Sir Kenneth Calman (1941) war ein schottischer Arzt.
Er „erfand“ das Calman-Gap, das ist die Differenz zwischen den Erwartungen einer Person und ihrer Lebensrealität.
Das Calman-Gap dient als Modell zur Erfassung und Analyse der Lebensqualität. Nach Calman ist die Lebensqualität umso geringer, je größer die Differenz zwischen den Erwartungen und der Realität ist.
Dabei kann sowohl eine Verbesserung des Ist-Zustands als auch eine Anpassung der Erwartungen zur Steigerung der Lebensqualität beitragen.
Das erinnert mich an den (m.W. aus dem Taoismus stammenden) Gedanken, dass man keine Hoffnungen oder Erwartungen an die Zukunft haben soll, weil die Erwartungen von heute die Enttäuschungen von morgen sind und nur unglücklich machen.
Kenne ich noch gar nicht - klingt auf jeden Fall interessant - die erste Frage, die sich mir stellt ist, ob es nicht Erwartungen gibt, die sich unserer willentlichen Beinflussung (weitestgehenst) entziehen - und somit als notorische Quelle für Unzufriedenheit unterschwellig mitschwingen)
wohl schon, die ganz grundlegenden Dinge, wie nicht hungern, nicht frieren, nicht verletzt werden, nicht sterben.
Aber ich sehe die praktische Nutzanwendung erstmal bei den vielen weniger gravierenden Dingen, die wir uns ständig wünschen.
Wobei Calmans Gedanke offenbar in der Palliativmedizin eine Rolle spielt, ich habe davon zuerst gelesen in einem Interview mit einer Ärztin aus dem Klinikum Großhadern bei München, die in dem Bereich tätig ist (Prof. Bausewein).
Der Ansatz besteht da offenbar darin, dass man dem Kranken seine Situation realistisch schildert und ihm sagt, was möglich ist und was nicht, um falsche Hoffnungen zu vermeiden.
Das Dilemma bei dem Grundsatz ist, dass man vielfach seine Höchstleistung nur abruft, wenn man an den Erfolg glaubt.
Beschränkt man diesen Glauben von Anfang an, reduziert man tendenziell die Erfolgschancen. Aber ist uU dennoch ganz zufrieden.
Mit der Einstellung wäre der Mt. Everest nie bestiegen worden (was auch kein Verlust wäre, aber anderes Thema).
Ich hatte noch nie von ihm gehört, aber Danke für deinen Beitrag, denn jetzt habe ich endlich eine Referenz, mit der ich meine eigenen Überlegungen, die ähnlich sind, verknüpfen kann. Ich habe schon mehrfach in Diskussionen gesagt:
„Man kann Unzufriedenheit messen: Es ist das Delta zwischen Erwartung und Realität (im besseren Fall) oder Erwartung und subjektivem Empfinden (schlechtere, aber häufigere Variante).“
Sehr unbewusst habe ich in meinem Leben eine Haltung entwickelt, keine hohen Erwartungen an mein Umfeld, die Politik, an die Menschen um mich herum zu stellen. Wobei sich das zunächst auf private Kontakte bezog. Das hat bei mir viel damit zu tun, dass ich meinerseits ungern irgendwelchen Erwartungen entsprechen möchte, insbesondere nicht solchen, die auf „das war schon immer so“, „das macht man halt“ oder auf falsch verstandener Loyalität beruhen. In der Tat fahre ich damit sehr gut, ich habe aber erst vor vielleicht 10 Jahren angefangen, darüber nachzudenken.