Was ist Wahrheit?

Du erwägst ernsthaft die Wahrheit durch den Staat definieren zu lassen? Einen kleinen Teil der Problematik dieser Idee erwähnst Du ja selber.

1 „Gefällt mir“

Gerne auch eine NGO. Oder was schlägst Du vor, um eine verlässliche Quelle zu konstruieren?
Die sog. seriösen Medien sind da bei mir unten durch.

Es gibt keine Quelle. Wahrheit entsteht immer wieder aufs Neue durch wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs.

Alles andere ist notwendigerweise Zensur.

Hatten wir auch schon. Nennt sich Kirche.

3 „Gefällt mir“

Das ist die philosophische Wahrheit, die es niemals geben kann.

Mir würde - für diesen Zweck - bereits eine Wahrheit ‚nach bestem Wissen und Gewissen‘ genügen.

… oder Wikipedia. Gefällt mir besser als Kirche.

Besser nicht… oder soll das Orwell’sche ‚Ministry of Truth‘ reaktiviert werden :woozy_face:

2 „Gefällt mir“

Das stimmt nicht: politischer oder gesellschaftlicher Diskurs kann keine „Wahrheit“ erzeugen.
Wahrheit bezeichnet etwas das unabhängig von irgend einem Diskurs besteht. Ein wissenschaftlicher Diskurs kann deshalb auch keine Wahrheit erzeugen. Er kann diese nur finden.

Das stimmt nicht.

Vorlesung „Bullshit-Resistenz“ (2023, UDK Berlin) 3. „Wahrheit“

Ab Minute 40 werden die verschiedenen Wahrheitsbegriffe erklärt.
Aktuell meine Lieblingsquelle: :slight_smile:

1 „Gefällt mir“

Das geht jetzt sehr stark in Richtung Epistemologie. Die Vorstellung, dass es eine Wahrheit unabhängig von menschlicher Erkenntnis gibt, wird nicht von jedem geteilt.

Wenn eine Wahrheit gefunden werden könnte, wäre sie dann nicht für alle Zeiten gültig? Das steht aber im krassen Widerspruch zum wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff.

Denkst Du Newton hat seine Klassische Mechanik gefunden, oder hat er sie nicht vielmehr konstruiert? Genau wie Einstein später seine Relativitätstheorien konstruiert hat? Alle wissenschaftlichen Theorien sind natürlich menschliche Konstrukte, die lediglich unsere Wahrnehmung der Realität möglichst exakt zu beschreiben versuchen. Es gibt im strengen Sinn keine absoluten Wahrheiten. Zumindest keine, die der Mensch erkennen könnte.

Das gilt in noch viel größerem Maß für die Gesellschaftswissenschaften.

Ja, das ist der Kern einer Wahrheit. Diese ist universell gültig.

Nein, Einfach Nein.
Der Erkenntnisstand der Wissenschaft verbessert sich im Laufe der Jahrhunderte. Das ist aber vollkommen unabhängig von wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff. Der tatsächliche Aufbau des Universums ist von unserem Erkenntnisstand unbeeinflusst. Auch die Bewohner des Andromeda-Nebels werden die gleichen Naturgesetze dieses Universums herausfinden wie wir.

Übrigens eine Fehlinterpretation des Wissenschaft, die weit verbreitet ist.

Genauso wenig, wie wir das Wesen eine Photons erkennen können, können wir den tatsächlichen Aufbau des Universums erkennen. Wir können nur unsere Beobachtungen eines Teils des Universums mit mathematischen Formeln versuchen zu beschreiben. Das mit dem tatsächlichen Aufbau gleichzusetzen, halten viele Wissenschaftler für falsch.

Das ist die Annahme der Isotropie und Homogenität des Universums. Erscheint plausibel, kann aber nicht nachgewiesen werden. Vor allem, wenn wir das nicht nur räumlich sondern auch zeitlich denken. Niemand hat eine Ahnung, welche Gesetze und Supersymmetrien während der ersten Femtosekunden nach dem Urknall galten. Keinesfalls, die heute bekannten.

Das hat aber nichts mit der philosophischen Frage nach Wahrheitserkenntnis zu tun. Außerdem verengen wir die Diskussion gerade auf die Naturwissenschaften. Was soll denn eine absolute Wahrheit in der Politik sein?

1 „Gefällt mir“

Woher wissen wir, ob es universell gültige Wahrheiten gibt? Eine reine Annahme. Wir wissen noch nicht einmal, was unser Universum ist. Ist es flach oder gebogen, unendlich oder unbegrenzt? Und gibt es noch andere? Und was war vor dem Urknall? Gibt es überhaupt ein „vor dem Urknall“?

Gibt es „unendlich“ oder ist das nur eine mathematische Hilfskonstruktion?

Ich könnte unendlich fortfahren, aber wir schweifen ab.

Eine persönliche Ergänzung sei mir noch erlaubt:
Als ‘gelernter’ Naturwissenschaftler in einem experimentellen Fach habe ich ein ‚Wahrheitskonzept‘, das vor allem auf ‚empirischer Wahrheit‘ beruht. Als „wahr“ oder „wahrheitsgemäß“ kann angesehen werden, was durch wiederholbare und überprüfbare empirische Beobachtungen und Experimente bestätigt werden kann.
So etwas wie die Suche nach ‚ewigen‘ oder ‚absoluten‘ Wahrheiten, wie sie in der Philosophie beliebt sein mag, ist dem empirischen nat.-wiss. Denken fremd.
(Nat.-)Wissenschaft ist ein Prozess, bei dem Erkenntnisse ständig überprüft und angepasst werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse können im Laufe der Zeit revidiert und weiterentwickelt werden, wenn neue Beweise oder Erkenntnisse auftauchen.
Theorien müssen immer die Option ihre Falsifizierbarkeit enthalten. Wenn eine Hypothese nicht falsifiziert werden kann, ist als nicht-wissenschaftlich anzusehen.

Gegenwärtig wird ja gerne alles als ‚sozial konstruiert‘ bezeichnet und postmoderne Philosophen kritisieren die Vorstellung einer objektiven Wahrheit und argumentieren stattdessen für eine relativistische, konstruktivistische oder kontextabhängige Sichtweise auf Wahrheit. Das können sie ja m.E. auch gerne tun - im Bereich der Ideologieproduktion vieler geisteswissenschaftlichen Fächer. Ich bin aber sehr dagegen, dass sich diese Strömung auch Deutungshoheit über die - durchaus erfolgreichen - Empirie-basierten Wissenschaften verschafft. (Judith Butler und ihre Ignoranz gegenüber der Biologie nur als Beispiel).

4 „Gefällt mir“

Diese philosophischen Strömungen sind nicht notwendig Gegensatz zur empirie-basierten Wissenschaft. Sie berücksichtigen aber die „Tatsache“, dass das Gehirn kein einfacher Spiegel einer wie immer gearteten Realität ist, sondern jede Erkenntnis aus komplexen neuronalen Vorgängen besteht. Wir sehen die Umwelt nicht einfach als Bild, sondern konstruieren sie aus den Mustern unserer Sehnerven in zwei Augen und aus dem bisher Gelernten, dass in unserem visuellen Zentrum „verdrahtet“ ist.

Was soll die ganze Diskussion über „Wahrheit“.

Ist doch am Ende völlig egal ob was wahr oder unwahr ist.
Am Ende ist wichtig was die Leute glauben und was daraus abgeleitet wird.

Wenn man den Leuten als „Wahrheit“ verkaufen kann, dass ab nächstes Jahr kein Regen mehr fällt wenn nicht alle nur noch max. 100km/h auf der Autobahn fahren, hätten wir womöglich sofort ein Tempolimit.
Und selbst das ist unsicher, weil eine „Wahrheit“ nicht unbedingt auch zu (richtigen) Maßnahmen führt.
Sehen wir ja jeden Tag bei vielen Menschen z. B. beim Rauchen, Drogen, etc.

1 „Gefällt mir“

Angesichts von Fake News und Verschwörungstheorien und dem Vorschlag eine staatliche oder sonstige Zensur einzuführen, ist das schon eine Diskussion wert.

1 „Gefällt mir“

Ein Beitrag wurde in ein existierendes Thema verschoben: Warum hat es nur so lange gedauert, bis wir etwas gegen den Klimawandel unternommen haben?

Diese Frage wurden und werden ist besonders unter Physikern und Neurobiologen intensiv diskutiert.

Zur Verdeutlichung meiner Position möchte ich Gerhard Roth, aus seinem Buch Über den Menschen zitieren (Seite 304/305):

Bei einigen (vielleicht sogar vielen) Tieren einschließlich des Menschen erzeugt dieses reale Gehirn eine Welt bewussten Erlebens, die ich »Wirklichkeit« (actuality) nenne.

aus der Annahme, dass unsere sinnliche Welt als Wirklichkeit ein Konstrukt unseres Gehirns ist (woran aus neurobiologischer Sicht kein Zweifel bestehen kann), folgt, dass auch alles, was Menschen einschließlich der Neurobiologen beobachten oder sich ausdenken, ein je individuelles Konstrukt ihres realen Gehirns ist.

Unsere Erkenntnis der Realität, die Wirklichkeit, ist als Konstrukt unseres Gehirns notwendigerweise durch seine neurobiologischen Fähigkeiten beschränkt. Das bringt mich zur Auffassung, dass unsere Wahrheiten, als Aussagen über die Realität Konstrukte unseres Gehirns sind.

Natürlich ist unser Denkapparat durch die Evolution so konditioniert, dass unsere Wirklichkeit mit der uns umgebenden Realität (Mesokosmos) sehr gut korrespondiert, sonst könnten wir nicht überleben. (Evolutionäre Erkenntnistheorie). Durch die Anwendung empirischer Wissenschaften, haben wir unsere Wirklichkeit immer besser mit der Realität in Übereinstimmung gebracht.

Wir stoßen aber an Grenzen, sobald wir diesen Mesokosmos verlassen, also in der Relativitätstheorie und noch mehr in der Quantentheorie. Wir können die sensorisch erfassten Ergebnisse der Experimente zwar in mathematische Modelle gießen, die Realität, die Wahrheit aber ist für uns nicht greifbar.

1 „Gefällt mir“

Aber genau das ist der Inhalt von wissenschaftlicher Wahrheit. Die Aussagen der der Releativitätstheorie und der Quantentheorie können durch Experimente belegt werden. Und selbst wenn morgen jemand ein (wiederholbares) Experiment durchführen würde, welches die Quantentheorie widerlegen würde, dann würde halt die wahre Aussage: Die Quantentheorie stimmt nicht. gelten.

Man darf nicht vergessen, es gibt auch ohne diese komplexen Theorien schon sehr viele Wahrheiten, die wir mit unseren Sinnen nicht erfassen können. Wie bitte sollen wir mit unseren Sinnen überprüfen, dass die Gravitation auf der Erdoberfläche 9,81 m/s^2 beträgt? Das können wir nur indirekt über Experimente.

Hier beginnt auch das Problem der Wissenschaft. „Die Sonne geht im Osten auf“ kann jeder Mensch für sich selbst verifizieren (wenn man weiß wo Norden ist). Viele der wissenschaftlichen Aussagen können wir nicht selbst überprüfen. Wir müssen darauf vertrauen, das andere Menschen das getan haben bzw. das können.

Das ist die Wahrheit als derzeitiger Stand wissenschaftlicher Erkenntnis. So hatte ich Wahrheit eigentlich auch verstanden, eben als Ergebnis eines wissenschaftlichen Diskurses. Dann kamst Du aber mit einem ganz anderer Wahrheitsbegriff:

und

Also ist die derzeitige Quantentheorie nun universell (d.h. auch für alle Zeiten) gültig oder nicht?

Das ist genau das populäre Missverständnis bzgl. wissenschaftlicher Wahrheiten.
Das Gravitationsgesetz von Newton z.B. ist immer noch wahr, doch es ist nicht genau.
Die damals gefundene Regeln gelten noch immer. Man kann damit valide Vorhersagen für viele Dinge am Himmel treffen (oder für Kanonenkugeln). Diese Wahrheit wurde also nicht widerlegt,
sondern durch neue Erkenntnisse verfeinert.

Doch es gibt dieses falsche Verständnis von Wissenschaft, das Wahrheit mit Genauigkeit verwechselt.

Wenn also klar ist das Rauchen eine wesentliche Ursache für Lungenkrebs ist. Dann kann es trotzdem Raucher ohne Lungenkrebs geben oder Lungenkrebs-Opfer, die keine Raucher sind. Dadurch wird die Aussage Rauchen verursacht Lungenkrebs nicht falsch.

In diesem Sinne ist die Quantentheorie wahr, denn es gibt genügend Belege dafür. Doch es kann sein, daß es in Zukunft irgendwann eine noch besser Erklärung geben wird. Diese wird die Quantentheorie aber nicht zu einer Unwahrheit machen, nur weil die neuere Theorie genauer ist.

Es gibt also auch universelle aber ungenaue Wahrheiten?

Aber das ist doch genau meine ursprüngliche Auffassung von Wahrheit als momentanes Ergebnis eines wissenschaftlichen Diskurses.

Und mit was lesen wir die Ergebnisse dieser Experimente, wenn nicht mit unseren Sinnen? Der größte Elektronenbeschleuniger ist letzten Endes auf einen Menschen angewiesen, der die Ergebnisse an einem Display mit seinen Sinnen abliest. Nichts geht in Dein Gehirn, ohne vorher durch ein Sinnesorgan gelaufen zu sein. (Das könnte sich in Zukunft ändern)

Bitte sage mir, über welchen Wahrheitsbegriff wir reden Ist es dieser:

Ist die Quantentheorie also eine wissenschaftliche Wahrheit?

Oder ist es lediglich der derzeitige Erkenntnisstand:

Wir sollten uns einfach auf die Begrifflichkeiten einigen.