Was ist Angst? Braucht es sie?

Ich will hier einfach mal ein Zitat von Marie Curie in den Raum werfen:

"Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.“

  • Gibt es eigentlich irgend etwas, wovor wir ernsthaft und wirklich Angst zu haben brauchen?

  • Kann Aktionismus (bzw. Aktivismus), den die Angst gebiert, wirklich zum gewünschten Erfolg führen bzw. wahrhaft Gutes bewirken?

Angst ist ja auch ein Schutz.

Marie Curie (ich habe ihre Biografie vor einigen Jahren gelesen) war eine beeindruckende Frau, aber wenn sie mehr Angst vor Radioaktivität gehabt hätte, wäre es für ihre Gesundheit besser gewesen.

Vielleicht hatte sie ja einfach keine Angst davor zu leiden oder zu sterben?

Vermutlich ist das so, aber wenn das Leiden dann da ist, bereut man vielleicht, keine Angst gehabt zu haben?

Angst ist eines der Grundgefühle, sie ist in allen Arten zum Überleben notwendig.
Reize werden in der Amygdala so verarbeitet, dass sie emotionale Valenz bekommen. Für Angst ist sie zentral. Sie schickt Signale in den Körper, die die Flucht-Kampf-Freeze-Reaktion auslösen: Herzschlag, Blutdruck, Schweiß usw.
Auch das Frontalhirn kann indirekt topdown über Vorstellungsbilder, also über die reizverarbeitenden Felder, eine Angstreaktion auslösen.
Es gibt Menschen, bei denen die Amygdala oder das Frontalhirn geschädigt sind, und in Tierversuchen kann man ebenfalls beobachten, was dabei geschieht: Das Überleben ist immer gefährdet. Menschen begeben sich in Situationen, die für sie gefährlich sind, treffen schlechte persönliche Entscheidungen, haben viele Verletzungen und meist leben sie auch kürzer.
Bei Angsterkrankungen ist die Amygdala ebenfalls zentral beteiligt, in diesem Fall in bestimmten Situationen überaktiv.

Der kurze Weg von der primären Reizverarbeitung, bei der schon wenige Aspekte eines Reizes diese Reaktion auslösen (wie „pelzig und scharfe Zähne“ oder lang und dünn und bewegt sich am Boden"), wird ergänzt von einem langsamen Weg über den Neokortex, auf dem die Reize gründlich analysiert werden (aha, Nachbars Waldi oder ein Stock auf dem Boden) und auf dem ebenfalls eine Bewertung anhand von Erfahrung stattfindet. Dieser Weg führt dann ebenfalls zur Amygdala, aber mit hemmenden Neuronen.

Das sind so grundlegende Vorgänge, dass sie immer gebraucht werden.
Weiter gibt es in der Gehirnforschung die Hypothese der somatischen Marker, für die inzwischen einiges spricht. Sie besagt, dass es immer für vernünftige Entscheidungen und sogar das Denken an sich den Input aus dem Emotionssystem samt der körperlichen Reaktionen und ihrer Rückmeldung ins Gehirn notwendig braucht.

Fazit der Psychologie und Neurowissenschaft: Ja, man braucht die Angst.
Aber man braucht auch die Regulation/Modulation über die „verstehenden“ Funktionen des Gehirns.

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Ich habe mal gelernt, dass die Fähigkeit zur Angst angeboren ist, bei den einen mehr, bei den anderen weniger.

Wovor man dann aber Angst hat (ob z.B. vor Gespenstern, Radioaktivität oder Krieg) ist erlernt durch Erfahrungen, Bildung und dem, wovor uns unsere Eltern schon immer gewarnt haben.

Ja, vieles ist gelernt, gerade bei Menschen. Es gibt aber eine Preparedness, also eine biologische Grundlage, dass Angstreaktionen auf bestimmte Stimuli leichter und automatisch gelernt werden. Das sind etwa die Beispiele oben, oder auch basale Muster in wütenden Gesichtern. Angst vor Schmetterlingen ist schwer konditionierbar, vor Hunden sehr einfach.
Das Beispiel der Eltern wirkt auch mehr als das, was sie sagen: Lernen durch Beobachtung spielt bei Angst eine besonders große Rolle.
Wenn Vorstellungsbilder von Bedrohungen, auch abstrakten, an vorgebahnte Reaktionen andocken können, sind sie mächtiger und lösen heftigere Gefühle aus. Das bedeutet zB, dass eine bildhafte Sprache, die solche urtümliche Ängste bedient, mehr Angst und damit Handlungsmotivation auslösen kann als abstrakte.

Aber auch das geht:

Zumindest alles, was wir noch nicht verstanden haben, laut Curie. Davon gibt es eine ganze Menge. Putin z.B.

Hätte Curie die Strahlung und ihre biochemischen Effekte von Anfang an besser verstanden, hätte sie vermutlich länger gelebt.

Putin will man ja auch nicht verstehen, „Putin-Versteher“ ist ja ein Schimpfwort. Schade eigentlich.

Was hat das Thema Angst mit Putin zu tun? Eigentlich gar nix. Putin ist einfach nur ein mieser Machtmensch der über Leichen geht, egal wie hoch der Leichenberg wird…

Höchstens insofern dass unseren Poltiiker sich zu leicht von dessen Drohungen beeindrucken lassen. Das ist für mich aber eher ein Zeichen von Unfähtigkeit unserer Politiker.

Woher weißt du das?

Schau dir doch an wie verrückt er den Ukraine Krieg begründet, er will die Russische Bevölkerung vergrößern indem er erstens viele Sodaten verheizt und zweitens die Urkaine komplett vernichten will, also die Ukrainer die er zu Russen machen will, ausrottet…

Klingelt da was oder hast du es nich nicht verstanden warum Putin ein böser Machtmensch ist: Viele seiner Kritiker hat er bekanntermaßen auch ermorden lassen.

Entweder meistens mit Nowitschock, (Nervenkampfstoff) manchmal auch mit Polonium oder die nicht getöteten Leute in Gulags gesperrt.

Eine ganze Menge. Ich gehe davon aus, dass viele Russen Angst vor ihm haben und deshalb nicht gegen ihn zur Wahl antreten.

Nicht nur Russen. Auch ich.

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Da kann ich nur zustimmen … leider klappt es aber bei vielen Menschen offensichtlich nicht so recht mit den ‚verstehenden‘ Funktionen in deren Gehirnen.
Woher kommt sonst die weit verbreitete Unfähigkeit zur angemessener Risiko-Wahrnehmung und Bewertung? Die Masse der Leute fürchtet sich vor Dingen, die sie nicht umbringen (z.B. gentechnisch veränderte Lebensmittel), verlangen den Ausschluss aller denkbaren Risiken bei neuen Technologien oder Produkte (Vorsorgeprinzip, Null-Risiko), haben aber keine Hemmungen bei Alkohol oder Autobahnraserei.
Das alles geht einher mit einer flächendenkenden Unfähigkeit mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen…Zahlenblindheit und Mangel an statistischem Wissen.
Leider kann damit auch hemmungslos Angstmacher-Politik (‚fear mongering‘) betrieben werden… und wenn man das nur frech genug betreibt, ist es hier bei der verbreiteten ‚German Angst‘ offenbar leicht politische Resonanz zu erzeugen.
Darf ich noch daran erinnern, wie verheerend die öffentliche Kommunikation zu CoViD-Zeiten im Zusammenhang mit der Aussagekraft von AG- oder PCR-Tests waren… jeder Schwurbler, der keine Ahnung hatte (oder es vermied, sie zu nutzen), was es mit Spezifität, Sensitivität und falsch-positiv / falsch-negativen Resultaten bei Tests auf sich hat, könnte kräftig zur Vergiftung de Diskussion beitragen… das ungebildete Publikum ist dem leider zu oft auf den Leim gekrochen.
Ein Armutszeugnis für vermeintlich aufgeklärte Gesellschaften, wenn Angst vor Verstand geht.

Ich würde sagen, unser evolutionär entwickelter, intuitiver (ich bin mir nicht sicher, ob das das richtige Wort ist) Bewertungsapparat ist noch nicht in der Neuzeit mit ihren spezifischen Gefahren angekommen.

Da muss man aber konzedieren, dass für Leute, die schon an der Prozentrechnung scheitern, das Konzept der bedingten Wahrscheinlichkeiten und der Satz von Bayes alles andere als verständlich sind.

Die Frage, die ich mir stelle, ist, warum in den letzten ca. 10 Jahren die Bauernfänger und Schwurbler so erfolgreich sind. Sind es die neuen Medien?

das ist vielleicht erst die zweite Frage.
Meine erste Frage wäre „haben wir Angst oder nicht?“
Und die Antwort ist natürlich Ja, wir haben Angst, vor irgendwas haben wir immer Angst.
Ob sie berechtigt ist, ist dann die zweite Frage, aber sie ist fast schon müßig, weil die Angst unausrottbar ist.
Warum?
Meine Theorie ist, dass hinter jeder „kleinen“ Angst letztlich immer die große Angst vorm Sterben steht.
Das erklärt auch den Sinn und die Funktion der Angst: sie sichert das Überleben, und damit dient sie dem angeborenen evolutionären Imperativ, dass wir als Individuum und als Spezies überleben sollen.
Gefährliche Tiere, der Verlust irgendwelcher Vorräte und Besitztümer, der Verlust unserer Kinder, jede Unterlegenheit gegenüber einem Konkurrenten - das alles verringert unsere Überlebenschancen und löst damit Angst aus. Also kämpfen wir dagegen bzw vermeiden das alles, zT bis hin zum Irrationalen (zB dem Schaukampf mit dem Nachbarn, wer das teurere Auto hat :slight_smile: ).

Weil Angst so eine wichtige Funktion hat, ist sie nicht vermeidbar oder ausrottbar.
Auf religiöser oder philosophoischer Ebene wird versucht, die Angst zu mildern oder zu vermeiden, aber der Erfolg scheint mir mäßig zu sein.
Die Katholiken vertrauen darauf, dass Gott alles schon irgendwie richtig machen wird, daher sollten wir keine Angst haben. Nun ja …
Die Buddhisten und Daoisten gehen m.E. geschickter und sinnvoller vor, wenn sie zB sagen, dass man eh nicht weiß, was langfristig gut oder schlecht ist, so dass man gar nicht wissen kann, wovor man Angst haben muss.
Die Angst wird weniger, je weniger man die Dinge als gut oder schlecht bewertet, sondern sie einfach zur Kenntnis nimmt. So jedenfalls mein Verständnis von Buddhismus und Daoismus, bin aber kein wirklicher Experte.
Jenseits der grundlegenden Probleme des Überlebens ist das kein schlechter Ansatz, finde ich.
Ich glaube aber nicht, dass das eine erfolgreiche Herangehensweise für mehr als ein paar Prozent der Menschheit ist.

Wir sollten auch keine Angst vor der Angst haben.
Und keine Angst vor der Angst vor der Angst.
:innocent:

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Die Angst ließe sich theoretsch durchaus ausrotten. Nur, wie sinnvoll das Ist steht auf einem anderen Blatt.

Es gibt die Möglichkeit bei bestimmten Angserkrankungen, die durch bestimmte Fehlfunktionen der Amydala ausgelöst werden, bestimmte Teile der Amydala und bestimmtes dazugehörige Gewebe zu entfernen… dann kann man keine Angst mehr haben…

Der Eingriff wird aber nur sehr selten gemacht weil er als Gefährlich gilt.

Weil das Risiko der Beschädigung des Kurzzeitgedächtnisses besteht. und auch die Mentale Arbeitsausdauer abnehmen kann.

Jetzt könnte ich wieder seitenlang Passagen aus Ditfuths Apfelbäumchen zitieren, der sich damit sehr intensiv bei der Bewertung der - wie er es nennt - „Apokalyptischen Reiter“ (Klimawandel und Atomkrieg) mit der Angst beschäftigt - auch er kommt - wie von @Dagmar weiter oben gut beschrieben - zu dem Schluss, dass Angst etwas überlebenswichtiges ist (Zit. „Wenn wir aufhören, uns vor der Berührung mit der heißen Herdplatte und dem Resultat „schwere Verbrennung“ zu fürchten, haben wir sehr schnell ein ganz großes Problem“) - nicht zuletzt deswegen gibt es das Märchen von „einem, der auszog, das fürchten zu lernen“
Hier ist es natürlich wichtig, festzustellen, welche Ängste berechtigt aktuell sind, und welche nicht (vgl. auch Kahnemann „schnelles Denken, langsames Denken“)
Das ist (nebenbei bemerkt) - insbesondere wenn es um archaische Ängste geht - nicht trivial, diese als evtl. nicht zeitgemäß zu entlarven.

Das zweite Problem ist dann noch der Umgang mit der Angst - selbst wenn diese berechtigt ist …
Wenn die Angst uns im besten Falle also eine realistische Gefahr erkennen lässt, dann ist man trotz allem (wenn es nicht ganz unmittelbar Konsequenzen hat und es um eine schnelle Entscheidung geht) gut beraten, eine bewusste Entscheidung für oder gegen die Gefahr zu treffen - unter Berücksichtigung der oben genannten stochastischen Überlegung - aber auch und vor allem, weil die Wichtigkeit der selbstgesteckten Ziele vielleicht auch höheres Risiko rechtfertigt …
Bei „Fehlalarm“ - so was kommt durchaus vor :wink: - glaube ich aufgrund eigener „leidvoller“ Erfahrung nicht, dass es einfach damit getan ist, die Angst „intellektuell wegzudeklinieren“ - auch hier gilt es, sich dieser Angst zu stellen, und sie zu akzeptieren, ohne sich vereinnahmen zu lassen - so fürchte ich mich bis heute vor den jährlichen Nachsorgeterminen für meine Krebserkrankung - auch wenn das inzwischen 20 Jahre her ist, und das Risiko mittlerweile rel. gering ist - zu dramatisch(/traumatisch?!) war das damalige Erlebnis.
Trotz dieser Angst gehe ich natürlich hin (ohne sie wegzudefinieren), weil ich mich davon nicht dominieren lasse!

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