbare Aufgabe.

"Trump beherrscht die Kunst des sogenannten „Basic Talks“ wie kein Zweiter. Er spricht in kurzen Sätzen (unter zehn Wörtern), einfach (keine Relativsätze), unoriginell, langsam und laut. Und er sagt dieselben Sätze. Immer und immer und immer wieder. Inhaltliche Qualität? Sekundär.

„Das bessere Argument wird am Ende gewinnen! Das lernen Akademiker erst in der Schule, später in der Uni. In Wahrheit aber ist das ein bitterer Irrtum. Populisten aller Couleur haben das gut verstanden. Allein auf der argumentativen Ebene lassen sie sich deshalb leider nicht schlagen. Wer es trotzdem versucht, scheitert unweigerlich – hierzulande ebenso wie in den USA.“


Geradezu lehrbuchhaft ließ sich das am Wahlkampfduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verfolgen. Für ein Buch habe ich diesen stilprägenden Wahlkampf eingehend analysiert. Wie Trump es in den drei großen TV-Konfrontationen mit Clinton geschafft hat, eine ihm intellektuell weit überlegene Gegnerin zu demontieren, war handwerklich-kommunikativ meisterhaft. Inhaltlich zwar katastrophal, aber methodisch First Class. Seither haben unzählige Populisten auf der ganzen Welt ihn und seine Kommunikationsmethoden kopiert.

Bevor wir uns den Populisten hierzulande zuwenden, deshalb ein Blick zurück ins Jahr 2016: Bei der ersten Debatte am 26. September in Long Island tritt Hillary Clinton in der Sache brillant auf. Nicht zufällig hat sie in ihrem Wahlkampfteam den Spitznamen „file cruncher“, Aktenfresserin. Sie kann alle relevanten Details abrufen, jederzeit. Trump hingegen hat zwar eine hohe Bühnenpräsenz – er verfügt bereits über eine enorme TV-Erfahrung –, erreicht aber Clintons Argumentationslevel so gut wie nie.

Trotzdem ist es am Ende der Mann mit der zu langen Krawatte, der punkten kann. Exemplarisch lässt sich das am Thema Finanzkrise demonstrieren: Clinton formuliert den Vorwurf, er habe von der Krise persönlich profitiert. Statt diese Behauptung zu widerlegen oder sich zu rechtfertigen, greift Trump zu etwas viel Einfacherem, ungleich Wirkungsvollerem. Er raunzt vier Worte ins Mikro: „Das nennt man Business.“ Bei Clinton hat das denselben Effekt wie oft bei intellektuellen Argumentationskünstlern: Es haut sie aus der Bahn. Clinton hat in Yale gelernt, wie man große Wortmengen erzeugt, aber nicht, wie man das eigene Wissen auf kurze Statements herunterbricht. Ihr Lächeln, das sie in die Kamera schickt, changiert zwischen der Irritation der Intelligenteren (Unfassbar, dass ich mich mit so einem Typen herumschlagen muss.) und der Bitte um Unterstützung (Ihr seht doch, was er alles nicht kann, findet ihr das nicht auch lächerlich?). Tatsächlich ist ihr Lächeln in dieser Lage aber auch Ausdruck von Ratlosigkeit. Wenn es gar nicht um Argumente geht – ja, worum denn dann?

Bekanntlich war der Geschäftsmann Trump objektiv alles andere als unentwegt erfolgreich, auch wenn seine PR das immer anders darstellte. Als er gegenüber Clinton äußerte, dass die USA von jemandem geführt werden sollten, der sich auskenne mit Geld, war das für Clinton zunächst eine großartige Vorlage. Sie musste nur laut in die Kamera sagen: „Sie sind schon sechs Mal bankrottgegangen.“ Das saß. Eines der wenigen Male, wo Clinton selbst Basic Talk einfiel – sechs Worte.

Sicher, Trumps Kommunikationsstrategie ist keine schöne Kunst. Aber wirksam ist sie allemal. Sie wird deshalb oft kopiert – vor allem von Populisten. Eine bekannte deutsche Repräsentantin des Basic Talk à la Trump ist Alice Weidel. Als die AfD-Politikerin in der Talkshow „Maischberger“ Ende 2022 verlangt, dass die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden sollen, trifft sie jedoch auf Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Weidel haut ein hübsches Basic-Talk-Statement heraus: „Deutschland wird hier vor die Kanone gebunden!“ (sieben Worte, beeindruckend), allerdings wiederholt sie es dann nicht. Die FDP-Politikerin Strack-Zimmermann kommentiert kurz darauf lakonisch: „Ich weiß nicht, wann Sie in Ihrem Leben falsch abgebogen sind.“

Zwar vier Wörter länger, aber durchaus ein Treffer. Weidel schiebt immer wieder wirksamen, aber inhaltsleeren Basic Talk nach: „Das muss man einfach sagen“ (fünf Wörter) oder „Das ist doch so“ (sogar nur vier). Aber als sie sofortige Friedensverhandlungen mit Putin verlangt, wird sie von Strack-Zimmermann mit einem Drei-Wort-Satz in die Knie gezwungen. Als Weidel etwas Ausweichendes zu Putin schwadroniert, fällt Strack-Zimmermann ihr ins Wort: „Machen Sie’s konkret.“ Viermal. Immer mit demselben Wortlaut. Chapeau, Strack-Zimmermann! Worauf Weigel dazu tatsächlich erst einmal nichts mehr einfällt und sie lieber von etwas anderem anfängt."

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Deswegen ist der Populist Populist - er/sie kennt die Schwächen der Mehrheit im Sinne, wo er sie packen kann) - und nutzt diese aus - nicht etwa, um tatsächlich damit etwas für die Mehrheit zu bewirken - sondern nur, um so zu überzeugen, dass er das Votum der Mehrheit erhält …
Die Frage ist nun, was daraus folgt …
Ein mögliches Ergebnis könnte sein, dass - wenn an einem Populisten gegenüber tritt, und die Mehrheit, die nun mal (ausdrücklich leider!) auf Populismus anspricht, aus seine/ihre Seite bekommen möchte, sich ebenfalls dem Populismus verschreibt…
Hier gilt aber bereits einschränkend: es gibt keinen „guten“ oder „schlechten“ Populismus - sondern es gibt nur Populismus - Weidel also zu unterstellen, sie nutze den Hang der Mehrheit zu eingängigen, aber verkürzend falschen Thesen „böswillig“ aus, um „in Wahrheit“ dahinter Mehrheiten für etwas gaz anderes für sich zu organisieren, und Strack-Zimmermann als Gegenentwurf zu unterstellen, sie rücke die „Wahrheit“ nur wieder zurecht, ist natürlich unsinnig - beide verkürzten Populismen sind gleich falsch - sie manipulieren nur in entgegengesetze Richtungen!

Strack-Zimmermann „korrigiert“ den Fehler duch den Fehler - das ist konzeptionell höchst fragwürdig und dient keinesfalls der Wahrheitsfindung…

Natürlich muss man - insbesondere im politischen Umfeld - die Frage stellen, woran sich der „Erfolg“ bemisst - wennn man also einen Helmut Kohl mit seinen blühenden Landschaften nimmt, dann hatte er genau den Erfolg, den er später gebrauchen hätte können, um als Sieger der Wahl diese Landschaften (unterstellt, sie können überhaupt entstehen) herzustellen (gleiches galt für Lafotaine, der damal sein Gegenkonzept entwickelte, dass offenkundig nicht ganz so verfing …

Das eigentliche Porblem war, dass beide auf ihre Weise etwas suggerierten, das wahrscheinlich von Beginn an eine Fiktion war - blühende Landschaften, ob der damals schon bekannten Probleme eines völlig herunter gewirtschafteten Landes …

Das schränkt den Einsatz eines „guten“ Populismus schon dramatisch ein, den es fordert einen Populismus, der die Risiken entweder ebenfalls verschweigt (wel es si faktisch nicht gibt, was aber eher unwahrscheinlihc ist) - oder die RIsikoen - wie damals bei Lafotaine) durchaus trotzdem benennt - und deswegen schon - in Bezug auf Wahlergebnisse - zum Scheitern verurteilt ist …
WIe sinnvoll ist es also, einem Populismus ein naderes populistisches, positiv besetzes Narrativ engegenzusetzen, dass später nicht umsetzbar ist - die Spätfolgen sind verheerend, und führen zu Poitikverdrossenheit und Abkehr, da beide populistischen Narrative sgnadenlos schönreden.

Ein weiteres mögliches Ergebnis (neben dem „Erfolgskriterium“) besteht darin, deswegen auf Argumente zu verzichten, weil sie nicht wahrgenommen werden.
Es ist durchaus nachvollziehbar, eine fruchtlose Auseinandersetzung nicht weiter mit sachlicher Argumentation zu füttern, da diese in einem offenkundig bilateralen Monolog ebenfalls nicht verfangen (können) - was ist dabei dann aber gewonnen, diesen Monolog unter Streichung der Argumete auf einer nsachlichen, persönlichen Ebene fortzuführen - es bliebe beim Monolog - nur eben auf populisitischer Ebene - zumindest in einem Forum ist hierbei - bis auf zunehmender persönicher Eskalation - nichts gewonnen. - daher ist die Nettiquette und deren Durchsetzung durchaus weiternhin m.E. ein gutes Werkzeug.
Im übrigen basiert die Reduzierung eines Gegenüber als Populist auf einer populisitischen Reduzierung des Gegenüber - die formulierten Thesen sind populistisch - die Person, die dieses Mittel einsetzt, hat - wie alle andere auch - lediglich das aus ihrer Sicht positive Ziel, ihrer Meinung zum Erfolg/Akzeptanz zu verhelfen. Unter der Maßgabe: der Zweck (hier: der Populismus) heiligt die Mittel.

Wenn wir also Populisten Populismus entgegensetzen, ist also auch unsere Position: der Zweck heiligt die Mittel!
Wollen wir das wirklich? Zumal die Spätfolgen uneinlösbarer implizit geweckter Erwartungen deutlich sind (s.o)

Ich bin überzeugt, dass man Argumente auch in kurzen Sätzen raushauen kann. Wen es dann genauer interessiert, der kann ja nachfragen.

Da bin ich ganz Deiner Meinung (auch wenn ich selbst in dieser Hinsicht Totalversager bin :disappointed_relieved: - aber @lawandorder hat als positives Beispiel den Dialog zwischen Weidel und Strack-Zimmermann benannt:
W: „Deutschland wird hier vor die Kanone gebunden!“
S-Z: „Ich weiß nicht, wann Sie in Ihrem Leben falsch abgebogen sind.“

Sind das sachliche Argumente in kurzen Sätzen? Aus meiner Sicht sind es zugegeben kurze Sätze - aber mehr auch nicht …

Nein, sie sprechen mich auch nicht wirklich an.
Vermutlich bin ich von den beiden Frauen u.a. deshalb auch kein Fan.

Welches Sachargument hättest du gern in Kurzform?
Wir können dir dann ja mal ein paar Vorschläge machen…
(Vielleicht geht das auch schon mit chatGPT?)

meine Lieblingsantwort bei Schwurblern ist: „ist das so?“… dann kommen die meisten vom Höckschen aufs Klöckschen… und verlieren sich in ihrer eigenen Argumentation. Als Nachsatz gebe ich meistens noch von mir: wo steht das geschrieben? Können sie mir die wissenschaftliche Quelle dazu nennen?

Spätestens dann sind die Fremddenker aus dem Konzept…

hatte ich schon erwähnt, dass Du zu kompliziert denkst?! :slight_smile:

Das wäre meine Antwort, wenn Du in einer Diskussion vor Publikum mir gegenüber so argumentieren würdest, wie oben in Beitrag 2 (kann sein, dass ich es noch etwas schärfer formulieren würde).
Der hier zitierte Satz ist für mich unverständlich, und ich denke, er wäre das auch für das Publikum. Treffer, versenkt.

Ist das populistisch? keine Ahnung, aber es wäre mir auch völlig egal.
Du differenzierst die Thematik so lange, bis solche Sätze herauskommen, die den Eindruck erwecken, als ob Du selber den Überblick über Deine Argumentation verloren hast.
Dadurch machst Du Dich angreifbar und bist leicht auszukontern, siehe oben.
Da hilft es gar nichts, dass Du sicher viel Zeit und Hirnschmalz in Deine Ausführungen gesteckt hast. Du verlierst die Diskussion.

Und alleine darum geht es doch: Wenn ich morgen gegen Höcke im TV antreten muss, will ich „gewinnen“, in dem Sinne, dass die übergroße Mehrheit der Zuschauer am Ende sagt, „da sah der Höcke aber nicht gut aus“. Das wäre mein erstes und wichtigstes Kriterium.
Ob ich dafür flüstern oder schreien, vereinfachen oder verkomplizieren, sachlich oder polemisch werden, beleidigen oder schmeicheln muss, wäre mir sowas von egal.
Deine ganzen etwas spitzfindigen Überlegungen zum Populismus bewegen sich m.E. auf der falschen Ebene.
Du machst genau das, was der zitierte Beitrag gegenüber Populisten als ineffektiv kritisiert:
zu lang, zu kompliziert, zu abgehoben, wirkt alles ein bißchen weltfremd.

wäre meine Retourkutsche („zu kompliziert“) wirklich populistisch?

das bestreite ich. StraZi handelt soz. in Notwehr. Sie würde sachlich bleiben, wenn Weidel sachlich bliebe.

Nein, s.o. Sie wehrt sich mit dem einzig geeigneten Mittel.

Du gerätst auf Abwege.
Was hat die Erwiderung von StraZi mit Kohls Landschaften zu tun?
Sie verspricht nichts, sie muss nichts umsetzen, sie bringt nur Weidel zum Schweigen.

Nein. Der Gewinn wäre, dass Weidel Ruhe gibt und nicht als Siegerin dasteht.
Und genau darum geht es.

Notfalls ja.
Was ist die Alternative?
Ich lasse mich nicht von Höcke überfahren, nur weil ich komplizierte Bedenken wg. meiner Rhetorik hin- und herwälze.

2015 war Höcke mal am Sonntag Abend bei Jauch zu Gast.
Er hat da irgendwann eine Deutschlandfahne rausgezogen und sie auf seine Sessellehne gelegt. Jauch war völlig überfordert, er hatte keine Reaktion darauf, es war ein erbärmliches Schauspiel.
Die Fahne blieb da liegen und Höcke hat seinen Anhänern signalisiert, dass er der einzige Patriot in der Runde war, und er hat Jauch wie einen Deppen aussehen lassen.

Wie reagiert man auf sowas? Wie lässt man Höcke die Luft raus?
Das geht nicht mit langatmigen Erklärungen oder endlosen Fragen, das muss kurz und knackig und „tödlich“ sein.
Man muss dabei die üblichen Regeln der Diskussion brechen, sonst geht man unter.
Sonst geht es so:

  • Höcke sagt Unsinn, ich bemühe mich 3 Minuten, ihn zu widerlegen, er unterbricht mich, Ergebnis unklar.
  • Höcke sagt Unsinn, ich bemühe mich 3 Minuten, ihn zu widerlegen, er unterbricht mich, Ergebnis unklar.
  • Höcke sagt Unsinn, ich bemühe mich 3 Minuten, ihn zu widerlegen, er unterbricht mich, Ergebnis unklar. usw usw.

Diesen rationalen Ansatz muss man durchbrechen. Nicht über jedes Stöckchen springen, sondern den Mist ignorieren und attackieren. Wer das nicht schafft, sollte nicht mit AfD-lern reden. Anne Will hat dabei auch versagt (weiß nicht mehr, wer bei ihr war, v. Storch??).

Wir werden sehen, wie der Thüringer CDU-Chef es am 11.4. hinbekommt.
Ich bin skeptisch.

Das kann man auch (!) versuchen, aber es darf nicht das einzige Mittel sein.
Wer der AfD zuneigt, den interessieren Sachargumente nicht.
Und jede Quelle, die Du zitierst, wird eh nicht akzeptiert.

Mal ein Beispiel:
Höcke könnte sagen: „Seit 2015 versuchen die Altparteien gezielt, das deutsche Volk durch Migranten zu ersetzen und die deutsche Kultur zu zerstören“.
Bring dagegen mal ein kurzes Sachargument :slight_smile:
Sobald Du versuchst, das argumentativ zu widerlegen, bist Du in der Defensive und hast schon verloren.
Und 1 Minute später kommt der nächste Satz dieser Qualität. Eine Schleife, aus der man argumentativ nicht rauskommt.
Gegen solche Aussagen helfen m.E. nur massive Gegenangriffe, die auch gegen die Person gerichtet sind, und die da treffen, wo es wehtut.
Das ist aus der Situation heraus sehr schwer, das muss man vorbereiten.
Aber es gibt m.E. Ansatzpunkte (Stichwort „Grüner Patriotismus“).

„Es tut uns gut, einmal über den Tellerrand zu schauen.“

das ist weder zur sache (bevölkerungsaustausch) noch ein argument (was passiert wenn wir über den rand sehen?).
als ablenkungsmanöver könnte es funktionieren, würde ich aber nicht drauf wetten.

Ich möchte den Gedanken noch mal exemplarisch an einem Beispiel aufgreifen, dass mir aus vielen verganenen Diskussionen vertraut ist - das Tempolimit…

Thematisch begleitet usn das schon seit Mitte der 80er Jahre - einer der ersten populistischen Einwände, die ich in diesem Zusammenhang kennen gelernt habe, war die These, dass Tempolimit unsinng ist, weil wir, je schneller wir am Ziel sind, desto weniger Schadstoffe hinausblasen…
Auf der Sachebene ist das ganz leicht zu entkräften:
Wer doppelt so schnell fährt, braucht nur die Hälfte der Zeit - leider steigt der Verbrauch quadratisch - man verbracht also n erster Näherung 4x so viel Kraftstoff → kann nicht gut gehen (einfache Sätze, kurz und prägnant) …
Man kann dem auch ala Strack-Zimmermann begegnen, und sagen: wo sind sie denn im Physikunterricht falsch abgebogen?
Man könnte auch die Emotio ansprechen, in dem man ein „probiers mal mit Gemütlichkeit“ raushaut - langsameres Fahren ist weit weniger stressig, und ist mit geringerem Unfallrisiko verbunden …

All das ist aber nach meiner Erfahrung viel weniger attraktiv für den Wähler, weil der Populist mit „je schneller wir am Wald vorbeirasen, desto weniger schädigen wir ihn“ eben 2 Dinge anspricht, die man mit nichts topen kann

  1. die Leute wollen nun mal schnell fahren, und eben nicht gemütlich - das hat viele Gründe (schnell von A nach B, Konkurrenz (schneller als die anderen), etc.)
  2. Sie sind sowieso - unhinterfragt - die besten Autofahrer, also kann schnell fahrern nicht falsch sein, und Unfälle - als weiteres argument - bauen nur die anderen …

Wie also willst Du mit einem „Gegenpopulismus“ dagegen halten - und das mit dem „im Physikunterricht fasch abgebogen“ verfängt auch nur bei wenigen, da viele den Physikunterricht selbst als negativ konotiert identifizieren, und damit dies nicht als konstruktiven Gegenschlag gegen den Populisten empfinden…

Da die Leute im Kern schnell fahren wollen, und der Populist sie darin noch bestärkt, wird das also seit über 40 Jahren nichts mit dem Tempolimit - egal, mit welcher rhetorischer Einkleidung…
Und jetzt, wo der Strom für die E-Autos aus der Steckdose kommt, wird es noch schwieriger, ein Tempolimit zu rechtfertigen …

Glaubst Du wirklich, es sei möglich, hier etwas mit einer anderen Rhetorik auszurichten?

Auf diese Frage, die zwangsläufig von irgendwem (vielleicht nicht von Höcke selbst, aber das wäre in einer größeren Runde ja egal) kommen würde, kann man sich dann ja vorbereitet haben und dann mit einem entsprechend längeren Beitrag antworten.

Ich würde dann zum Beispiel erzählen, dass ich vor einigen Jahren bei einer Auktion zwei kleine einfache Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus in einer kleinen internationalen Unistadt im Harz ersteigert habe.

Als ich die Wohnungen dann ansehen konnte, war in der Glasscheibe der Hauseingangstür ein eingeritztes Hakenkreuz. Das war natürlich voll peinlich, wenn man potenziellen Mietern die Wohnung zeigen möchte, aber die Nachbarin sagte mir, das Hakenkreuz sei da schon seit 25 Jahren, und die ganze Zeit hatte niemand der Eigentümergemeinschaft beantragt, die Frontscheibe auszutauschen.
Ich habe mir also einen Gravierstift gekauft und aus dem Hakenkreuz eine Windmühle gestaltet. Ich erinnere mich noch, wie ich dort vor der Tür gestanden und graviert habe, und ich wusste nicht, was die Nachbarn jetzt sagen oder tun würden. Müsste ich womöglich wegen Sachbeschädigung nun die Frontscheibe ersetzen?
Oder, wie Herr Höcke es nennt, wegen Zerstörung der deutschen Kultur?

Die gute Nachricht: Nichts ist passiert. Inzwischen sind die Wohnungen an internationale Studierende vermietet. Natürlich möchten und müssen die auch die deutsche Kultur kennen lernen. Als einer von ihnen mal der 90-jährigen Nachbarin die Tür vor der Nase zufallen ließ, hat sie ihm erklärt: „Wir sind hier in Deutschland, und in Deutschland werden Frauen respektiert.“ Seitem hat er ihr die Tür immer aufgehalten. Ein anderer hatte auf die Erinnerung, dass er mit der Treppenhausreinigung dran sei, gefragt: „Was ist Treppenhaus?“ Dann bekam er eine ausführliche Anleitung, wie man es reinigt.

Ist das schon ein Bevölkerungsaustausch, wenn ich an ausländische Studierende vermiete? Es könnten genau so gut Deutsche einziehen, aber sie interessieren sich nicht dafür, unter so einfachen Verhältnissen zu leben.

*Damit sind wir beim Blick über den Tellerrand angekommen. Mit vielen der ausländischen Studierenden habe ich persönliche Gespräche geführt. Wie sehen sie Deutschland? Wie sehen sie die Globalisierung? Was möchten sie gegen den Klimawandel unternehmen, entweder in Deutschland oder zurück in ihrem Heimatland mit allem, was sie bei uns an der Uni gelernt haben? *
Was können wir vielleicht von ihnen lernen? Zum Beispiel, mit weniger auszukommen, sich gegenseitig zu unterstützen, herzlicher zu sein, keinen Alkohol zu trinken,…?

So einen ausführlichen Beitrag würde ich natürlich nur dann bringen, wenn ich danach gefragt werde, und dazu kann vorher ein kurzer Aufschlag hilfreich sein.

ja. Aber es muss halt auch wirklich eine ANDERE Rhetorik sein.
Deine Argumentation ist nach wie vor gefangen in der Vorstellung einer rationalen Diskussion.
Du suchst immer noch Gegenargumente mit Bezug zum Vortrag der Gegenseite.
Du willst differenzieren, argumentieren, Fakten bringen - das alleine bringt hier nichts.
Man kann das Argument bringen (Verbrauch steigt im Quadrat zur Geschwindigkeit o.ä.), aber wie Du sagst, es ist unklar, ob das zieht.

Es muss etwas hinzukommen, das die Person diskreditiert, das zeigt, dass da ein Idiot /Populist/ Lügner redet, und dass die Ideen so eines Menschen vielleicht doch nichts taugen.
Das ist StraZis Ansatz: „wo sind Sie denn falsch abgebogen?!“
Das geht gegen die Person, es ist kein Argument in der Sache.

Höcke muss man m.E. damit kontern, dass man ihm vorwirft, Deutschland zu hassen und kein Patriot zu sein. Das kann man mit wenigen sachlichen Stichworten aus dem AfD-Programm und seinen Reden untermauern, aber Stoßrichtung ist die Person.

zwangsläufig?!? nein, die würde nicht kommen.
Das „über den Rand sehen“ ist so unspezifisch und unklar, dass niemand nachfragen würde.
Und Höcke schon gar nicht!

und wenn Du die Chance nicht kriegst?

und Du glaubst mit dieser Geschichte würdest Du gegen Höcke punkten?
Statt einer komplizierten Geschichte kommt dann ein Satz:
„Ist ja schön, wenn Sie mit den Ausländern Geld verdienen, aber Sie befördern damit doch genau den Bevölkerungsaustausch, den ich beklage und der unser Land kaputt macht, und Sie schämen sich nicht, sich daran auch noch zu bereichern?!“

In diesem Satz stecken soviele Unwahrheiten und soviel Schwachsinn drin, das kannst Du in einer Diskussion gar nicht alles entkräften, dafür bräuchtest Du Stunden. Wenn Du es trotzdem versuchst, hast Du schon verloren.

Ich wiederhole mich: wer mit solchen Leuten redet, muss seine Diskussionsmuster völlig umstellen. Die Suche nach dem besseren oder anders formulierten Argument ist fruchtlos.

Wie man sieht, kam sie schon:

Die Antwort darauf

habe ich gerade gelernt:

Abgesehen davon bereichere ich mich daran nicht, weil die Nebenkosten der Wohnungen sehr hoch sind. Davon wird der Gärtner bezahlt, der Winterdienst, die Hausverwaltung und die Handwerker, die regelmäßig dort reparieren (überwiegend Deutsche, übrigens)

Das ist - zugegeben - richtig - und vor allem folge ich immer noch einer „eigenen Logik“, die besagt, das ich Dinge, die ich bei anderen ablehne, nicht selber anwende (kein Messen mit 2erlei Maß) - ich akzeptiere dabei (stillschweigend oder offen) wohl auch, dass es passierren kann, dass ich bei der Auseinandersetzung mit einem Populisten vor entsprechendem Publikum evtl. nicht bestehen kann …

Und zugegeben erteile ich mir dann auch noch die Absolution, in dem ich die Verantwortung für dieses Deaster dem Publikum in die Schuhe schiebe, das nicht aufgeklärt genug ist, statt dem Populisten mir zu folgen (da steckt zu allem Überfluss vielleicht also auch noch ein kleines bißchen Arroganz drin, dass die Leute nicht erkennen, dass ich in Wirklichkeit?! der Bessere bin) …

So weit, so schlecht, komme ich in meiner Selbstreflektion schon noch …

Ich habe nur noch nicht ganz verstanden, warum die Alternative tatsächlich eine (gleichwertige) Alternative sein soll …

Denn was passiert, wenn wir uns der Höcke’schen Rhetorik anschließen, um ihm auf dem Podium gewchsen zu sein - nur um dann in der Umsetzung mit der gewonnenen Mehrheit etwas umzusetzen, was die Leute gar nicht haben wollen?

Deine Überlegung geht davon aus, dass die meisten zwar nicht durchschauen, wie sie manipuliert werden, bei dem am Ende etwas rauskommt, was sie eigentlich gar nicht wollen - Wenn Höcke den Slogan aufnimmt „Deutschland den Deutschen - Ausländer raus“, dann gehst Du davon aus, dass die Mehrheit natürlich doch gar nicht will, dass der Inder an ihrer Straßenecke zumacht, sondern dass sie in Wirklichkeit „nur“ wollen, dass ihre diffuse Angst vor eigenem Abstieg durch zu große Belastung der Sozialsysteme befriedigt wird. Bei solch einer Wähler-Klientel mag es durchaus „ralistisch“ sein, von „Wir müssen die illegalen Migration dramaitsch begrenzen“ zu sprechen - wohl wissend, dass das Verfassungsgericht (und auch wir selbst) hier enge Grenzen setzt, und nicht den Indischen Lokalbesitzer an der Ecke nach Indien zurück schickt …
Wir Punkten also rhetorisch, um damit eine dann doch gemäßigte, menschenfreundliche Politik zu machen - was aber, wenn die Mehrheit eben doch will, dass der Inder zurückgeschickt wird? Dann gleichst Du Deine Rhetorik an, lässt nicht zuletzt durch die eigene Rhetorik zu, dass die Radikalisierung wetier zunimmt - nur, damit am Ende eben doch das Original in Form eines Kanzler Höcke ale Inder in Deutschland zumacht …

Der Antisemitismus der 20er und 30er Jahre (selbst bis über 45 hinaus) zeigt, dass die Annahme, die Mehrheit will gar nicht so radikal sein wie die Repräsentanten die sie wählen, auf sehr wackeligen Füßen steht…

Damit besteht die Gefahr, dass wir den Populisten *und die Wähler, die ihn wählen, nicht ernst genug nehmen.

ok, wenn du nicht weiter drüber reden willst, ist es auch recht. du bist bestens gerüstet :sunglasses:, viel erfolg

1 „Gefällt mir“

was ist die alternative?
die bisherigen strategien haben nicht gewirkt.

das ist eine falsche unterstellung, das habe ich nicht gesagt.

Dann wäre es vermutlich für alle Beteiligten das Beste, wenn er zurück gehen würde. Du musst den Leuten klar machen, warum es gut für sie ist, wenn er bleibt.

Und auch der Inder muss wissen, was er zum Wohl der Gemeinschaft in Deutschland beitragen kann. Wenn er das nicht weiß, muss man es ihm erklären.
Ein Restaurant zu betreiben ist ja schon mal was!

Meine Rede - steht aber im Widerspruch zu der von @lawandorder geäußerten These, dass man dem Populismus eben nicht mit fundierter Analyse begegnen kann, aus der eindeutig hervorgeht, dass es für alle besser wäre, er würde bleiben …
Das Problem ist, das die lineare (und kurz-knackige) Betrachtung: „ein Inder weniger - ein freier Arbeitsplatz für einen Deutschen mehr“ zwar populistisch immer wieder gerne genommen wird (und scheinbar durchaus bei so manchem verfängt) - es aber keine entsprechend einfache Replik darauf gibt, die genauso eingängig wäre…

und selbst wenn es sie gäbe, sie interessiert die AfD-Fans auch nicht. Das ist doch der Punkt.
Ihr müsst Euch wirklich mehr AfD-Videos auf YT ansehen, das bildet. :slight_smile:
Oder Videos mit Trump-Wählern, da seht Ihr, was noch auf uns zukommt.

Letztens habe ich ein Video gesehen, da hat Jordan Klepper (ich glaube der wars, Journalist der Daily Show) Trump-Wähler mit Aussagen von Biden konfrontiert.
Die haben natürlich sofort erklärt, warum Biden völligen Unsinn redet.
Dann hat Klepper gesagt, sorry, das war ein Irrtum, die Aussagen stammen von Trump.
Dann sagten dieselben Leute innerhalb von 30 Sekunden das genaue Gegenteil:
sie hätten Verständnis dafür und Trump hätte recht.
Und selbst als Klepper sie auf den Widerspruch hingewiesen hat, war ihnen das egal, das fanden sie unproblematisch.
Solchen Leuten mit Argumenten zu kommen ist völlig sinnlos.
Das waren natürlich Extrembeispiele, aber das Grundprinzip herrscht bei allen MAGA-Fans vor und zunehmend auch bei der AfD: Fakten zählen nicht.

Leider finde ich das Video nicht mehr