Ich habe vor, eine kleine Artikelserie über weit verbreitete Missverständnisse in Sachen Betriebs- und Volkswirtschaft zu schreiben, auf die man dann bei Bedarf verlinken kann.
Heute: Staatsausgaben
Wenn Politiker mal wieder einen Milliardenbetrag ausgeben (z.B. ‚Doppelwumms‘), zucken wir immer zusammen und denken, das Geld ist dann weg. Nein, ist es nicht.
Da das ausgegebene Geld in einem Wirtschaftskreislauf kursiert und der Staat bei jedem Übergang wieder die Hand aufhält (ESt oder MwSt), fließt das Geld relativ schnell wieder an den Staat zurück.
Bsp.: BW kauft Panzer für 1 Mrd bei Krauss-Maffei. Die bezahlen mit dem Geld ihre MA (ESt) und ihre Lieferanten (MwSt). Die Lieferanten bezahlen damit wiederum ihre MA, die MA tragen das Geld zu Edeka, die bezahlen ihre Regaleinräumer, die tragen es zu ALDI usw. usf.
Bei 20% Steuer im Schnitt sind nach 10 Übergängen nur noch 10% des Ursprungsbetrages im Kreislauf, 90 % sind schon wieder beim Staat. Nach 20 Übergängen wären es 99%. Und 10-20 Übergänge wären in einem Jahr leicht zu schaffen. WiWis nennen das Umschlagshäufigkeit.
Leider hat dieser Wirtschaftskreislauf zwei Lecks:
Wenn das Geld ins Ausland fließt
wenn wir F-35 in den USA kaufen
wenn wir Rohstoffe oder Chips in China kaufen
wenn Migranten einen Teil ihres Lohnes in die Heimat überweisen
Hierfür gibt es zwar auch einen Ausgleichsmechanismus (über die Wechselkurse), aber der dauert dramatisch länger.
Wenn das Geld gehortet wird
wenn Unternehmen den Gewinn nicht konsumieren oder investieren, sondern auf der Bank lassen
wenn MA das Geld nicht zu ALDI, sondern zur Sparkasse tragen
Auch hierfür gibt es eine Ausgleichsmechanismus, weil die Banken das Geld wieder als Konsumenten- oder Investitionskredite ausreichen, aber dieser Mechanismus funktioniert seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr ausreichend, weil es mehr Geld als Kreditnachfrage gibt.
Wenn mehr Geld im Umlauf ist bei ansonsten unveränderter Wirtschaftsleistung, ist das Geld an sich weniger wert. Alle die nicht direkt oder indirekt vom Doppelwumms etwas abbekommen verlieren damit an Kaufkraft. Somit ist das Geld zwar nicht weg, aber der Wert dahinter wurde umverteilt - manche können sich einmal im Monat Sauna nun nicht mehr leisten, andere (die doppelgewummsten) können das dann zweimal.
Die Wirtschaftsleistung ist aber nicht konstant sondern elastisch. Bei erhöhter Nachfrage steigt sie, mit Verzögerung und natürlich nicht beliebig. Aber ja, die Inflationsgefahr bei erhöhter Verschuldung, egal staatlich oder privat, nimmt zu. Zum Teil erleben wir das jetzt.
Das ist richtig, wenn der Staat dieses Geld zusätzlich ‚druckt‘. Nimmt er es hingegen als Schulden auf, wird es ja an anderer Stelle abgezogen, ist also nicht ‚zusätzlich‘. Aber diese ‚anderen Stellen‘ sind häufig ‚gehortetes‘ Geld, das jetzt wieder dem Kreislauf der Realwirtschaft zugeführt wird. Wenn jetzt die Wirtschaftsleistung nicht entsprechend steigt, ist dieser ‚Wumms‘ zumindest teilweise inflationsrelevant.
Muss (besser müsste) er es aber wieder zurückzahlen, was dann dem von dir beschriebenen Kreislauf wieder Geld entzieht. Dann geht es in die andere Richtung.
Es gibt aber natürlich Leute (auch bei den Grünen), die meinen Staatsschulden muss man nicht tilgen oder macht das einfach mit neuen Schulden.
Ganz anderer Fall, die hatten Auslandsschulden. Und davon haben sie meines Wissens einen Großteil nie zurückgezahlt.
Die BRD hat bisher Netto selten Schulden „zurückgezahlt“. Die Staaten werden in der EU zu einem großen Teil indirekt über die EZB mit Zentralbankgeld finanziert.
Das geht nur so lange gut, bis das Vertrauen schwindet.
Siehe Argentinien und Venezuela.
Einfach immer mehr Geld drucken führt zu Inflation.
Der Staat hat Schulden bei Käufern von Staatsanleihen. Egal wo die sitzen.
Wenn die keine mehr kaufen, oder nur noch zu horrenden Zinsen, wird es ernst.
Siehe auch Griechenland und Italien.
Was eigentlich nicht erlaubt ist.
Geht auch nur so lange gut, wie sich andere Länder, die es noch können, dafür verbürgen.
Einfach immer mehr Geld drucken führt zu Inflation.
Der direkte Aufkauf ist verboten, der indirekte nicht.
siehe oben
Es kommt auf die Umstände an.
Die er im Fall BRD bisher fast jedes Jahr mit neuen Schulden zurückgezahlt hat.
Viele VWLer machen heute einen deutlichen Unterschied zwischen Staatsschulden und Privatschulden. Das ist nicht dasselbe. Darüber findet man viel im Internet.
Staatsfinanzierung ist untersagt
Das Konstrukt über die Banken ist ein Kunstkniff der eine Lücke im Gesetz nutzt.
Macht es aber nicht besser.
?
Nur weil es lange Zeit gut ging, muss es nicht so weiter gehen.
Haben die Lehmans und auch einige Länder schon feststellen müssen.
Erinnert mich ein Bisschen an: Russland hat bisher immer Gas geliefert.
Hört sich ähnlich an:
„Der Klimawandel war doch bisher auch nicht so schlimm. Also warum was ändern?“
Viele VWLer haben auch von Wandel durch Handel mit Russland und China gesprochen.
Viele VWLer haben auch eine riesen Rezession für Deutschland vorhergesagt.
Viele VWLer warnen auch von zu hoher Staatsverschuldung und Schuldentilgung durch neue Schulden.
Ja, ja, die VWLer. Die habe für alles eine Erklärung, im nachhinein.
Bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass wir beide Laien (so bezeichne ich mich nach 2 Semestern VWL immer noch) in dem Bereich eine sinnvolle Diskussion führen können. Über dieses Thema streiten ganz andere Kaliber.
Und mit dieser Polemik kommen wir auch nicht weiter.
@Duke danke für den Aufschlag.
wir brauchen aber wohl doch länger als 15 Minuten.
alles richtig. Aber das hätten die alle auch ohne die zusätzl. Staatsausgaben getan.
K-M hat ja seinen MA auch vorher Gehalt gezahlt, und die haben auch vorher bei Aldi gekauft.
Es sei denn, Krauss-Maffei hätte wegen der Staatsausgaben eine neue Fabrik gebaut und neue Leute eingestellt (was sie m.W. im aktuellen Fall sogar tun).
Aber auch diese neuen MA waren vorher nicht alle arbeitslos (die wenigsten, vermute ich), sondern werden woanders abgeworben. D.h. nicht jede Lohnzahlung und jeder Aldi-Einkauf ist zusätzlich, wahrscheinlich nur ein geringer Teil.
Daher stimmt der von Dir geschilderte Mechanismus nur, wenn etliche weitere Voraussetzungen erfüllt sind.
Ich bezweifle, dass man den Nettoeffekt seriös quantifizieren kann.
und das tut es bei Waren fast immer zT, weil überall Rohstoffe und Vorprodukte aus dem Ausland drinstecken.
wieso wird das anderswo abgezogen? Wer zieht was wo ab?
Ich habe eine dunkle Erinnerung an meine Banklehre, da haben wir uns mit Geldschöpfung beschäftigt, und ein Kredit vergrößert die Geldmenge, wenn ich das richtig im Kopf habe, weil es nicht so ist, dass die Bank nur ihre Einlagen als Kredite ausgibt, sondern weil die (damalige) Bundesbank/ heute wohl EZB durch Kreditlinien neues Geld kreiert. Aber dafür lege ich jetzt nicht die Hand ins Feuer.
das scheint mir in diese Richtung zu gehen.
den Unterschied würde ich auch machen, ja.
Die schwäbische Hausfrau ist nicht das Modell für einen Staatshaushalt.
ich befürchte, das ist die entscheidende Feststellung bei dem ganzen Thema.
VWL ist zwar auch zT Voodoo (oder sagen wir „Glaubenssache“), wenn ich das richtig sehe, aber mir fehlt da die Basis, um ein belastbares Urteil zu fällen. @Duke woher hast Du Deine Weisheiten? Hast Du das studiert?
Trotzdem noch meine Einschätzung zu Deiner Hypothese, dass die Umstellung auf einheimische Produktion wirtschaftlich kein Nachteil ist (so verstehe ich Dich jedenfalls):
Unser ganzes deutsches Geschäftsmodell beruht doch (vereinfacht gesagt) darauf, dass wir Maschinen für EUR 100 herstellen und diese für EUR 100 + X an den Rest der Welt vertickern.
Das „X“ ist die Summe, die uns das Ausland über die Kosten hinaus zahlt, und das macht uns als Gesellschaft reicher. Das ist doch der Witz am Exportweltmeister.
Wenn wir nun die Maschine im Inland verkaufen, haben wir auch die Wertschöpfung, aber nicht den Zufluss von außen. D.h. das X zahlt der Käufer der Maschine in Hamburg an den Verkäufer in Köln.
Deutschlandweit betrachtet ist das ein Nullsummenspiel.
Das scheint mir der Unterschied zu sein zwischen Produktion für den Export und Produktion für den nationalen Verbrauch.
Hinzu kommt, dass zB innerstaatlich erzeugte Vorprodukte teurer sind als solche, die wir bei den Chinesen kaufen, was unsere Endprodukte verteuert, was wiederum unsere Exportchancen (oder die Marge beim Export) vermindert. Auch ein Nachteil.
Dass das durch die von Dir beschriebenen Steuereffekte (den „Umlauf“) auch nur annähernd kompensiert wird, glaube ich nicht bzw. kann ich nicht nachvollziehen, s.o.
Also, vorerst bleibe ich bei meiner „sehr, sehr falschen“ Auffassung
Aber gerne mehr Argumente!
Wenn die Banken einen Kredit vergeben kreieren sie sog. Bankengeld oder Giralgeld. Das ist nichts anderes als 2 gegenseitige privatrechtliche Forderungen. Der Kunde hat eine Forderung aufgrund des entstandenen Bankguthabens, die Bank hat eine Forderung aufgrund des Kredits.
alles richtig, klar.
Aber das ist die falsche Ebene.
Ich weiß wie gesagt nicht, wie das bei der EZB ist, aber unter der alten Bundesbank räumte diese den Banken einen Kredit ein, dadurch erhielten die Banken zusätzl. Kreditvolumina zur Weitergabe an die Unternehmen.
So wird die Geldmenge gesteuert/ erweitert, d.h. diese Kredite sind uU „zusätzlich“, wie Duke das formuliert hat (wobei er meinte, sie seien bei erhöhten Staatsausgaben eben nicht „zusätzlich“).
Das scheint bei der EZB noch genauso zu funktionieren
Wenn der Staat sich 100 Mrd. bei Geschäftsbanken oder auf dem Kapitalmarkt leiht, wird das nicht aus Einlagen der Banken und anderer Kapitalmarktteilnehmer gespeist, sondern vielfach kreditzfinanziert, vermute ich. Dazu siehe oben, Geldschöpfung durch EZB.
Du meinst vermutlich, das Geschäftsbanken Anleihen als Sicherheit bei der Zentralbank hinterlegen können und dafür Zentralbankgeld erhalten.
Nach meinem Wissen (da bin ich mir aber nicht 100% sicher) überweisen die Banken dem Staat die Anleihesumme in Form von Zentralbankgeld, das sie auf ihrem Konto bei der Zentralbank (Reserve) liegen haben. Sie können dieses Konto wieder auffüllen, indem sie (andere) Anleihen an die Zentralbank verpfänden.
Das ist der Regelfall. Firmen sorgen heute dafür, dass sie nicht massiv unausgelastet sind, sondern möglichst nahe an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Große zusätzliche Aufträge führen daher unweigerlich zu entsprechend erhöhten Arbeitseinkommen in Form von Überstunden, neuen Jobs oder höherer Wochenarbeitszeit bei Teilzeitlern.
Die Firmen, wo abgeworben wurde, legen aber auch nicht die Hände in den Schoß, sondern versuchen, die Stellen neu zu besetzen. Und zum Abwerben muss man den Kandidaten meist deutlich mehr Gehalt bieten
Für ein einzelnes Produkt/Produktgruppe kann man das recht präzise ermitteln (BWL-Ebene). Was die VWLer da an Methoden haben, bin ich überfragt. Aber sie haben welche.
Richtig. Aber überschätz das nicht. Als Faustregel für das Durchschnittsunternehmen gilt:
3 % Gewinn, 2/3 Personal, Rest Betriebskosten und Vorprodukte. Letztere spielen also meist eine untergeordnete Rolle.
Und ja, diese Lecks existieren, aber sie ändern nichts an dem Prinzip, sondern nur an der Geschwindigkeit, mit der das Geld wieder an den Staat (infinitesimal) zurückfließt.
Das Problem ist, dass wir in D nicht eine Staatskasse haben, sondern Bund, Länder und Gemeinden, und die Steuereinnahmen keineswegs immer an der Stelle anfallen, wo die Ausgaben getätigt wurden.
Dadurch entsteht dieser Eindruck, dass das Geld ‚weg‘ ist.
Ich habe BWL studiert. Sogar abgeschlossen, was bei Grünen ja keineswegs selbstverständlich ist
Bei uns waren die Studiengänge BWL und VWL bis zum Vordiplom identisch. Ich habe also quasi ein Vordiplom in VWL.
Die klassische Form der Refinanzierung sind Staatsanleihen (Bundesschatzbriefe, Kommunalobligationen etc.) Die muss irgendjemand kaufen, z.B. institutionelle Anleger (Fonds), Versicherungen (mündelsicher), Privatanleger. Banken sind da meist nicht interessiert, weil sie bessere Renditemöglichkeiten haben. Was hätten diese Anleger ansonsten mit dem Geld gemacht?
Was Du über Geldschöpfung durch Geschäftsbanken gelernt/behalten hast ist richtig und funktioniert in vielen Ländern dieser Welt immer noch so.
Im Bereich der OECD gilt aber seit 2004 das „Basel II Abkommen“, das den Banken eine Eigenkapitalmindestquote bezogen auf ihre risikogewichteten Aktiva (Kreditausreichungen) vorschreibt.
Zum damaligen Zeitpunkt hatten praktisch alle Banken diese Quote hoffnungslos überreizt und haben Jahre gebraucht, bis sie diese Quote endlich einhalten konnten. Und sie halten sich seitdem eng an diese Grenze.
Das war praktisch das Ende der Geldschöpfung durch Geschäftsbanken. Das haben viele Politiker aber noch nicht mitbekommen
Das ist die Entwicklung der Geldmenge M1,M2 und M3 in der Eurozone. Wenn ich das richtig verstanden habe, fast alles Bankengeld (bis auf das Bargeld), also Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken.