Warum wir mit zweierlei Maß messen - Was können wir aus einer Studie zu neurobiologischen Ursachen von Doppelmoral lernen?

Ich bin heute auf folgenden Artikel gestoßen.

Das ist ein Thema, dass mich seit langem schon umtreibt.

Sehr interessant fand ich zwei Aspekte:

  1. Es liegt nicht am fehlenden Wissen (zumindest nicht allein). Natürlich muss das Wissen um Zusammenhänge weiterhin geschult werden, um überhaupt die Information vorliegen zu haben, um eine Entscheidung überhaupt treffen zu können. Aber offensichtlich hängt de Entscheidungsfindungsprozess nicht allein an dem Wissen um die Fakten (soviel zu “rein faktenbasierten” Entscheidungen :thinking: , sondern eben auch daran, wie die Verschaltungen zwischen bestimmten Hirnregionen verschaltet sind

  2. die Verschaltungen im Gehirn sind ein dynamischer Prozess - das bedeutet, dass wir sie ändern können. Was also ist zu tun (für uns als einzelne aber auch für uns als umgebende Gesellschaft), um die Änderungen zu begünstigen, die ein Messen mit zweierlei Maß zumindest unwahrscheinlicher zu machen?

Ich befürchte, das ein Fundament bereits in der Kindheit dafür gelegt wird. Ich sehe das gerade an meinem 1jährigen Enkel, wie er die Unterschiede erkennt, dass ich den Kühlschrank aufmachen kann/darf und er nicht. Er sieht das als schreiende Ungerechtigkeit, als “Messen mit zweierlei Maß”. Ich habe bei der Erziehung meiner Kinder die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, bestehende Unterschiede gut zu begründen, damit der (berechtigte) Unterschied so verständlich ist, dass es nicht als Messen mit zweierlei Maß rüberkommt, und eine einem kindlichen Chema mündet, das eine solche Struktur begünstigt.

Wie sieht das nun im Politischen Umfeld aus. einer der Dinge, die an der Glaubhaftigkeit der der Politik zunehmend Zweifel aufkommen lassen ist, dass Politiker sich selbst (und auch die ihnen nahe stehenden Lobbyisten) anders behandeln, als den Rest der Bevölkerung. Wo dieser Vorwurf begründet ist, sollte man den entsprechenden Politiker natürlich aus dem Verkehr ziehen. Wo das nicht so eindeutig ist, müssen unsere politisch Handelnden (bis runter zu uns Fußvolk, das an Infoständen ihr Unwesen treiben, in einen echten Dialog treten, der diese Unterscheide (so sie bestehen) entsprechende Begründet, dass ist z.T. sehr mühsam - aber wenn das verlinkte stimmt, dann wird kein Weg daran vorbei gehen.

Das ist also ein Paradigmenwechsel vom “Die da oben werden schon wissen, was sie tun” hin zu “die da oben müssen sich - zu recht - für das was sie tun auch rechtfertigen”.

Und: wir müsse mehr darauf achten, durch unsere Regelungen einen Mechanismus zu etablieren, der effektiver als bisher Fehlverhalten - vor allem von Mandatsträgern, aber auch in unseren Bildungseinrichtungen - negativ zu sanktionieren.

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Warum darf er den Kühlschrank nicht aufmachen? (Ich sehe immer noch innerlich lachend das Bild vor mir, wie mein 1,5-jähriges Kind in der Küche mit Forscherblick auf dem Fußboden saß, als es eine Packung rohe Eier aus dem Kühlschrank geholt und diese einzeln auf dem Boden zerschlagen hatte)

Zu den Politikern: es gibt nun mal viele Leute, die den Weg in die Politik suchen, um sich und ihren Freunden einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Auch bei den Grünen. Und die haben keine „Doppelmoral“ , sondern gar keine Moral.

Gab es diese Zweifel früher nicht? Waren die Politiker früher glaubhafter?

Da lugt es wieder hervor, dieses „früher war alles besser“-Klischee.

Nach Ansicht von Zhang und seinem Team zeigen ihre Ergebnisse, dass das Messen mit zweierlei Maß eine neuronale Basis hat.

Das ist jetzt nicht wirklich überraschend. Hat nicht alles, auch unsere Moralvorstellungen, eine neuronale Basis?

Natürlich waren die Politiker früher nicht ehrlicher - man denke nur an FJS - die Wähler haben nur an der Urne kein christliches Glaubensbekenntnis mehr.

Auch das ist richtig. Wichtiger ist eher, dass es nicht unabänderbar ist. Jeder, der das tut, tut das nicht, weil er nicht anders kann. Sondern weil er entweder noch nie drüber nachgedacht hat - oder noch nichts unternommen hat, daran etwas zu ändern…

Naja, alleine kriegt er den Kühlschrank sowieso noch nicht auf - nur das unten liegenden Gefrierfach. Zusammen darf er natürlich schon auch mal im Kühlschrank mitwerkeln. Llerxings nur unter “strenger” Beobachtung. Ich bin nur kein Fan von zerbrochenen, zerlaufenden rohen Eiern auf unserem Parkett (Wohnküche). Auch nicht von auslaufenden Milchflaschen, die den Parkett fluten - er ist zwar versigelt - das ist aber schon 15 Jahre her.

Wenn er schon meine Sprache sprechen könnte, dann könnte ich ihm also auch schon eine gute Begründung für den Unterschied nennen, den wir an dieser Stelle machen. Das geht derzeit leider noch nicht. Zur Zeit ist laufen lernen angesagt - nicht klar verständliches Hochdeutsch :rofl:

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Auch wenn es off topic ist- mein Hinweis als Pädagogin: Er kann zwar noch nicht hochdeutsch sprechen, aber durchaus schon verstehen. Der passive Spracherwerb (Verstehen) ist bei Kleinkindern dem aktiven Spracherwerb (Sprechen) meist weit voraus. Also erkläre es ihm ruhig, auch wenn er nur „gagaga“ antwortet.

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Das bleibt bei Schwaben über das Babyalter hinaus erhalten. Sorry für den abgestandenen Witz.

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Schon klar - die nonverbale Kommunikation funktioniert wunderbar!

Das funktioniert bei charismatikern unter den Politikern und dem Wahlvolk auch (vgl. der Kniefall Willy Brandts im Gedenken an die Opfer des Warschauer Ghettos :slight_smile:

Das reicht nur nicht für deine differenzierte Auseinandersetzung auf der Sachebene.

Er versteht auch verbal schon viel mehr, als du glaubst.
Es ist wie beim Erlernen einer Fremdsprache. Da verstehen wir meist auch mehr von dem was wir hören oder lesen, als dass wir die Sprache aktiv sprechen können. Er kann nicht mit dir diskutieren, aber er hört dir aufmerksam zu.