Wörter - ihre Nutzung und Herkunft. Probleme mit den Nazis mal wieder

Ich hatte gerade einen Dialog über den Begriff „Nestbeschmutzer“. Meines Wissens ist der in der Rechten Szene gebräuchlich, um Leute zu titulieren, die de Szene entkommen möchten. Und auch sonst Leute, die dem Völkischen abtrünnig werden.
Das führte mich zu dem Gedanken, mal zu überlegen, wieviel mal sich von den früheren und aktuellen Nazis an Deutsch wegnehmen lassen kann oder soll.

Kraft durch Freude finde ich persönlich ein nettes Wortpaar. Aber das ist dermaßen kontaminiert, dass es nicht mehr nutzbar ist. Heute heißt es „Flow“.

Aufgewachsen bin ich im Studium der 80er Jahre mit
SS (Sommersemester)
NS (Naturschutz)
KZ (Keimzelle oder Körperzelle)

Heute geht das nicht mehr. Das ist doch eigentlich schade.

Apfelsine und Bahnsteig oder Bürgersteig werden dagegen ohne Bohei benutzt.

Bin gespannt auf die Ansichten.

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Sprache ist etwas lebendiges - das bedeutet, dass sich die Sprache weiterentwickelt - oder zumindest verändert.
Wenn also Sprache bestimmte Begrifflichkeiten deswegen vermeidet, weil sie zu Missverständnissen (?!) einladen, da durch ein oder mehrere prägende Events die Begrifflichkeit negativ konotierte Assoziationen weckt, so ist das sogar hilfreich.
Einfaches Beispiel ist der Begriff „Führer“ - es gibt viele Führer (z.B. Kran-, Hunde-, Stadtführer, etc.) - nun ist der Begriff seit '33 in unserem Sprachraum negativ konotiert (also gut, eigentlich erst seit '45 :thinking:

Wenn sich nun die Sprache anpasst, um diese negative Konotation als missverständliche Interpretation zu elminieren - so ist das doch eher ein wunderbares Beispiel gegenseitigen Respekts denn eine Bürde.

Daher finde ich solche Anpassungen nicht bedauerlich - sondern positiv!

Welche Probleme gibt es mit diesen Wörtern? Vielleicht bin ich zu ungebildet dazu? Ich komme nicht aus einem Akademikerhaushalt.

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Hitler hat die deutsche Sprache bereinigt.
Ich kann was raussuchen.

mir sagt das auch nix, und ich glaube nicht, dass das am tatsächlich fehlenden Studium meiner Eltern liegt :slight_smile:

Ich meinte das hier. In meiner Erinnerung sind Worte wie Viertopfzerknalltreibling Hitler zuzuordnen, der die Deutsche Sprache gerne deutscher haben wollte.
Auch Begriffe wie Pampelmuse statt Grapefruit sollen so entstanden sein.
Und eben Bürgersteig statt Trottoir.

Offenbar ist das Gegenteil der Fall:

In „Mein Kampf“[14] schreibt Hitler:

„Wenn irgend etwas unvölkisch ist, dann ist es dieses Herumwerfen mit besonders altgermanischen Ausdrücken, die weder in die heutige Zeit passen noch etwas Bestimmtes vorstellen, sondern leicht dazu führen können, die Bedeutung einer Bewegung im äußeren Sprachschatz derselben zu sehen. Das ist ein wahrer Unfug, den man aber heute unzählige Male beobachten kann.“

@WitzelJo, hier ein Beispiel für meine Selbstreflexion.

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Es gibt dazu eine „schöne“ Szene in „Schindlers Liste“:
Als der Räumungsbefehl für das Lager von Schindler kommt, unterhalten sich Schindler und Stern, wie es nun weitergeht.

Stern: „Ich weiß, wohin die transpeote gehen - das hier ist der Räuumungsbefehl - ich muß bei der Organisation mithelfen, und im letzten Zug mitfahren“.
Schindler: „Ich habe mit Göth gesprochen - Sie haben dort nichts zu befürchten - Ihnen wird eine Sonderbehandlung zuteil“.
Stern: In der Weisungen, die aus Berlin kommen, ist immer öfter von „Sonderbehandlung“ die Rede - ich hoffe, das ist nicht das, was Sie meinen…
Schindler: OK, ich meinte „Vorzugsbehandlung“ - müssen wir denn eine ganz neue Sprache erfinden?"
Stern: „ich glaube, schon.“

Wenn wir also heute Begriffe wie „Endlösung“, „Sonderbehandlung“, „Neger“, oder ähnliches „historisch belastetes“ verwenden, müssen wir damit rechnen, dass dies dazu einläd, missgedeutet zu werden…

Nun kann man sich sehr wohl auf den Standpunkt stellen, dass man sich doch die eigene Sprache nicht von einem „Fliegenschiss der Geschichte“ (Gauland) versauen lassen sollte - aber man geht eben ein hohes Risiko ein, missverstanden zu werden.
Warum also ein solches Risiko eingehen, wo es doch ganz zwanglose Alternativen gibt?

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Weil so nur die Euphemismutretmühle aktiviert wird.
Meine Kinder kannten bis zum Ende der Grundschulzeit das Wort „Neger“ nicht und dem Rassismus hat das nicht geschadet.
Nur, dass meinen Kindern die kritische Debatte vorenthalten wurde.
Ich bin damit aufgewachsen, dass „Neger“ das freundliche Wort ist und „Nigger“ das böse.
Auch Worte wie „Franzmann“ waren bei uns zu Hause gebräuchlich, was meine Eltern nicht davon abgehalten hat, über Jahre Carepakete nach Polen zu schicken und stets für alles und jeden ein offenes Haus, ein offenes Ohr und ein Bier zu haben.
Wir hatten Palästinenser im Haus, als diese noch Bombenleger waren. Langhaarige Leute im T-Shirt in den 70ern.

Die Worte haben mit der Weltoffenheit nichts zu tun.

DAS sollten wir den Leuten beibringen.

Wie sagte Morgan Freeman? „How to end rassism? Stop talking about it.“

Was sagst du dann zu der Äußerung „ich bin nicht dein Neger“?

weil die „Missdeutung“ der Sprache ein politisches Instrument geworden ist.
Neger geht nicht, also sag(t)en wir Farbiger.
Aber auch das geht nicht mehr, also jetzt PoC.
Ich wette, dass auch das irgendwann nicht mehr geht, keine Ahnung, was dann kommt.
Mohr, Mohrenapotheke, Mohrenkopf, dasselbe Strickmuster.
Großschreibung trans / Trans, trans als Adjektiv oder Wortbestandteil? Transfrau oder trans Frau?
Das Gendern, auch so ein sprachpolitischer Unfall.

Dem politisch Andersdenken wird immer die falsche Sprache vorgeworfen und diese dann als Ausdruck einer falschen Haltung interpretiert.
Dem kann man durch noch so viele sprachliche und kulturelle Verrenkungen nicht entkommen.
Wenn ich Rasta-Locken trage, könnte man das als Unterstützung und Sympathie für die Rastafaris sehen (so war das früher). Aber nein, heute ist es kulturelle Aneignung und damit kurz vor Kolonialismus und Völkermord.

Deine „zwanglose“ Vermeidung von Streit ist vielleicht eher Unterwerfung aus Konfliktscheu?!
jedenfalls führt sie zu nichts.

Wobei ich bei Nazi-Vokabular tatsächlich eine Ausnahme machen würde.
Das ist eine singuläre Problematik für uns Deutsche, da können andere Spielregeln gelten.
Insoweit gebe ich Dir Recht

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ich wusste doch, dass da noch was kommt :innocent:

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Sag lieber, was du zu der Äußerung meinst.
Ich hatte dich zwar nicht gefragt @lawandorder, aber sie scheint ja dein Interesse geweckt zu haben.

Im Prinzip verstehe ich, was Du damit meinst - wenn die mögliche Missdeutung mir nicht bekannt ist - wie sollte ich ihn in meiner Sprachauswahl berücksichtigen - es gibt dazu eine nette Annekdote aus miener Familie: als meine Tochter 5 Jahre alt war, habe ich ein Rhetorikkurs besucht - wir waren damals frisch (2Tage vorher) umgezogen.
Im Kurs gab es eine sehr lustige Situation: ich sollte vor die Kursteilnehmer (die vorher von der Leiterin genau instruiert worden waren), hintreten, eine Rede beenden, und auf das dann kommende Feedback reageiren. „Schlau“ wie ich war dachte ich , es ginge darum, mit Kritik, Wutausbrüchen oder ähnliche negative Reaktionen aus dem Publikum umzugehen - daher wollte ich ihnen auch eine passende Situaton dafür schaffen. ich trat also vor sie hin mit den Worten: und hiermit beende ich meine Rede mit der Frage an euch alle: „Wollt ihr den totalen Krieg?“
Statt mich nun mit „virtullen Eiern“ zu bewerfen, brachen die Leute in Jubelstürme für mich noch nie gekannten Ausmaßes aus - Ziel der Übung wäre gewesen, mit so was umzugehen - ich aber musste mich abwenden, weil mir das peinlich war, was natürlich genau falsch war …
Ich erzählte das dann Abends im Familienkreis, und wir haben über diesen Flop sehr gelacht - meine Tochter verknüpfte das sogleich mit „sehr lustig“ - am nächsten morgen öffnete sie euphorisch das Küchenfenster, und brüllte in den Innenhof, in dem sich einige muslimische Mitbewohner, die auch gerade neu eingezogen waren (Neubau): „Wollt ihr den totalen Krieg“?
Die noch Unbekannten, mit denne wir die nächsten 30 Jahre zusammenleben müssen, schauten sehr verwundert zu unserer Wohnung hinauf - es gab viele fragende Blicke…

Natürlich ist das in gewisser Weise sehr witzig - aber sowas kann auch mal zu ganz üblen Verstimmungen führen.
Bei meiner Tochter hätte sich das nur vermeiden lassen, wenn ich sie vorher darüber aufgeklärt hätte, in welchem Zusammenhang dieser Satz damals fiel…
Ich würde zumindest in diesem Fall die Weltoffenheit meiner
Tochter deswegen noch nicht infrage stellen.

Anders ist es nun, wenn ich um den historischen Hintergrund weiß, und solche Begriffe trotzdem verwende - selbst dann, wenn sich diese Dinge während des Redeflusses nicht unmittelbar ins Bewusstsein drängen, weil das Gehirn sich aus seinem Fundus an Floskeln „automatisch“/unbewusst(?!) das passende zusammenkonstruiert - wenn man davon ausgeht, dass das eigene Gehirn intuitiv genau das mit sochen Textbausteinen ausdrückt, was es nuanchiert rüberbringen will - dann ist es eben kein „Zufall“ oder „versehen“, in bestimmten Momenten von „Endlösung“ oder „…bis zur Vergasung…“ zu sprechen.
Vor allem dann, wenn man etwas schreibt, das man in Hinblick auf diese Aspekte noch einmal prüfend durchlesen kann, bevor man das absendet.
Jeder Leser kann also davon ausgehen, dass die Worte nuanchiert exakt das wiedergeben, was da steht. Bei solch umstrittenen Formulierungen bleibt also nur, entweder nachzufragen - oder darauf direkt zu ragieren.

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Ich denke, ich habe es so verstanden, wie es gemeint war.
Kurios ist nur, dass ich mir nie gewünscht habe, dass meine Beiträge verschoben wurden und nachdem ich brav entschärft habe und um das Zurückschieben bat, kam dieser Satz.

Ich hätte also inhaltlich mit Empörung reagieren können.

Er hat wie ich befürchtet, dass da noch was kommt und vermutlich aus denselben Grund wie ich auf eine Bemerkung zur Bemerkung verzichtet.

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Das Blöde ist nur, dass das von Maurisch kommt und mal ein Lob war.
Man muss über die Geschichte der Wörter nichts mehr wissen.
Empörung reicht, um zur Tat zu schreiten.

Das ist die toxische Wokeness.

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Also „Neger“ im Sinne von „Dienstleister“?

Ja. Als Redewendung. Rassismus geht nicht weg, wenn man die Herkunft verneint.

„Bis zur Vergasung“ hat übrigens nichts mit dem Holocaust zu tun.
Und „Schwuliät“ nichts mit Homosexualität

Wenn man diese Redewendung weiterhin im Sinne vom Dienen verwenden möchte, wäre es doch gut, die Menschen mit dunkler Hautfarbe jetzt so zu nennen, wie sie selbst genannt werden möchten. Die Sklaverei ist ja jetzt abgeschafft, und die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt.

für andere Gruppen gäbe es andere „singuläre Problematiken“… wie gehst du damit um?
dürfen die, entsprechend deren singuläre Problematik handeln, oder nicht?

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