Der wirkliche Wählerwillen ist eine reine Fiktion, hat mit der Wirklichkeit soviel zu tun, wie das Ungeheuer von Loch Ness. Es gibt immer wieder Leute, die behaupten sie würden ihn (den Wählerwillen) kennen.
Bei einer Demokratie geht es nicht in erster Linie um eine rechnerisch exakte Abbildung der bei vielen Wählern sehr volatilen Überzeugungen. Manchen scheinen zu meinen, wenn man jederzeit alle Meinungen in die Gesetzgebung einfließen ließe, wäre das perfekte Demokratie.
Aber wir soll das praktisch gehen? Sollen wir über jedes Gesetz eine Volksabstimmung machen? Würde das überhaupt reichen? Was ist, wenn mir 5 Paragraphen im Gesetz gefallen, 10 aber nicht. Dann sähe ich mich nur ausreichend repräsentiert, wenn über jeden Paragraphen einzeln abgestimmt würde, sonst wäre meine Meinung nich ausreichend repräsentiert. Zu was für Gesetzen würde das führen? Selbst wenn nur über Gesetze insgesamt eine Volksabstimmung gemacht würde, wäre eine einigermaßen konsistente Politik unter solchen Bedingungen überhaupt möglich?
Das ist jetzt etwas auf die Spitze getrieben, mir geht es darum zu zeigen, das maximale Repräsentanz von 80 Mio Meinungen nicht das Ziel einer Demokratie sein kann. Man muss Abwägen zwischen Repräsentanz und effektivem Regieren und dabei beide Extreme vermeiden. Weder ist eine totale Repräsentanz noch ein ungebremstes Durchregieren einer kleinen Clique oder gar eines Diktators wünschenswert.
Diese Abwägung fehlt mir. Die Komplexität politischer Entscheidungen wird vollständig unterschätzt bzw. ignoriert zu Gunsten des Popanz „wirklicher Volkswillen“.
Was Demokratie im Kern auszeichnet ist die Verantwortlichkeit des Regierungshandelns und seine „Responsivität“ auf gesellschaftliche Strömungen, die jederzeit durch die Kontrolle der Öffentlichkeit (freie Presse) und den damit drohenden Verlust der Mehrheit im Parlament oder bei den nächsten Wahlen gegeben ist. Dass das bei uns funktioniert, erleben wir gerade. Das hat auch Habeck beim GEG leidvoll erfahren müssen.
Ich will nicht sagen, dass der Demokratie bei uns keine Gefahren drohen, im Gegenteil, ich sehe massive Gefahren. Ironischerweise resultieren sie aber nicht aus zu wenig Repräsentanz oder etwa der 5%-Hürde, sondern aus zu viel ungebremstem Wählerwillen (Trump, ÖVP)