Wo ja aktuell der Hype um Large Language Modelle läuft und allgemein viel Fortschritt bei KI gemacht wird: Was ist eigentlich dieses Bewusstsein, von dem wir immer als einer einzig menschlichen Eigenschaft sprechen?
Ich habe da eine persönliche Theorie und die geht wie folgt: Es war evolutionär ein großer Vorteil, wenn man ein Gehirn hatte, welches nicht nur Muster erkennen, sondern die Handlungen von anderen Lebewesen vorhersagen konnte. Modelle von anderen Lebewesen: Döst dieser Löwe oder greift er gleich an? Ist dieser andere Affe mir wohlgesonnen oder nicht? Was macht der wohl wenn ich dies mache? oder das?
Solche Modelle des Verhaltens anderer Lebewesen waren evolutionär sicher ein Vorteil und entwickelten sich auf diese Weise auch immer weiter. Von Vorhersage des Verhaltens von Raubtieren, die mir gefährlich werden könnten zur Vorhersage des individuellen Verhaltens verschiedener Artgenossen in meiner Gruppe z.B. bei Affen.
Nun, wenn diese Gehirnareal, welches die Individuen meiner Gruppe unterscheiden und deren Verhalten in Bezug auf mein Verhalten vorhersagen kann, einmal existiert, warum sollte dort dann nicht auch ein Modell meines eigenen Verhaltens entstehen?
Es gibt Belege dafür, dass unser Handeln schneller ist als unser Bewusstsein. Das Bewegungen anfangen, bevor der bewusste Gedanke dazu fertig ist. Also könnte man Bewusstsein als eine Zusatzfunktion eines Gehirnareals sehen, welches eigentlich für die Interaktion mit anderen Lebewesen gedacht war.
Wir sind uns unserer selbst bewusst, bedeutet dann nur, wir haben ein Modell in unserem Kopf, welches unsere eigenen Handlungen interpretiert und versucht vorauszusagen. Und weil das so schnell geht, entsteht der Eindruck, dieses Modell wäre die Steuerung des ganzen.
Manches Handeln ja. Wenn ich mit der Hand einen heißen Gegenstand berühre, zuckt die zurück, bevor es in meinem Bewusstsein angekommen ist.
Das ist letztendlich die nach wie vor ungelöste Frage nach dem freien Willen. Häufig wird als Gegenbeleg das Libet-Experiment zitiert, es ist aber nach meiner mancher Experten untauglich, weil die Ergebnisse nicht eindeutig sind und es darin nur um eine äußerst triviale Handlung ging. Es sagt nicht darüber, aus wie wir komplexere Entscheidungen, als das Bewegen eines Fingers entscheiden.
Hier ein guter Überblick:
Ich habe da natürlich auch keine definitive Antwort. Es mangelt schon an objektivierbaren Kriterien, ob ein Wesen (oder in Zukunft vielleicht ein Computer) Bewusstsein besitzt. Genau genommen ist Bewusstsein nur ein persönliches, sehr subjektives Gefühl, wie @WitzelJo schreibt:
Das fängt ja schon bei Raben an. Ein Freund erzählt gerne, daß man Raben beim Verstecken von Futter beobachtet hat. Hat er dabei einen anderen Raben bemerkt, fliegt er weg um eine Weile später wieder zu kommen um das Futter in ein anderes Versteck zu bringen.
Das ist schon eine Menge Modell und Planung in einem kleinen Vogelkopf (Falls das stimmt). Hat der Rabe dann schon Bewusstsein?
Solange es an einer universell akkzeptierten Definition des Begriffs „Bewusstsein“ mangelt, ist diese Diskussion müßig.
Wen es interessiert findet im Internet tonnenweise Diskussionen dazu, teilweise auf sehr hohem Niveau, das wir hier schwerlich erreichen würden. Ein ganz guter Anfang ist wiedermal hier
Rabenvögel haben eine “theory of mind”: sie können sich in andere Lebewesen hineinversetzen und deren Perspektive übernehmen. Sogar die von Menschen.
Selbstbewusstsein, das Bewusstsein seiner selbst, prüft man in einem Experiment, bei dem man einen Fleck auf die Stirn macht, ohne dass das Versuchstier es merkt, und einen Spiegel hinhält. Wenn das Tier an sich selbst sucht, nimmt man an, dass es weiß, dass es sich selbst sieht. Der Test wurde für verschiedene Spezies angepasst. Rabenvögel schaffen den Test.
Bewusstsein hat sich als komplexes Konstrukt herausgestellt, mit verschiedenen Ebenen, die zusammenwirken und aufeinander aufbauen.
Es ist sicher nicht sehr schwer, einem Roboter beuzubringen, sich im Spiegel zu erkennen. Hat er deswegen schon Bewusstsein?
Fakten zu erkennen, also sich eines Fakts bewusst sein, heißt noch lange nicht, über sich selber reflektieren zu können.
Ich habe den Verdacht, dass Bewusstein weniger eine von außen objektiv feststellbare Tatsache ist, also vielmehr ein Gefühl, dass durch die Prozesse in unserem Gehirn entsteht, durch die Beschäftigung unseres Verstandes mit uns selber.
Das Bewusstsein im Frontalkortex zu suchen, ist nach Solms ein Trugschluss. Bei ihm beginnt das Bewusstsein mit basalen Bedürfnissen und ihrer Bewertung, daraus abgeleiteten Affekten und Intentionen, die in Handlungen münden. Solms zählt auch die nicht bewusst arbeitenden Teile des Gehirns zum Bewusstsein. Unwillkürliche wie willkürliche Aktionen des zentralen Nervensystems, bewusste und nicht bewusste Kognitionen, gefühlte und unbewusste Bedürfnisse sowie autonome Triebe und Reflexe gehören dieser Bewusstseinsdefinition an. Bewusstsein hat, so Solms, seine tatsächliche Quelle in der unbewussten, instinktiven Tätigkeit tiefer Hirnschichten von Säugetieren einschließlich des Menschen, deren grundsätzlichste Motive das Überleben, die Vermehrung und die Aufrechterhaltung eines inneren Gleichgewichts (Homöostase) sind. „Bewusstsein geht – in seiner Gesamtheit – aus dem Hirnstamm hervor“ (S. 207). An diesem Ort entstehen nichtbewusste Emotionen, die in aufsteigender Linie zu immer komplexeren und der Kognition zugänglichen körperlichen Zuständen und Handlungen führen. „Der Kortex wird nur insofern bewusst, als er vom Hirnstamm aktiviert wird“ (S. 120).
Das Spiegelexperiment hat man benutzt, um Menschen mit Tieren vergleichen zu können, in ihrer spontanen Reaktion. Für Roboter ist es nicht gemacht. Auch nicht als Lernexperiment. Eine entsprechende Reaktion könnte man bei vielen Spezies konditionieren, aber das widerspricht dem Sinn des Ganzen.
Nach dem aktuellen Stand der Neurobiologie brauchen Lebewesen die Rückmeldung aus ihrem Körper, um Bewusstsein aufzubauen. Wie in deinem Zitat beschrieben. Wie ich geschrieben habe, es sind verschiedene Arten des Bewusstseins, bei Damasio Protoselbst und Kernselbst. Dann noch das reflektierende Selbst.
Aber ich hatte eigentlich nicht mitdiskutieren wollen, nur einen Impuls geben. Sorry
Nein, das meine ich nicht. Aber das Libet-Experiment, welches du verlinkt hast, trifft es schon sehr gut: Unser Gehirn trifft die Entscheidung unabhängig von den Prozessen, die wir Bewusstsein nennen. D.h. unser Modell von uns selbst, das, was wir mit freiem Willen assoziieren, läuft unabhängig von den eigentlichen Entscheidungen, die in anderen Teilen des Gehirns getroffen werden.
Übrigens widerspricht das Libet-Experiment meiner Ansicht nach nicht dem freien Willen. Denn unser Gehirn entscheidet ja zwischen Alternativen.Aber dieser Wille hat halt nichts mit dem zu tun, was wir Bewusstsein nennen.
Nein, er hat nur Modelle vom Verhalten anderer Raben im Gehirn. Erst wenn er auch ein Modell seines eigenen Verhaltens entwickeln würde, hätte er nach meiner Theorie ein Bewusstsein. Nur was würde das dem Raben nützen?
Und sich selbst im Spiegel erkennen reicht mir nicht als Nachweis von Bewusstsein. Bewusstsein ist für mich, wie ich schon ausgeführt habe, ein inneres Modell meiner Selbst, welches versucht meine Handlungen vorherzusagen und zu begründen. Also eines von vielen Modellen, die unser komplexes Gehirn über unsere Umwelt erstellt, um diese Umwelt „vorherzusagen“.
Die kannst nicht von der Entscheidung, in einer Laborumgebung eine Hand zu heben auf die Entscheidung, z.B. zur Berufswahl schließen. Bei letztere sind ganz sicher Prozesse, die wir Bewusstsein nennen, beteiligt.
Ich weiß auch nicht, ob es einen freien Willen gibt, aber ich dachte zum Wesenskern des freien Willens gehört eine bewusste Entscheidung. Was soll ein freier Wille ohne diese sein?