Gerechtigkeit ist ein völlig überschätzter bzw. verkannter Faktor bei der Ausgestaltung gesamtgesellschaftlicher Systeme.
Ein System muss erstmal funktionieren und bezahlbar sein.
Wenn es das ist, kommt die Feinjustierung wegen der Gerechtigkeit.
Und wenn es am Ende für ein paar % der Fälle ungerecht ist, dann müssen wir damit leben.
Was hilft uns ein System, das theoretisch gerecht, aber nicht funktioniert?
Mit dem Hinweis auf Ungerechtigkeiten kann man jedes System und vor allem jede Reform töten.
Jedes System mit -zig Millionen Teilnehmern weist Ungerechtigkeiten auf.
Unsere gesamtgesellschaftliche Reformunfähigkeit und das schneckenhafte Veränderungsthema rührt auch daher, dass zuviele Leute die Vorstellung haben, man könne absolut gerechte Lösungen finden. Vor lauter Gerechtigkeitsdiskussionen wird dann vergessen, dass wir vor allem funktionierende und bezahlbare Lösungen brauchen.
Dementsprechend funktioniert vieles bei uns nicht mehr, aber alle sind stolz darauf, dass sie sich lautstark für (ihre subjektiv empfundene) Gerechtigkeit engagieren.
Beispiel Wehrpflicht:
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die Wiedereinführung der Wehrpflicht droht an der fehlenden Wehrgerechtigkeit zu scheitern.
Die Gesetzeslage gibt eine Wehrpflicht für Frauen nicht her.
Das wird als ungerecht empfunden, Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, uU verfassungswidrig.
Die nötige 2/3 Mehrheit für die GG-Änderung kommt aber nicht zustande. -
Weiterhin kann die Bundeswehr wohl nicht nur einen Teil der Wehrpflichtigen „ziehen“, da das gegen die „Wehrgerechtigkeit“ verstoßen würde.
Es fehlen aber die Kapazitäten (Kasernen, Ausbilder usw), um alle tauglichen Wehrpflichtigen zu ziehen.
Dazu
Modell der Wehrpflicht: Warum eine Wehrpflicht mit Zwang nicht die Probleme löst | DIE ZEIT
Also müssen wir wohl wehrlos bleiben, weil es nur „ungerechte“ Lösungen gibt.
Die Verteidigung des Landes scheitert an verkopften Gerechtigkeitserwägungen.
Ein absurdes Ergebnis.
Wenn ich höre, dass das Rentensystem „gerechter“ werden muss, stellen sich mir die Haare auf.
Wer das als oberstes Ziel ansieht, hat das Problem nicht erfasst.
Das System sollte erstmal leistungsfähig und finanzierbar sein!!
Eine Lösung, die gerecht ist, aber nicht funktioniert, ist keine Lösung.
Und nein, ich plädiere nicht dafür, bewusst ungerechte Systeme zu schaffen und auf Gerechtigkeit zu pfeifen. Aber dafür, einen Rest an Ungerechtigkeit hinzunehmen, wenn in der Praxis nur so ein funktionsfähiges System geschaffen werden kann.