Ich stelle mal eine neue Frage:
warum ist es gut, unzivilisiert miteinander zu diskutieren?
These:
wirklich neue Einsichten gibt es idR nur nach langem, harten Streit.
Begründung
Wir sind im Durchschnitt alle über 50, die meisten deutlich älter.
Wir haben uns im Laufe unseres Lebens unsere Weltsicht zurechtgelegt.
Auf dieser Weltsicht beruht unser Leben, damit haben wir das Leben irgendwie gemeistert.
Die wenigsten können diese Weltsicht aufgeben, nur weil sie ein gutes Argument lesen.
Die meisten Argumente haben wir alle schon mal gehört.
Aber neue Erkenntnisse ergeben sich nach meiner Erfahrung häufig nicht durch Gedanken, die man bisher nicht kannte, sondern dadurch, dass man den tieferen Sinn eines bekannten Gedankens plötzlich begreift.
Angesichts dessen ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass hier jemand einen Beitrag liest, der mit seiner 50 Jahre alten Weltsicht nicht übereinstimmt, und dann sagt „klar, ich habe immer alles falsch verstanden! Ab heute sehe ich das völlig anders.“
jeder verteidigt mit Zähnen und Klauen seine liebgewonnene Sicht auf die Welt.
Diese Mauer aus bewährten Prinzipien und eingerostetem Denkapparat kann nur durchbrochen werden, wenn ein neuer Gedanke lange und hart daran hämmert.
Es gibt zunächst eine Phase der Empörung und maximalen Widerstands:
„was erzählt der Depp da?!?!“
Dann bricht die Diskussion häufig ab und es gibt keine neue Erkenntnis für die Beteiligten.
Wenn die Diskussion aber trotz des Streits weitergeführt wird, kostet das zwar viel Energie, aber es bietet die Chance auf einen gedanklichen Durchbruch oder wenigstens gegenseitiges Verstehen.
Irgendwann merkt man, dass sich die Diskussion im Kreis dreht und sich alle wiederholen.
Außerdem verrennen sich die Beteiligten dann in völlig nutzlose Detaildiskussionen (zB über den Sinn einzelner Begriffe) oder halten sich gegenseitig vor, wer wann was gesagt hat und wie er das gemeint hat.
Die Beteiligten sind erschöpft und genervt, auch von sich selber.
Dann kommt mit etwas Glück die Erkenntnis, dass das so nix bringt, und man fragt sich, ob es nicht auch anders geht, und ob die andere Seite wirklich der „Feind“ ist, für den man sie gehalten hat.
Dann erst haben die Beteiligten die Möglichkeit und die Bereitschaft, aus ihrem bisherigen Denkmustern rauszutreten und ernsthaft zu überlegen, ob der „Feind“ nicht vielleicht zum Teil auch recht hat.
Wenn das mit etwas Glück auf beiden Seiten gleichzeitig passiert, besteht sogar die Möglichkeit, dass beide was gelernt haben und Frieden schließen.
Habt Ihr das noch nie erlebt?
Diesen Effekt, die Überwindung der eigenen Denkmuster, gibt es nur selten ohne harte Auseinandersetzung und Streit.
Und deswegen sind zivilisierte Diskussionen sehr häufig langweilig und nutzlos.
Wer ernsthaft diskutieren und neue Erkenntnisse gewinnen möchte, muss riskieren, angegriffen und beleidigt zu werden, und sich zu streiten.
Wenn etwas als Beleidigung empfunden wird, hat es einen wunden Punkt getroffen.
Über den lohnt es nachzudenken.
per aspera ad astra, sozusagen.