Utopie / Was-Wäre-Wenn: Erbschaftsteuer auf 100 %

Das ist ein wiederkehrendes Motiv, das in einigen Köpfen hier rumschwirrt, z.B. hier:

Kurze Antwort: kommt auf die Definition von ‚existieren‘ an. Ich würde es eher als ‚dahinvegetieren‘ bezeichnen. Und die meisten Menschen wohl auch.

Was würde passieren?

  1. Fast jeder Mensch würde nur noch so lange arbeiten, bis er mehr als genug für den Rest seines Lebens hat und sich dann an den Strand legen. Ein erfolgreicher Startup-Unternehmer vielleicht schon mit 35, ein gutverdienender Angestellter vielleicht mit 51. Und das beträfe nicht nur verzichtbare Branchen, sondern auch Lehrer, Ärzte, Pfleger, Handwerker etc. Eine kleine Kostprobe von einer solchen Gesellschaft haben wir jetzt ja schon, Tendenz stark steigend :frowning:
  2. Es gäbe niemanden mehr (außer dem Staat), der innovative Großprojekte (GigaFactory) finanzieren könnte. Der Staat hats bekanntlich nicht so mit Innovation. Das wäre nicht nur beim Kampf gegen den Klimawandel fatal.
  3. Wenn Rentner merken, dass sie zu viel aufgehoben haben, werden sie das Geld lieber verprassen als es dem Staat zu überlassen. Für das Startvermögen zum 18ten bliebe also kaum was übrig.

Insgesamt also eine ziemlich schlechte Idee.

Also als erstes: Wir reden hier über eine Utopie. Nicht über einen politischen Vorschlag von mir.
Ich habe keine Ahnung, wie man ausgehend von unserer jetzigen Zivilisation zu so einer Gesellschaft kommen könnte. Vermutlich am einfachsten in dem man in ein Paralleluniversum wechselt.

Das ist ein sehr negatives Menschenbild. Nach dem was du beschreibst: Warum gibt es dann eigentlich überhaupt Vereine? Warum treffen sich Menschen am Samstag um eine Bach zu säubern? Nehmen mir mich als Beispiel: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht gearbeitet. Denn mein Beruf macht mir einfach Spaß und gibt meinem Leben einen Sinn. Und wenn möglich werde ich auch irgendwas weiterarbeiten, wenn ich eigentlich in Rente müsste.

Ich habe keine Ahnung, wie hoch dieses Universal-Erbschaft für alle wäre, aber selbst wenn jeder eine Million bekäme, das Geld kann man auch in ein zwei Jahren ausgeben, wenn man sich etwas „bemüht“. Die These, das sehr viele Menschen mit nicht mehr arbeiten würden, wenn Sie genug Geld angehäuft hätte halte ich für komplett falsch.

Das ist ein sehr gutes Beispiel, warum das was du behauptest nicht stimmt: Elon Musk hat seine Milliarden in seiner Lebenszeit aufgehäuft und nicht geerbt. Daran das er Milliardär ist hätte sich also in dieser Gesellschaft gar nichts geändert. Und er hat mehr innovative Großprojekte verwirklicht
Aber dass seine Kinder und Ur-Enkel immer noch Milliardäre sind, vollkommen unabhängig davon, ob Sie in ihrem Leben irgend etwas erfunden oder produziert haben, würde wegfallen.
Statt dessen hätten viele begabte Menschen die Chance der nächste Ellon Musk zu werden, weil Sie bessere Startbedingungen hätten.

Ach ja, bzgl. „Der Staat hats bekanntlich nicht so mit Innovation“:

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Ähh … ich verwende eigentlich das gleiche Menschenbild wie Du hier:

Ehrenamt macht Spaß und/oder ist mir irgendwie besonders wichtig. Es kann aber nur einen speziellen Ausschnitt unseres Arbeitsmarktes abdecken. Oder warum habe ich noch keine Vereine zum Füllen der „Pflegelücke“ gesehen?

Elon ‚arbeitet‘ nicht, sondern geht wie besessen seinem Hobby nach (der Marskolonie, alles andere ist Mittel zum Zweck). Er ist für mich in mehrerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung.

Viele andere silicon valley Gründer haben sich längst deutlich zurückgenommen. Bezos, Page, Brin, Schmid, …
Am deutlichsten ist es aber am typischen Werdegang von Startups zu beobachten. Da geht die storyline meist Idee->Patent->Pilotbetrieb->für 10-100 Mio verkaufen->Ruhestand.

Mir geht es natürlich auch gegen den Strich, wenn die verzogenen Gören eines reichen Erblassers mit ihren Skandälchen die Regenbogenpresse füttern. Es gibt aber auch reichlich Erben, die mit dem Erbe verantwortungsvoll und erfolgreich umgehen (Familie Porsche z.B.). Die stehen dann nur nicht so häufig in der Zeitung.

Ich würde es aus den genannten Gründen zwar eher als Dystopie bezeichnen, aber egal. Es macht immer sehr viel Sinn, bei einem Parameter beide Extremwerte zu betrachten. Also zur Vollständigkeit:

Was wäre bei einer Erbschaftsteuer von 0 % anders?

  • der Staat hätte IIRC 16 Mrd weniger Einnahmen
  • die Konzentration von Vermögen würde etwas schneller voranschreiten
  • Schenkungen im Zuge der vorweggenommenen Erbfolge würden häufig entfallen (Notare hätten etwas weniger zu tun)

Ansonsten würde sich nichts ändern, oder?
==> bei einer Erhöhung der Erbschaftsteuer sollten wir zumindest sehr viel Fingerspitzengefühl zeigen.

@WitzelJo
Naja, wenn ich Dich richtig verstehe, gibt es demnach kein Erbe mehr, weil alles nach dem Tod (vielleicht ausgenommen der Bestattungskosten) an den Staat fällt…
Es mag sogar urtümliche Gemeinschaften geben/gegeben haben, die so funktionieren - das sind dann aber (ich habe da mal was gelesen (ist ewig her) Ureinwohner in Brasilianischen Regenwald, die extra wenig Kontakt mit irgend jemandem haben - nur alle 10 Jahre kommt da mal ein Soziologe vorbei…
Das sind aber sehr kleine Strukturen, wo das Erbe, das dann an den Stamm geht, aufgrund der Kleinheit der Gruppe auch jedem genug lässt und vor allem für alle so sorgt, dass es keine Schere gibt…
Das ist also so ähnlich wie wenn ich mein Geld nicht meinem Kind, sondern meinem Neffen gebe - wohl wissend, dass beide zusammen einen Hof betreiben, und das Geld dafür verwenden, und sicher ist, das es da kein eindeutg abgegrenztes „Mein“-„Dein“ gibt - das ist also nur eine unwichtige Umettikettierung…
Bei unserem Staat scheitert das an vielen Gründen - Gruppe zu groß - Besitzsspreitzung auch schon zu groß, Staat/Gesellschaft mit der Voraussetzung der uneingschränkten Solidarität überfordert…
Eine solche Erbschaftssteueränderung wäre also - wenn die "Begleitumstände nicht vorab geändert würden - mit großen sozialen Spannungen verbunden - es bleibt also eine Utopie, und wird dadurch zur Dystropie, weil ebendiese diese Rahmenbedingungen das nicht hergeben (und wohl dem Steinzeithirnträger bisheriger Bauart gar nicht gemäß herzustellen sind)…

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@WitzelJo
Es gibt übrigens - selbst wenn Du die Erbschaft anders regelst, wahrscheinlich immer noch einen Trick - Elon Musk (oder auch ich, wenn ich endlich mal - längst überfällig - im Lotto gewinnen sollte) könnte einfach das Vermögen in eine Stiftung fließen lassen, die ein Teil der Zinsen für soziale Projekte ausgibt und den Rest an die Geschäftsführer/Stiftungsrat etc. ausschüttet, deren Mitglieder „zufällig“ nur aus der Familie kommen (Kinder/Enkel)…
Die könnten dann zwar nicht sofort über alle Reserven verfügen - aber es würde immer noch reichen, um ein mehr als unbeschwertes Leben zu führen - und nebenbei kann man dann auch noch sein „soziales Engagement“ mitvermarkten…

Ich möchte an dieser Stelle auf die Redensart „Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich“ hinweisen.
Oder auch die Bauernregel der Pioniere: „Dem ersten den Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot“.

Das Bestreben, für den Nachwuchs wirklich ALLES bis hin zur Selbstaufopferung zu tun, ist auch häufig im Tierreich zu beobachten, woraus man wiederum schließen kann, dass es im Kleinhirn verdrahtet ist.
Mit Umerziehung ist da nix zu machen.

@Duke

Meine Rede schon seit langem - im Herzen die Steinzeit - und in der Hand die Atombombe - wie lange wird das gut gehen? (noch dazu vor dem Hintergrund schwindender Ressourcen und kleiner werdenden Lebensraums)…
Die Möglichkeit freier Entscheidungen wird doch sehr wahrscheinlich von genau solchen Verdrahtungen stark eingeschränkt…
Damit steift aber in Zeiten wie diesen einfach die Wahrscheinlichkeit eines Aussterbens (auch für den Homo sapiens deutlich an)…
Das will aber immer noch keiner so recht wahrhaben - geschweige denn am Infostand verteilen - Chance verpasst …:frowning:

Da wir hier über eine Utopie reden. Kennt jemand von euch dieses Buch:

Das hat mich damals schwer beeindruckt.

Den Übernahme versuch von VW, das nenne ich verantwortungsvoll. Da wollten sie fertigmachen, was ihnen im 3. Reich nicht gelungen war.
Und die Nähe von Ferdinand Porsche zu Adolf Hitler und Henry Ford (er war der Verbindungsmann) war eher die Bauernschläue eines Geschäftsmannes als ein menschlich verantwortungsvolles Agieren.

zur Erbschaftssteuer :
Früher hiess es, dass es drei Generationen braucht, um ein Haus zu bauen. Ich fürchte, die Zeiten kommen wieder.
Mit so einer 100% Erbschaftssteuer käme keiner mehr zu Wohneigentum.
Auch die Landwirtschaft wäre so nicht möglich. Wie soll einer Landwirt sein, wenn der Grundbesitz ständig an den Staat fällt.
Ach KMU könnten nicht mehr weitergegeben werden. Keiner würde mehr ein Unternehmen gründen. wenn eh alles weg ist nach 30 Jahren.

Und der Staat wäre in der Pflicht, sämtliche Unternehmen zu führen von Schusterbetrieb bis zu Daimler, weil die Aktien alle beim Staat landen.

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Das ist der feuchte Traum von nicht wenigen Menschen (auch) in unserer Partei …

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Und damit endet dann hoffentlich auch die fortschreitende Zersiedelung und Zubetonierung unseres Landes.

Und ohne kommen nur die Kinder wohlhabender Eltern zu Wohneigentum. Verstehst du das unter Chancengleichheit?

Die Erträge der Erbschaftssteuer könnten doch auch dazu genutzt werden, Wohneigentum für alle zu fördern - wenn man dies wirklich will.

Wenn sämtlicher Grundbesitz an den Staat fiele, würde dies der zerstörerischen Bodenspekulation, die besondes in den Städten ein Riesenproblem ist, ein Ende setzen.

Und den Landwirten muss der Boden ja nicht unbedingt gehören, den sie beackern. Da ließen sich sicher Lösungen in Richtung Erbpacht finden - und auch wunderbare Möglichkeiten der Förderung einer ökologischen Landwirtschaft.

Sicher? Die Unternehmer:innen, die ich kenne, haben alle ihre Firmen irgendwann verkauft und finanzieren sich mit dem Erlös einen angenehmen Lebensabend.

Wenn die Nachkommen den Betrieb unbedingt weiter führen wollen, können sie es ja vielleicht auch tun. Er gehört ihnen nur nicht, und sie müssen sich ihren Reichtum selbst erarbeiten, wie es ihre Vorfahren auch getan haben.

Mitnichten. Behörden im Stile der Industrieministerien, wie es sie früher in der DDR gab, will (hoffentlich) niemand und brauchen wir auch nicht. Da gibt es andere Modelle, die sicher stellen, dass Unternehmen weiterhin selbstständig geführt werden. Auf jeden Fall wäre es aber förderlich für die die Durchsetzung von Gemeinwohlorientierung, wenn maximaler Profit nicht mehr die Hauptrolle spielen würde.

Nein, lieber @MinderEr, unser Erbrecht ist die Hauptursache unser immer krasser werdenden Schieflage in der Vermögensverteilung mit ihren vielfachen negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft, und wir müssen irgendwann einmal die Kraft finden, dies zu ändern, Vielleicht muss die Vermögenssteuer nicht unbedingt 100% betragen, aber sicher nicht weit davon entfernt

Aber es muss ein Konzept geben, wie mit dem weggesteuerten Vermögen sinnvoll umgegangen wird, so dass es nicht zu den von dir genannten Folgen kommt - soweit sie wirklich unerwünscht sind.

Wenn der Staat all diese Aufgaben übernehmen soll, braucht er eine ganze Reihe von zusätzlichen Behörden. Und die müssen nahezu perfekt arbeiten, wenn das Ganze funktionieren soll. Würde man das mit Behörden im heutigen deutschen Stil machen, stelle ich mir das Ergebnis ganz furchtbar schrecklich vor.

Aber egal, ab man nun Plan- oder Marktwirtschaft will: gut funktionierende Behörden sind in beiden Systemen sehr nützlich.

Hast Du irgendwelche Vorschläge, wie wir unsere Behörden so umbauen, dass sie wenigstens annähernd die erforderliche Arbeitsweise erreichen?

Zum ersten Teil - richtig ist, dass unser Erbrecht einen recht großen Anteil hat - als ehem. DDR-Bürger gab es auch für mich wenig zu erben und so hätte ich nichst dagegen, wenn wir da recht stark eingreifen. Aber … wir möchten die Eigentümerstrukturen nicht unbedingt ändern - will sagen - wenn der Familienjunior weiter macht, dann soll er das können. Nur eben unter „Nachzahlung“ seiner Erbsteuer … und OHNE irgendwelche Fristen etc.

Ein weiterer Punkt ist aber trotzdem die EST - die muss in der Lage sein, auch die Akkumulation zu bremsen - sprich in meinen Augen darf die EST durchaus auch 80% betragen - bei ?? vlt. 100M€/Jahr

Zum zweiten Teil - nö - da bin ich überhaupt nicht bei Dir. Es ist Aufgabe der Eigentümer, sich um Ihr Eigentum zu kümmern. Der Staat sollte nicht „Ersterbe“ werden, wenn die Erben die Erbschaftssteuer nicht bezahlen können.

für mich klingt das einerseits unkonkret und andererseits doch stark nach DDR light.
Betriebe und Land gehören nicht demjenigen, der sie führt bzw bearbeitet,
keine Profitorientierung, sondern Gemeinwohl,
es gibt „andere Modelle“, unklar, wie sie aussehen,
100% Besteuerung (auf was ist unklar).

Hatten wir das nicht alles schon mal so oder so ähnlich?

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https://discourse.netzbegruenung.de/t/steuersystem-umbauen-anpassen-oder-was-ganz-neues/5624/66

Ja - ich denke nicht, dass ich da eine irgendwie neue Idee vertrete. Nur … wie schafft man es, so etwas auch durchzusetzen ? Manchmal habe ich ja das Gefühl, dass uns da selbst Amerika etwas voraus hat - da wurden ja bereits etliche Monopole zerschlagen ( AT&T, … ) und nach dem Krieg hatten sie auch mal um die 80% Spitzensteuer als Teil des damaligen „Great Deals“.

Will sagen - das Ziel sollte es eigentlich sein das Thema „Sozialismus“ im unteren Bereich erst mal „ruhen“ zu lassen ( dank Fachkräftemangel eigentlich ein Selbstläufer ) und uns des Themas Vermögensakkumulation zu widmen und hier erst mal nur eine Steuergerechtigkeit herstellen - sprich Abschaffung einer Sondersteuer - der Kapitalertragssteuer. Da müsste doch eigentlich sogar die FDP mitspielen - Arbeit & Leistung muss sich lohnen …

Aber … für die Linken unter uns ist das Thema BGE, wie auch Enteignungen etc. so heiß … in meinen Augen zerstören sie damit unsere Glaubwürdigkeit und auch die Wählbarkeit …

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Und vor dem 2WK hatten sie(USA) bis zu 97% Spitzensteuersatz, und es hat die Rockefellers nicht gestört.

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was meinst Du mit Abschaffung der Kap.Ertr.Steuer?
stattdessen Besteuerung der Kapitalerträge wieder nach allg. ESt.-/KöSt-Tarif?

Yep - es kann doch nicht sein, dass die Leute für Erträge aus Nichtstun weniger Steuern zahlen als Leute die dafür arbeiten.

Das ist natürlich völlig richtig, aber …

Die Ermäßigung durch die Kapitalertragsteuer wurde eingeführt, um Kapitalflucht zu verringern. Die war damals extrem. Gerechtigkeit hin oder her, per Saldo haben wir so vermutlich mehr Steuereinnahmen.

Mich würde allerdings sehr interessieren, wie sie damals auf die 25 % gekommen sind. Wären 22, 27 oder 31 % vielleicht besser gewesen?