Die Zeit diskutiert das in zwei langen Beträgen, die m.E. beide gute Argumente vorbringen.
Den ersten Beitrag fand ich schon recht überzeugend.
zB:
Und tatsächlich gibt es ja linke Diskurswächter, die es schon für ausländerfeindlich halten, von Clankriminalität zu sprechen, für antimuslimisch, das Kopftuch problematisch zu finden, und für sexistisch, mindestens für „transphob“, an der Existenz zweier biologischer Geschlechter festzuhalten. Wenn es der Linken wirklich darum ginge, die Rechten kleinzuhalten, müsste sie die Produktion dieses Unfugs herunterfahren und sich ernsthaft fragen, ob sie als zuverlässigster Munitionslieferant rechter Propaganda weiterarbeiten will.
Diese Denke haben wir im Parteiforum erlebt, und auch hier ist man manchmal schneller ein AfD-ler als man „Chrupalla ist doof“ sagen kann.
das verbreitet treuherzige Politikverständnis schließt den Gedanken aus, dass heldenhaftes Eintreten gegen Rassismus und Diskriminierung den Rechten nützen könnte. Erst recht die postmarxistische Linke von heute hat das dialektische Denken verlernt und empfiehlt sich völlig unreflektiert als Heilmittel gegen rechts, ohne das spiegelsymmetrische Verhalten der Rechten wahrzunehmen, die sich als Heilmittel gegen links empfehlen.
Die Linke profitiert ganz arglos davon, mit ihrem Dogmatismus den Gegner zu stärken. Aus den nordamerikanischen Universitäten, die jetzt von Trump drangsaliert werden, ist noch kein Zweifel laut geworden, ob sie mit ihren identitätspolitischen Exzessen und Gender-Lehrstühlen nicht auch den Aufstieg ihres Peinigers gefördert haben könnten. Erst recht zeigen die italienischen Linksparteien nicht den Hauch einer Einsicht, dass sie ihre Dogmatismen bis zu jener Zersplitterung getrieben haben, die den Wahlerfolg von Giorgia Meloni erst möglich gemacht hat. Sie alle sind in dem Bewusstsein ihrer moralischen Überlegenheit so gefangen, dass sie nicht einmal ahnen, wie abschreckend eine solche Moral auch wirken kann – selbst auf den unschuldigsten Bürger.
auch diese simple Haltung kommt mir bekannt vor. Solange ich auf die Rechten (oder die Reichen, oder die Konzerne) schimpfe, kann ich nichts falsch machen.
und die Parallen zwischen beiden Polen (Kampf gegen die Mitte) sind auch interessant:
Insbesondere die linken deutschen Parteien sind in ihrem überschießenden Verdacht längst dazu übergegangen, auch weite Teile von CDU- und FDP-Wählern dem rechten Lager zuzuschlagen. Bezeichnend dafür ist die rituelle Klage, dass rechtes Gedankengut „schon in der Mitte angekommen“ beziehungsweise „salonfähig geworden“ sei. Ganz ähnlich verfährt die AfD, die im Grunde das ganze Land, sich selbst ausgenommen, als „linksgrünversifft“ betrachtet.
Der Kampf zwischen links und rechts wird so nicht als Wahlkampf um die Mitte ausgetragen, die man je zu sich hinüberziehen will, sondern als rhetorischer Kampf gegen die Mitte, der man unterstellt, jeweils schon heimlich dem anderen Lager anzugehören.
Aber die AfD macht es schlauer als die Linken:>
Gleichwohl verhalten sich die Lager dabei nicht ganz symmetrisch. Obwohl die AfD bekanntermaßen nicht mit Einschüchterung spart, verfährt sie doch im Umgang mit den zaudernden Bürgern der Mitte nach der Devise: Auch wenn ihr uns heute noch nicht wählt, seid ihr doch mit dem Herzen schon bei uns. Ganz anders die Linke. Sie geht davon aus, dass jenseits von ihr gar keine anständigen Menschen mehr existieren. Wer sich nicht als links und Migrationsfreund bekennt, gilt schon als rechts, wer sich nicht vegan ernährt und kein Lastenfahrrad fährt, ist ein Klimasünder, wer Israel unterstützt, ein kolonialistischer Ausbeuter des Globalen Südens, wer nicht gendert, ein Frauenfeind, und so weiter.
Die Linke in Deutschland und den USA, in Ansätzen auch schon die in Frankreich, hat einen dermaßen exklusiven Begriff von Humanität entwickelt, dass für sie im Grunde keine akzeptablen Bündnispartner mehr existieren – und auch keine neuen Wähler.
„exklusiven Begriff von Humanität“ => alles Unangenehme ist ein Menschenrechtsverstoß, eine Diskriminierung, „Hass und Hetze“. Kommt mir bekannt vor.
ABER
das gilt natürlich nur für einen Teil der Linken, darauf weist der andere Beitrag hin.
Gibt es unter Linken auch Dogmatiker? Sicher. Aber ist es fair, eine ganze politische Strömung dafür in Haftung zu nehmen? Es käme ja auch niemand auf die Idee, die CDU-Abgeordnete Saskia Ludwig oder den Nius-Finanzier Frank Gotthardt stellvertretend für den ganzen deutschen Konservatismus zu nehmen. Die gesellschaftliche Linke ist vielfältig, die Rolle der Identitätspolitik wird auch unter Linken diskutiert.
Das ist richtig, geht aber am Thema ein wenig vorbei.
Die Frage ist nicht, ob alle Linken so sind, sondern ob das beschriebene Verhalten mancher (ggf. auch nur weniger) Linker ausgereicht hat, um die Linke in der Mitte unbeliebt zu machen und so die AfD zu stärken.
Das würde ich mit JA beantworten.
M.E. bestätigt der Autor das auch ungewollt:
genau jener Strategie zugutekommen, die die AfD seit Langem fährt: Sie will die Gegensätze zwischen Union und den linken Parteien durch fortgesetzten Kulturkampf zunehmend unüberbrückbar machen, indem sie die Linken als monolithischen Block der autoritären Ideologen beschreibt. Bis sich ein Zusammengehen von AfD und Union irgendwann ganz natürlich anfühlt.
Was meint Ihr dazu?

