Zu Weihnachten habe ich ein Buch verschenkt, das sich jemand von mir gewünscht hat, und heute hatte ich die Gelegenheit, auch selbst darin zu lesen. Ich bin dabei auf einen Absatz gestoßen, den ich mit euch teilen möchte:
„Ein wissenschaftlicher Konsens ist keine Abstimmung
Bei einem wissenschaftlichen Konsens geht es nicht um die klassische demokratische Mehrheit wie wir sie aus Umfragen oder politische Wahlen kennen. Wissenschaftlicher Konsens entsteht stattdessen durch die „Mehrheit“ der Daten, die wissenschaftliche Evidenz. „Mehrheit“ ist deshalb in Anführungszeichen, weil es hier weniger um die „Anzahl“, sondern mehr um das „Gewicht“ geht. Zwar hilft es, wenn besonders viele Studien eine bestimmte Hypothese unterstützen, aber relevanter ist es, wie stark und aussagekräftig diese Studien sind.
Wenn es methodisch starke Studien sind, wenn es gut reproduzierbare Methoden mit weniger Researcher Degree of Freedom sind, und wenn die Ergebnisse von unterschiedlichen Methoden, die unterschiedliche Aspekte der Hypothese beleuchten, sich ineinanderfügen lassen und ein konsistentes Bild ergeben - wenn die Puzzleteile zusammenpassen -,dann kann man von einem wissenschaftlichen Konsens sprechen.“
Mai Thi Nguyen Kim, Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit, Droemer 2021
Das hat sie wirklich gut formuliert, finde ich.
Und auch die 3 Sätze, mit denen sie das Buch beschließt, gefallen mir:
„Ich hoffe, dass wir von der Wissenschaft lernen können. Ich hoffe, dass es besser wird. Ich hoffe, dass meine Tochter irgendwann dieses Buch aufschlägt, und mich danach fragt, warum wir damals eigentlich so seltsam waren.“
Vielen Dank für den Buchtipp! In einer Leseprobe mit dem Kapitel zum Drogenmißbrauch wurde mir bestätigt, was ich schon vor mehr als 30 Jahren im Studium gelernt habe: Der Alkohol ist das größte Problem, wenn man die Studienlage und Zahlen objektiv betrachtet.
Leider gibt es kein Kapitel zu umfragebasierten Forschungsergebnissen, die hier in den Diskussionen immer wieder eingefordert werden und deren Fragwürdigkeit ich mal an anderer Stelle thematisiert habe.
Das liegt vermutlich daran, dass Mai Thi Nguyen Kim Naturwissenschaftlerin ist.
Vielleicht hat jemand anderes dazu was geschrieben? Das könnte man hier im thread dann ja auch verlinken.
Richtig. Anders als bei naturwissenschaftlichen Ergebnissen, wo in der Regel objektive Meßwerte zugrunde liegen.
Geschlossene Umfragen (Fragebögen) in Soziologie, Psychologie, Politik geben in ihren Fragestellungen die Antworten schon vor.
ZB. ein Ranking der wichtigsten Themen für die Wahlentscheidung: innere Sicherheit, Rente, Migration etc. Gutes Aussehen des Kanzlerkandidaten steht nicht zur Auswahl.
Insofern bekommt jeder Auftraggeber von Umfragen das Ergebnis, was er bestellt und bezahlt hat.
Das ist gar nicht so sehr der Hauptunterschied - ähnlich wie in der Soziologie liefern auch viele naturwissenschaftliche Aussagen und Studien nur noch einen statistischen Zusqmmenhang (Beispiel Klimawandel).
Der große Unterschied zwischen Natur- und Sozialwissenschaft ist, dass die Naturwissenschaft das ergebnis selbst nicht mehr bewertet - ob es gut ist oder nicht, dass sich die Umweltbedingungnen so verändern, dass der Mensch ausstirbt (wie Millionen anderer Lebensformen vor ihm), ist ei e Fragestellung, die die Naturwissenschaft nicht mehr beantworten kann. Es mag also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten, dass ei einem globalen kombinierten ABC-Krieg die Menschheit ausstirbt (und die Naturwissenschaft liefert hierzu noch eine ungefähre Prozentzahl) - aber was daraus folgt ist kein sinnvoller Bestandteil einer naturwissenschaftliche Betrachtung mehr.
Anders die Sozialwissenschaften. Sie stellen den Menschen per se in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, und werten die Ergebnisse der Naturwissenschaften am Erfolg für den Menschen.
Gerade beim Klimawandel gibt es zusätzlich eindeutige kausale Zusammenhänge, die genau modelliert und quantifiziert werden.
Der große Unterschied ist, dass die Naturwissenschaften Beobachtungen unter genau kontrollierten Laborbedingungen machen und die Thesen exakt mathematisch formulieren können.
Wusst ich, dass das kommt. Auch wissenschaftliche soziologische Untersuchungen beruhen auf Befragungen. Irgendwo habe ich an anderer Stelle im Forum diese Problematik schon mal ausgeführt. Letztendlich können solche „wissenschaftlichen“ Untersuchungen alles belegen, was man will, wenn man die Fragen richtig auswählt.
Naturwissenschaft zählt Fakten: Zahl der Frösche im Teich xy am 1. Juli jeden Jahres/ tägliche Niederschlagsmengen in Kleinklecksersdorf oder Cadmiumgehalt in Nutella. Das ist halbwegs objektiv, außer der Zähler erfindet ein paar Frösche dazu.
Genau - aber sie bewertet die Fakten nicht - sie prognostiziert die zukünftige Zahl der Frösche, und hat vielleicht auch eine Prognose, was es für den Mikrokosmos Teich bedeutet, wenn die Zahl der Frösche auf 0 zurückgeht. Aber kein Wort darüber, für wen das nun gut und/oder schlecht ist.
Daher bietet uns die Naturwissenschaft den mathematisch-kausalen Zusammenhang - aber erstmal keine Orientierung für eine Entscheidungsfindung.
"Wissenschaft ist weit mehr als das Finden naturwissenschaftlicher Fakten. Wissenschaft ist eine methodengestützte Haltung, der Wirklichkeit zu begegnen: Wissenschaft bedeutet, mit der Kraft unseres Verstandes der Struktur der Welt näherzukommen. Wissenschaft ist dabei immer wieder von Demut und Zweifeln geprägt. Sie ist sich ihrer Wahrheit nie sicher. Sie bleibt kritisch. Sie zweifelt Gewissheiten an und hinterfragt sie, um sie besser zu verstehen. Und das ist besonders wichtig: Sie tut es in einer Weise, in der ihre Argumente transparent von anderen nachvollzogen werden können. Sie ermöglicht es uns, gemeinsam eine Welt auf der Grundlage von gut begründeten Argumenten zu gestalten.“
MERTON Magazin – 9 Dec 19
„Unite behind the science“ – aber bitte hinter der gesamten Wissenschaft!
Was ist Wissenschaft? | Beratungsportal Germanistik).
„Intersubjektivität:2) Neutralität und Sachlichkeit beim wissenschaftlichen Arbeiten; Einbeziehung verschiedener Positionen zum Forschungsgegenstand – die Erkenntnisse müssen unabhängig von persönlicher Meinung und eigenem Standpunkt auch für andere nachvollziehbar sein.“
„Wissenschaft ist weit mehr als das Finden naturwissenschaftlicher Fakten. Wissenschaft ist eine methodengestützte Haltung, der Wirklichkeit zu begegnen: Wissenschaft bedeutet, mit der Kraft unseres Verstandes der Struktur der Welt näherzukommen. Wissenschaft ist dabei immer wieder von Demut und Zweifeln geprägt. Sie ist sich ihrer Wahrheit nie sicher. Sie bleibt kritisch. Sie zweifelt Gewissheiten an und hinterfragt sie, um sie besser zu verstehen. Und das ist besonders wichtig: Sie tut es in einer Weise, in der ihre Argumente transparent von anderen nachvollzogen werden können. Sie ermöglicht es uns, gemeinsam eine Welt auf der Grundlage von gut begründeten Argumenten zu gestalten.“
Der link lässt sich nicht aufrufen, aber zu dem Satz „unite behind the science“ hatte Mai in ihrem oben von mir empfohlenen Buch auch einen Kommentar abgegeben. Sie hatte zwar als Wissenschaftlerin mit unterschrieben, aber ihr geht es ausdrücklich dabei nicht darum, wie viele Wissenschaftler der Überzeugung sind, dass der Klimawandel menschengemacht ist, sondern ob sie es belegen können mit Ergebnissen, die durch starke Methoden gewonnen wurden, und dass man darauf den Fokus legen soll bei allen Debatten darüber.
Das ist doch schon mal sehr viel Orientierung (im Sinne des Wortes): wo stehen, welche Pfade gibt es von hier aus. Bestenfalls müssen wir lediglich das Ziel bestimmen.
Dabei aber auch im Hinterkopf behalten, dass es sehr viele unterschiedliche Ziele geben kann.
Sie können vom individuellen Überleben, so lange es geht, über eine gute Zukunft für die Menschheit bis hin zur Belohnung im Himmelreich sehr unterschiedlich sein.
Was ist das für eine Orientierung, wenn wir feststellen, dass wir neben recht, links oben und unten sowie allerlei Kombinationen dieser Richtungen auch noch eine 4te Dimension haben - die Naturwissenschaft gibt keinen Anhaltspunkt dafür, welche Richtung in unser speziellen Situation weiter zu gehen ist.
Selbst dann, wenn die Naturwissenschaft weitere Details liefert (Rechts gibst nach 2 km ein Wirtshaus und Links erst in 10 km eine Wiese, wo man Pilze sammeln und braten kann).
Die Wertung, was „besser“ oder „schlechter“ ist, gibt es in der Naturwissenschaft einfach nicht. Und damit liefert sie keinerlei Orientierung - sie verknüpft bestenfalls Ursachen und Wirkungen miteinander - die Bewertung der Wirkung gibt es einfach nicht.
Wenn du auf Pils stehst, gehst du nach rechts, und wenn du Pilz bevorzugst, nach links. Das ist dann natürlich wieder eine politische Entscheidung, falls du nicht allein unterwegs bist, aber die Orientierung ist doch gegeben.
Soziologie und Psychologie geben sich als die jüngsten aller Wissenschaften einen „methodisch wissenschaftlichen Anstrich“ um ernst genommen zu werden. Dabei haben sie nur ein Meßinstrument: die Befragung, aber keinerlei Maßeinheiten um objektiv zu vergleichen. Um als wissenschaftlich repräsentativ zu gelten, genügt eine Mindestzahl der Befragten und eine korrekte Stichprobenauswahl.
Aber bei der Fragenauswahl beginnt schon die Manipulation. Offene Fragen werden wegen der schwierigen und zeitaufwendigen Auswertung kaum genommen, so dass es nur ausgewählte geschlossene Fragen gibt und man damit bereits das Ergebnis manipulieren kann. Das ist ungefähr so, als wenn man Schadstoffe im Wasser messen will, aber nur die Chemikalien zur Analyse auswählt, die garantiert nicht /gering vorhanden sind und so das Wasser für sauber erklärt. Nur dass man beim Wasser sofort Wissenschaftler hat, die objektiv Einspruch erheben können.
Zur Problematik hinzu kommen die Befragten, die eventuell nicht ehrlich sind oder keine Lust zur Antwort haben oder das antworten, was man von ihnen erwartet. Wasser kann bei der Messung im Labor nicht sagen: „meine Cadmiumwerte erzähle ich euch nicht.“
Und deswegen sind diese soziologischen „wissenschaftlichen“ Untersuchungen immer zweifelhaft.
Wer in diesen Wissenschaften eine Untersuchung bezahlt, bekommt meist auch das erwünschte Ergebnis. Eine objektive Vergleichbarkeit mit anderen Studien ist meist nicht möglich.
Oder: Baiersdorf kann zwar eine Abwasserprobe ihrer Fabriken manipulieren, indem sie nur die Schadstoffe messen lassen, die nicht drin sind, aber jeder Chemiker kann die Ergebnisse durch eigenen Messungen widerlegen. In der Soziologie ist das sehr viel schwieriger.