Nach meinem Eindruck hat ganz Deutschland während der letzten 50 Jahre in dem Bewusstsein gelebt, dass die geschichtliche Entwicklung der Menschheit darauf gerichtet ist, früher oder später einen Zustand weitgehender Gerechtigkeit und ausreichenden Wohlstands für alle zu erreichen.
Die Entwicklung in D und der EU seit den 50er Jahren war eine Abfolge von Fortschritten und Erfolgen.
Die Nazis waren langsam aussortiert, die Zwänge und den Muff der 50er und 60er Jahre hatten wir beseitigt, der Umweltschutz sorgte für den blauen Himmel über Rhein und Ruhr, die Gesetze und die Gesellschaft wurden liberaler, wirtschaftlich ging es bergauf, Internationalität und Völkerverständigung schienen zur Normalität zu werden.
Und Anfang der 90er Jahre starb der Kommunismus auch noch ohne Feindeinwirkung.
Menschenrechte, Kinderrechte, Minderheitenrechte, Frauenrechte erhielten mehr Gewicht.
Die Geschichte hatte eine klare Richtung, alles wurde besser, das Grundprinzip war Fortschritt, ohne Ende.
Wer diese Entwicklungen immer weiter dachte und entsprechend mehr vom Guten forderte, lag immer richtig. Er war seiner Zeit nur etwas voraus, aber er würde über kurz oder lang Recht bekommen. Mehr Rechte für jede Minderheit, mehr soziale Absicherung, mehr Liberalität, mehr Freiheit für jeden Einzelnen, mehr Aufklärung usw usw.
Jetzt stellen wir plötzlich fest, dass das ein Irrtum war.
Die Geschichte der Menschheit scheint die Richtung gewechselt zu haben.
Es geht stramm rückwärts.
Kein erreichter Fortschritt ist mehr sicher.
Freiheit, soziale Absicherung, Menschenrechte, Frauenrechte, Frieden und Völkerverständigung, Umweltschutz, Liberalität, Gerechtigkeit auf allen Ebenen - alles bröckelt, alles ist gefährdet.
Wer heute noch wie selbstverständlich davon ausgeht, dass die Welt immer besser und gerechter wird, der denkt nicht mehr fortschrittlich, weil es diesen Fortschritt nicht (mehr) gibt.
Er denkt in die falsche Richtung und zeigt, dass er einer liebgewonnen Illusion erliegt.
Früher war dieses Denken, das bei Linken und Grünen verbreitet ist, progressiv.
Heute wirkt es zunehmend realitätsfern und leicht ignorant.
Die Annahme, die Welt müsse doch endlich sozial und gerecht werden, kann ich angesichts des bekannten Zustands der Welt nicht nachvollziehen.
Wo sind die politischen Kräfte, die diese Gerechtigkeit herbeiführen werden?
Wenn ich die Klage höre, irgendwas sei ungerecht, erzeugt das mittlerweile einen regelrechten Widerwillen in mir. Als ob das unser Problem wäre …
Viel schlimmer ist, dass bei uns nichts mehr funktioniert und alle Errungenschaften der letzten 30-40 Jahre auf dem Spiel stehen.
Wenn wir ein funktionierendes, zukunftsfestes Sozial- und Einwanderungssystem hätten, das aber an einigen Stellen ungerecht ist, wäre ich froh.
Was wir haben, ist ein nicht funktionierendes System, das obendrein auch noch ungerecht ist (bzw. bei dem sich die Frrage nach der Gerechtigkeit eigentlich gar nicht mehr stellt).
Wer meint, die fehlender Gerechtigkeit sei das Problem, denkt noch immer in die falsche Richtung.
Mal so als These ![]()